Fremdes...

Mit der Zeit


Mit der Zeit lernst Du
dass eine Hand halten
nicht dasselbe ist wie eine Seele fesseln
und dass Liebe nicht anlehnen bedeutet
und Begleitung nicht Sicherheit.

Du lernst allmählich
dass Küsse keine Verträge sind
und Geschenke keine Versprechen.

Und Du beginnst
Deine Niederlagen erhobenen Hauptes
und offenen Auges hinzunehmen
mit der Würde des Erwachsenen
nicht maulend wie ein Kind.

Und Du lernst, all Deine Straßen
auf dem Heute zu bauen
weil das Morgen ein zu unsicherer Boden ist.

Mit der Zeit erkennst Du
dass sogar Sonnenschein die Haut verbrennt
wenn man zuviel davon abbekommt.

Also bestell Deinen Garten
und schmücke selbst Dir Deine Seele mit Blumen
statt darauf zu warten
dass andere Dir Kränze flechten.

Und bedenke
dass Du wirklich standhalten kannst
und wirklich stark bist.
Und dass Du
einen eigenen Wert hast.

(Kelly Priest)

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Selbstliebe


1.

„Nein, nicht gering ist die Zeit, die uns zu Gebote steht; wir lassen nur viel davon verloren gehen. Das Leben, das uns gegeben ist, ist lang genug und völlig ausreichend zur Vollführung auch der herrlichsten Taten, wenn es nur vom Anfang bis zum Ende gut verwendet würde; aber wenn es sich in üppigem Schlendrian verflüchtigt, wenn es keinem edlen Streben geweiht wird, dann merken wir erst unter dem Drucke der letzten Not, dass es vorüber ist, ohne dass wir auf sein Vorwärtsrücken achtgegeben haben. So ist es: nicht das Leben, das wir empfangen, ist kurz, nein, wir machen es dazu; wir sind nicht zu kurz gekommen; wir sind vielmehr zu verschwenderisch. […]
Frage nach jenen Stützen der Gesellschaft, deren Namen auswendig gelernt werden, du wirst sehen, man unterscheidet sie nach folgenden Merkmalen: der eine dient diesem, der andere jenem, keiner sich selbst. Ganz sinnlos ist demnach die Entrüstung so mancher: sie klagen über den Hochmut der Höherstehenden, weil diese für den zudringlichen Besucher keine Zeit gehabt haben! Darf sich irgend jemand herausnehmen, über den Stolz eines anderen zu klagen, der für sich selbst niemals Zeit hat? Jener hat dir unbedeutendem Gesellen doch irgend einmal einen Blick gegönnt, wenn auch einen noch so hochfahrenden, er hat sein Ohr zu deinem Anliegen herabgelassen; du aber hast dich nie für wert gehalten, einen Blick in dich zu tun, auf dich selbst zu hören. Diese deine Dienstbeflissenheit gibt dir also keinen Anspruch auf Beachtung von seiten irgend jemandes; denn als du sie ausübtest, lag dem nicht die Absicht einer Verbindung mit dem anderen zu Grunde, sondern nur das Unvermögen, dir selbst anzugehören. […]
Es überstürzt ein jeder sein Leben, leidet an Sehnsucht nach der Zukunft und an Überdruss an der Gegenwart. Aber der, welcher keinen Augenblick vorübergehen lässt, ohne ihn zu seinem Heil zu verwenden, der jeden Tag so nützlich verwendet, als ob es der letzte wäre, erwartet den morgigen Tag weder mit Verlangen noch mit Furcht. Denn was für einen neuen Genuss könnte ihm denn irgend eine Stunde bringen? Alles ist ihm bekannt, alles gründlich durchgekostet. Was das übrige anlangt, so mag das Schicksal nach Belieben darüber entscheiden: sein Leben ist bereits in Sicherheit. Ein Zuwachs ist noch möglich, ein Abzug nicht, und mit dem Zuwachs steht es ähnlich wie bei einem bereits Gesättigten und Befriedigten, der noch einige Bissen dazu nimmt, nach denen er nicht verlangt, die er sich aber gefallen lässt. Die grauen Haare und die Runzeln geben dir also keinen hinlänglichen Grund zu glauben, es habe irgend einer lange gelebt: nicht lange gelebt hat er, er ist nur lange dagewesen.“

Seneca: Von der Kürze des Lebens, S. 5 ff.

2.

„Waren Sie auch schon mal in Versuchung? Aber ein wenig Zuneigung für sich selbst zu empfinden – ist das schlimm? Trösten Sie sich, das ist eine offene Frage, seit es die abendländische Geschichte gibt. Die ‚Selbstliebe‘ ist umstritten von Anfang an: Sie sei das größte Übel, meinte schon Platon, denn sie halte die Menschen davon ab, gut und gerecht zu sein.
Sich selbst nicht zu lieben, könnte allerdings ein noch größeres Übel sein, denn es verhindert, andere lieben zu können: Das wandte in antiker Zeit jedenfalls Aristoteles gegen seinen Lehrer Platon ein, denn Selbstliebe ist in seinen Augen die Voraussetzung für die Zuwendung zu anderen. Wer zu sich selbst kein Verhältnis hat, kann auch zu anderen keines gewinnen. Das leuchtet durchaus ein, denn wer mit sich selbst nicht im Reinen ist, der ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass er sich anderen zuwenden könnte.
Aus diesem Grund gibt es auch im Christentum, der Religion der Liebe, diesen Satz, den alle kennen und den doch kaum einer ernst nimmt: ‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!‘ Wie dich selbst: Selbstliebe ist die Grundlage der Nächstenliebe. Das ist theologisch nicht immer so erklärt worden, viele Jahrhunderte wurde vielmehr der Verzicht auf Selbstliebe gepredigt. Heute aber lässt sich eingestehen, dass dies keinesfalls nur reine Nächstenliebe zur Folge hatte. Sie und ich, wir können es an uns selbst studieren: Vergeblich versuchen wir, andere zu lieben, wenn die Selbstliebe nicht die Kräfte dafür zur Verfügung stellt, die verausgabt und verschwendet werden können.
Wie kann nun aber die Selbstliebe von Selbstsucht unterschieden werden? Ein einfaches Merkmal nannte schon Aristoteles: Wenn die Selbstliebe nur um ihrer selbst willen da ist, dann handelt es sich um bloßen Egoismus. Ist sie dagegen dazu da, die Zuwendung zu anderen zu ermöglichen, so kann sie keine Selbstsucht sein. Ganz selbstlos sind wir in keinem Fall: Jede Zuwendung zu anderen kommt ja doch wieder uns selbst zugute. Innerlich reich werden wir im Leben letztlich nicht durch uns selbst, sondern durch andere. Die Zuwendung zu anderen ist daher die wahre Selbsterfüllung. So gesehen ist die Frage nicht mehr, ob man sich selbst lieben darf. Es gibt vielmehr Gründe dafür, guten Gewissens darauf gar nicht verzichten zu können.“

Wilhelm Schmid: Darf man sich selbst lieben?,
in: Rainer Weiss (Hrsg.): Die Kunst zu leben: Anleitungen zum Glücklichsein, S. 37 f.

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Utopie


„Es steht etwas über unseren schaffensfreudigen Gedanken, das feiner und schärfer ist als sie. Es sieht ihrem Erwachen zu, es überwacht, ordnet und zügelt sie, es mildert ihnen oft die Farben, wenn sie Bilder weben, und hält sie am knappsten, wenn sie Schlüsse ziehen. Seine Ausbildung hängt von unserer edelsten Fähigkeit ab. Es ist nicht selbst schöpferisch, aber wo es fehlt, kann nichts Dauerndes entstehen; es ist eine moralische Kraft, ohne die unsere geistige nur Schemen hervorbringt; es ist das Talent zum Talent, sein Halt, sein Auge, sein Richter, es ist – das künstlerische Gewissen.“

Marie von Ebner-Eschenbach: Aphorismen, S. 70

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Liebe und Rebellion


„Ich glaube nämlich, dass der Träumer, mag er auch dem Mann auf der Straße noch so unpraktisch vorkommen, tausendmal fähiger und tüchtiger ist als der sogenannte Staatsmann.“
(Henry Miller: Rimbaud oder Vom großen Aufstand, S. 32)

„Diese Menschen sind offenbar in die Welt hineingeboren, damit sie um den Ausdruck ihrer innersten Geheimnisse ringen sollen.“
(Henry Miller: Rimbaud oder Vom großen Aufstand, S. 49)

„Und was ist das Wesen dieses Geheimnisses? Ich kann nur sagen, dass es etwas mit den Müttern zu tun hat. Ich habe das Gefühl, dass für Lawrence und für Rimbaud das Gleiche galt. Die ganze Aufsässigkeit, die ich mit ihnen teile, geht auf dieses Problem zurück, das, soweit ich das ausdrücken kann, in der Suche nach unserer wahren Verbindung mit der Menschheit besteht. Man findet sie weder im persönlichen, noch im kollektiven Leben, wenn man diesem Typ angehört. Man vermag sich so wenig anzupassen, dass man fast wahnsinnig wird. Man sehnt sich nach Seinesgleichen, ist aber von weiten, leeren Räumen umgeben. Man braucht einen Lehrer, doch es fehlt einem hierfür die Demut, die Schmiegsamkeit, die Geduld. Man fühlt sich auch bei den Großen im Geiste nicht heimisch, nicht behaglich; selbst die hochstehendsten erscheinen einem fehlerhaft oder verdächtig. Und doch hat man nur mit ihnen Berührungspunkte. Es ist das ein Dilemma erster Größe, ein Dilemma von höchster Bedeutung. Man muss den entscheidenden Unterschied seines eigenen besonderen Wesens begründen und hierdurch seine Verwandtschaft mit der ganzen Menschheit, selbst mit dem niedersten Menschenkinde, entdecken. Bejahung ist das Schlüsselwort. Aber Bejahung ist gerade der große Stein des Anstoßes. Sie muss vollständig sein und nicht in Konformismus bestehen.
Wodurch wird diesem Menschentyp die Bejahung der Welt so sehr erschwert? Wie ich jetzt sehe, durch den Umstand, dass in der Kindheit die gesamte dunkle Seite des Lebens, und natürlich auch des eigenen Wesens, unterdrückt worden war, und zwar so gründlich, dass man es nicht mehr erkennen konnte. Hätte man die dunkle Seite der Existenz nicht verworfen, argumentiert man unbewusst mit sich selber, wäre das gleichbedeutend mit einem Verlust der Individualität und vor allem der Freiheit gewesen. Freiheit geht Hand in Hand mit Differenzierung. Unter dem Heil ist in diesem Falle nur die Bewahrung der eigenen Identität zu verstehen; sie vollzieht sich in einer Welt, die alles und jedes zu nivellieren sucht. Die Furcht hat hier ihre Wurzel. Rimbaud bestand darauf, dass er in Freiheit erlöst werden wollte. Man wird jedoch nur erlöst, wenn man diese illusorische Freiheit preisgibt. Die Freiheit, nach der er verlangte, bestand in der hemmungslosen Bestätigung seines Ichs. Das ist aber keine Freiheit. Ist man in dieser Täuschung befangen, so kann man, wenn man lange genug lebt, jede Facette des eigenen Wesens ausspielen und immer noch einen Grund zur Klage, zur Rebellion finden. Eine derartige Freiheit gewährt einem das Recht zur Widerrede, notfalls zum Abfall. Sie berücksichtigt nicht die Unterschiede anderer Menschen, lediglich die eigenen. Sie wird niemals dazu beitragen, dass man seine Verbindung, seinen Zusammenhang mit der gesamten Menschheit herausfindet. Man bleibt für immer abgesondert, für immer isoliert. Alles das hat für mich eine einzige Bedeutung: dass man noch an die Mutter gebunden ist. Die ganze Rebellion sollte nur Staub in die Augen streuen, stellte den verzweifelten Versuch dar, diese Bindung zu verbergen. Menschen dieses Schlages sind stets gegen ihr Heimatland eingestellt; es ist ihnen unmöglich, anders zu handeln. Versklavung ist das große Schreckgespenst, mag es nun dabei um das Land, die Kirche oder die Gesellschaft gehen. Sie verbringen ihr Leben damit, Fesseln zu sprengen, aber die geheime Bindung zehrt sie innerlich auf und lässt ihnen keine Ruhe. Sie müssen mit der Mutter ins Reine kommen, bevor sie sich vom Albdruck der Fesseln befreien können. „Draußen, für immer draußen! So sitzen wir auf der Türschwelle des Mutterschoßes.“ Das sind, glaube ich, meine eigenen Worte in „Black Spring““, während einer goldenen Periode meines Lebens, als ich nahezu im Besitz des Geheimnisses war. Kein Wunder, dass man der Mutter entfremdet ist. Man nimmt sie lediglich als Hindernis wahr. Man braucht [aber] den Trost und die Sicherheit ihres Schoßes, jene Dunkelheit und Behaglichkeit, die für den Ungeborenen den gleichwertigen Ersatz für die Erleuchtung und Bejahung des wahrhaft Geborenen darstellt. Die Gesellschaft besteht aus verschlossenen Türen, aus Tabus, Gesetzen, Bedrückungen und Unterdrückungen. Man hat nicht die Möglichkeit, jene Elemente in die Gewalt zu bekommen, aus denen sich die Gesellschaft zusammensetzt und mit denen man arbeiten muss, wenn man jemals eine wahre Gesellschaft begründen will. Es ist ein ständiger Tanz am Rande des Vulkans. Man mag als großer Rebell gefeiert werden, aber man wird niemals Liebe begegnen. Und der Rebell muss mehr als jeder andere die Liebe kennen, sie schenken, mehr noch als sie zu empfangen, und sogar noch mehr Liebe sein, als sie zu schenken.

Henry Miller: Rimbaud oder Vom großen Aufstand, S. 51 ff.

„Im Juli 1880 schrieb Van Gogh seinem Bruder einen jener Briefe, die den Kern der Dinge berühren und das Blut in Wallung bringen. […] In diesem Falle verteidigt sich Van Gogh gegen die Verleumdung des Müßiggangs. Er beschreibt eingehend zwei Arten des Müßiggangs, die üble und die förderliche Sorte. Der Brief ist eine regelrechte Predigt über dieses Thema, und es lohnt sich, dass man immer wieder zu ihm zurückkehrt. […] Dann geht er dazu über, zwischen dem Menschen, der aus Faulheit, aus Mangel an Charakter, infolge seiner niedrigen Natur müßig ist, und jener anderen Art eines Müßiggängers zu unterscheiden, der gegen seinen Willen träge ist; der innerlich von einem großen Tatendrang verzehrt wird; der ein Nichtstuer ist, weil es für ihn unmöglich ist, irgendetwas zu tun, usw. Er schildert den Vogel im goldenen Käfig. Und dann fügt er ergreifende, herzzerreißende, schicksalsschwere Worte hinzu:
‚Und die Menschen sind häufig durch die Umstände gehindert, etwas zu tun; sie sind Gefangene in irgendeinem entsetzlichen, entsetzlichen, ganz entsetzlichen Käfig. Es gibt auch, das weiß ich, die späte Befreiung. Ein zu Recht oder zu Unrecht zerstörter guter Ruf, die Scham, der Zwang der Verhältnisse, das Unglück – durch all das werden wir zu Gefangenen. Man vermag nicht immer zu sagen, was uns eigentlich einschließt, einmauert, was uns zu begraben scheint, aber man spürt doch irgendwelche Schranken, Gitter, Wände. Ist das alles nur Einbildung, Phantasie? Ich glaube nicht. Und dann stellt man die Frage: ‚Mein Gott, ist das für lange Zeit, für immer, für alle Ewigkeit?‘ Weißt Du, was einen von dieser Gefangenschaft befreit? Jede tiefe, ernsthafte Zuneigung vermag das. Freund sein, Bruder sein, lieben – das öffnet das Gefängnis mit aller Macht, durch Zauberkraft. Doch einer, der das nicht hat, bleibt im Gefängnis. Wo die Sympathie erneuert wird, kehrt das Leben zurück.‘“

Henry Miller: Rimbaud oder Vom großen Aufstand, S. 64 f.

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Blockupy: Die Lügen des Innenministers


Freiheitsberaubung und Nötigung bei der Blockupy-Demo: Immer mehr Strafanzeigen gegen das Land Hessen

Von Gitta Düperthal

Der hessische Innenminister Boris Rhein (CDU) habe dem Parlament bei der Anhörung Anfang Juni die Unwahrheit gesagt. Dafür gebe es jetzt konkrete Belege, sagte die Fraktionsvorsitzende der Linken in Hessen, Janine Wissler, am Freitag bei einem Pressegespräch im Landtag in Wiesbaden: »Ein Minister, der das Parlament belügt, darf nicht im Amt bleiben.« Nach Aussagen vieler Zeugen, die bei der Linken immer noch eingingen, sowie nach der Sichtung von Fotos und Videoaufnahmen, sei klar: »Die Blockupy-Demonstration am 1. Juni ist von der Polizei gezielt und mit massiver Gewalt gegen Hunderte friedliche Teilnehmer gesprengt worden«, so Wissler.

Um die Planung von langer Hand und ohne Anlaß zu belegen, erläuterte sie den Zeitablauf: An jenem Samstagmorgen hätten sich bereits ab 10.30 Uhr acht Polizisten aus Recklinghausen (NRW), Baden-Württemberg und Hessen im Jüdischen Museum Sicht auf die Stelle verschafft, wo Stunden später der Kessel entstehen sollte. Nach Aussage des ehemaligen Frankfurter DGB-Vorsitzenden Dieter Hooge habe die Polizei just an dieser Stelle bereits ab 12.30 Uhr mit 1500 bis 2000 behelmten und mit Pfefferspray ausgerüsteten Beamten Stellung bezogen. Mehr als 500 Bundespolizisten seien im Einsatz gewesen, heißt in der am Freitag bekanntgewordenen Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage von der Linke-Bundestagsabgeordneten Ulla Jelpke; Rhein mauert, nennt keine Zahlen. Panzerspähwagen und Wasserwerfer seien dort aufgefahren, als die Demo noch gar nicht losgelaufen war, so Wissler. Gegen 12.45 Uhr sei sie überhaupt erst an der Stelle angelangt, an der die Polizei in den Zug stürmte – Rhein hingegen hatte behauptet, der Kessel sei aufgrund eines »Anfangsverdachts auf Straftaten« entstanden. Dies ist, nach Wissler, die erste gravierende Lüge des Innenministers. Auf eine zweite Lüge Rheins verwies der von der Linken zum Pressegespräch eingeladene Augenzeuge, Rechtsanwalt Paulo Dias. Genau wie vier seiner Kollegen war er an diesem Tag über Stunden im Polizeikessel festgehalten worden – Rhein hingegen hatte beharrt: Jeder habe den Kessel nach Leibesvisitation und Feststellen der Personalien verlassen können.

Nicht nur von seiner Anwaltskanzlei werde es mehrere Klagen wegen Freiheitsberaubung und Fehlverhalten der Verantwortlichen geben, so Dias. Auch einer hochschwangeren Frau sei das Verlassen des Kessels verwehrt worden. Der Hannoveraner Anwalt berichtete außerdem empört vom Fall eines am Boden liegenden Manns, zu dem ihn Polizisten nicht durchgelassen hätten. Begründung: Dieser bräuchte keinen Anwalt. Nicht nur durch Polizeiverhalten sei im Kessel ein rechtsfreier Raum entstanden. Das Amtsgericht Frankfurt habe sich über den gesamten Zeitraum der Zwangsmaßnahmen für nicht zuständig erklärt.

Selbst wenn es aufgrund der fehlenden Stimmen der SPD keinen parlamentarischen Untersuchungsausschuß geben wird, die juristische und politische Auseinandersetzung mit den Rechtsverstößen der Polizei bei der Blockupy-Demo wird weitergehen. So gebe es Beweise dafür, daß Provokateure in die Demo geschleust wurden, berichtet Hans-Christoph Stoodt, Mitglied der Anti-Nazi-Koordination, gegenüber jW. Einem gelben VW-Bus mit Saarbrücker Kennzeichen, der vor dem Frankfurter Schauspiel zu einem Zeitpunkt geparkt worden sei, als die Polizei dort keine Privatwagen mehr durchgelassen habe, seien mehrere ältere Herren mit Kapuzenpullis entstiegen. Dies habe einer der Flughafenausbaugegner, die bei der Demo mitliefen, fotografiert. Das Fahrzeug sei zuvor von Augenzeugen im Konvoi der sächsischen Bereitschaftspolizei mit entfernbaren Blaulicht gesehen worden.

Aus: Junge Welt vom 6 Juli 2013

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Die Liebe ist ein Kind der Freiheit


„Im Unterschied zu den Quanten gibt es für uns Menschen eine zusätzliche Möglichkeit, tragen wir eine weitere Sehnsucht und Bestimmung in uns: Wir können das Zusammenspiel von Freiheit und Verbundenheit erkennen und so bewusster, und das heißt: auch intensiver und freudvoller verwirklichen. Ohne dieses Bewusstsein können die beiden anderen Sehnsüchte nicht wirklich erblühen. Dieses Buch vertritt die Idee, das schon die bisherige, aber mehr noch die künftige Menschheitsgeschichte letztlich davon bestimmt ist, inwieweit es Menschen gelingt, diese drei Potentiale von Freiheit, Verbundenheit und Bewusstsein zu verwirklichen.“

Maik Hosang: Die Liebe ist ein Kind der Freiheit, S. 11

„Von den vielen Gedanken, die uns Platon von Sokrates überliefert hat, wählen wir einige aus seiner Schrift Gastmahl oder Gespräch von der Liebe aus. Wie nebenher erwähnt Sokrates darin, dass er sein Wissen über die Liebe vor allem Diotima, einer weisen Frau, verdankt.

Es ist nun also Eros von solcher Beschaffenheit und Herkunft, und die Liebe ist, wie du sagst, auf das Schöne gerichtet. Wenn nun aber jemand uns fragte: Inwiefern ist denn die Liebe auf das Schöne gerichtet, o Sokrates und Diotima? – was würden wir ihm antworten? Doch ich will es noch deutlicher ausdrücken: Wer des Schönen begehrt, was ist dem dabei der eigentliche Zweck seines Begehrens?
Dass es ihm zuteil werde, war meine Antwort.
Diese Erwiderung, wandte sie ein, bedarf einer neuen Frage: Was wird denn dem damit zuteil, welchem das Schöne zuteil wird?
Auf diese Frage, gestand ich, habe ich durchaus nicht mehr sogleich eine rechte Antwort zur Hand.
Nun, erwiderte sie, wie, wenn jemand statt des Schönen das Gute setzte und dich dann fragte: Wohlan, Sokrates, wer das Gute liebt, was begehrt der eigentlich damit?
Dass es ihm zuteil werde, war meine Entgegnung.
Und was wird jenem zuteil, dem das Gute zuteil wird?
Das, erwiderte ich, kann ich leichter beantworten: er wird glückselig.
Denn durch den Besitz des Guten, fügte sie hinzu, sind die Glückseligen glückselig. Und nun bedarf es nicht mehr der weiteren Frage: Was erstrebt derjenige eigentlich damit, welcher glückselig zu sein wünscht? Sondern hier scheint die Antwort am Ziele angelangt zu sein.

Maik Hosang: Die Liebe ist ein Kind der Freiheit, S. 22f.

„Das Wort „Liebe“ wird heutzutage für sehr viele verschiedene Dinge, Gefühle und Beziehungen verwendet, das macht es nötig, kurz darüber nachzudenken. Die Ausführungen bis hierher machen deutlich: Liebe ist in ihrer eigentlichen Qualität dort und nur dort vorhanden, wo Menschen aus freier Entscheidung das Da-Sein und das So-Sein eines anderen oder anderer innerlich und äußerlich bejahen und unterstützen.“

Maik Hosang: Die Liebe ist ein Kind der Freiheit, S. 27

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Die Freiheit ist ein Kind der Liebe


für Esther und Lucie

„Wenn jedes Lebewesen nur lebendig ist und entwicklungsfähig bleibt, solange es aus sich selbst heraus etwas entwickelt, was wir bei uns selbst als ein Bedürfnis oder ein Motiv bezeichnen und was nichts anderes heißt als dass es etwas (leben, wachsen, sich vermehren) will, dann sollte sich auch erkennen und herausarbeiten lassen, woher dieses Bedürfnis kommt, wie es sich herausbildet und auf welche Weise und mit Hilfe welcher Strategien es gestillt werden kann.“

Gerald Hüther: Die Freiheit ist ein Kind der Liebe, S. 12

„Vielleicht ist die Liebe in Wirklichkeit eine Suche, vielleicht sind Liebende einander Suchende, die etwas von der Suche des anderen, von seinem Ringen nach Ganzheit erahnen. Vielleicht ist Liebe eine Suche nach der Offenheit für das in uns, was größer ist als wir selbst, von dem wir abgeschnitten sind durch unser Begehren, unsere Angst und unsere von anderen übernommenen Vorstellungen und Wünsche. Vielleicht ist Liebe eine Suche nach sich selbst, nach einer in uns selbst verborgenen Kraft, oder nach dem anderen und einer in ihm oder ihr verborgenen Kraft. Wenn Liebe als eine solche Suche verstanden wird – so verschwommen unsere Vorstellung von dieser Suche auch sein mag –, geht es in der Liebe nicht um die Befriedigung definierter, objektivierbarer und messbarer Bedürfnisse. Liebe wäre dann vielmehr ein Prozess des Werdens, ein Prozess der Entfaltung und der Entwicklung von Menschen in der Wechselwirkung ihrer Beziehung. Vielleicht ist Liebe also so etwas wie ein Motor für die Koevolution des Menschen, ein Prozess, in dem sich Menschen wechselseitig die Erfüllung und Verwirklichung ihrer tiefsten Sehnsucht in Aussicht stellen.“

Gerald Hüther: Die Freiheit ist ein Kind der Liebe, S. 16

„Um zu verstehen, weshalb so eine innere Bewegtheit angestoßen wird, müsste man herausfinden, was einem Menschen, der sich in einen anderen verliebt, dabei wirklich bedeutsam ist. Die etwas ernüchternde Antwort auf diese Frage lautet: er hofft, in dem anderen etwas zu finden, was ihm selbst fehlt. Wer in diesen Zustand des Verliebtseins gerät, ist also eigentlich ein Bedürftiger: er erhofft sich Nähe und Verbundenheit, Anerkennung und Zuwendung, Bedeutung und bisweilen sogar Sinngebung seiner eigenen Existenz durch einen anderen Menschen. Und je stärker die betreffende Person bisher unter dem Mangel an all dem gelitten hat, desto intensiver erlebt sie dieses Gefühl der Verliebtheit, wenn sie einem anderen Menschen begegnet, der ihr geeignet erscheint, diese eigenen ungestillten Sehnsüchte zu stillen. Das erzeugt eine starke Anziehungskraft und ein entsprechend starkes Gefühl, das noch weiter gesteigert wird, wenn das Objekt der Verliebtheit, also der oder die andere, die gleichen Sehnsüchte in sich trägt und ebenfalls in der Beziehung zu stillen hofft.
So verleiht die Verliebtheit einer Beziehung eine bisweilen enorme Intensität, aber nicht zwangsläufig auch Stabilität. Denn die Verliebtheit verwandelt sich sehr schnell in Ernüchterung, womöglich sogar Ablehnung und Hass, wenn das Objekt der Verliebtheit sich als ungeeignet erweist, die in sie oder ihn gesetzten Erwartungen zu erfüllen.
Liebe ist [aber] etwas [ganz] anderes. Liebe ist kein Gefühl. Liebe ist eine innere Einstellung, zu der manche Menschen über den Zustand der Verliebtheit finden. Das gelingt freilich nicht allen, denn es setzt voraus, dass der oder die andere irgendwann nicht mehr als Objekt zur Überwindung eigener Bedürftigkeit benutzt wird.
Es setzt voraus, dass man von dem Partner nichts erwartet, dass man ihn oder sie nicht länger zur Überwindung der eigenen Bedürftigkeit benutzt. Lieben kann deshalb nur jemand, der selbst mit beiden Beinen im Leben steht, der nicht mehr an seinem ungestillten Bedürfnis nach Verbundenheit einerseits und nach autonomer freier Lebensgestaltung andererseits leidet. Ein Liebender kann deshalb nur werden, wer in seinem Leben Gelegenheit hatte zu erfahren, dass er so, wie er ist, gemocht wird, dass er dazugehört und gleichzeitig autonom und frei sein darf. Um ein Liebender werden zu können, muss man also zumindest als Kind selbst [wirklich] geliebt worden sein [und eine sichere Bindung erfahren haben].
Diese Erfahrung wird im Frontalhirn verankert und kann später in der engen Beziehung zu einem anderen Menschen erneut aktiviert, verstärkt und dann auch für sich selbst bewusst gemacht werden. So entsteht aus den dabei in der präfrontalen Rinde gleichzeitig aktivierten und dabei miteinander verkoppelten emotionalen und kognitiven Netzwerken eine durch eigene Erfahrung heraus geformte innere Haltung oder Einstellung, eben die eines beziehungsweise einer Liebenden.
Diese Haltung bestimmt die Bewertungen, lenkt die Aufmerksamkeit und steuert das Denken, Fühlen und Handeln der betreffenden Person, also auch ihr Verhalten. Personen, die diese Haltung eines oder einer Liebenden heraus geformt haben, schaffen sich selbst auf diese Weise immer wieder Erfahrungsräume, in denen ihre Haltung durch entsprechende Erfahrungen weiter verstärkt wird. Wenn das in einer Partnerschaft beiden Lebenspartnern gelingt, bilden diese gemeinsam gemachten Erfahrungen die Grundlage einer stabilen Paarbeziehung, in der jeder der beiden Partner immer wieder neu fühlt und erkennt, dass er in dieser Beziehung beides gleichzeitig sein darf: zutiefst verbunden und absolut frei.“

Gerald Hüther: Die Freiheit ist ein Kind der Liebe, S. 52f.

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Wege zum Glück


1.

Was für die Menschen gut oder schlecht ist, stellt für Fromm keine abstrakte philosophische Frage dar, sondern eine ganz konkrete: Was uns wirklich glücklich macht, ist auch gut für uns. Das Erleben von Glück, und nicht etwa von Lust, ist nach Fromm somit ein Hinweis auf ein allgemein menschliches Gut. Lust taugt nicht als Kriterium, da zum Beispiel ein Faschist Lust erleben kann, wenn er andere unterdrückt. Für Fromm führt somit die spontane Selbstbejahung in der Liebe und im kreativen Tätigsein zu Selbstverwirklichung und psychischem Wachstum, was die beste Voraussetzung für das Glück darstellt. […]
Eine der wichtigsten und zugleich schwierigsten Herausforderungen, die einem auf dem Weg zur Freisetzung des wahren Selbst begegnen, ist die Akzeptanz und der Ausdruck abgelehnter Gefühle. […]
Gefühle können als Instrumentarium angesehen werden, mit dem der Organismus ausgestattet ist und das es ihm erlaubt, ohne Rücksicht auf den Verstand, der ohnehin immer alles besser weiß, Ereignisse zu bewerten. Emotionen sind somit das Ergebnis eines organismischen Bewertungsprozesses, der eigentlich von größter Wichtigkeit sein sollte. Wenn wir den menschlichen Organismus mit einem Flugzeug vergleichen und den Verstand mit dem Piloten, dann sind die Gefühle die Warnlämpchen und Anzeigentafeln, mit denen sich der Pilot jederzeit ein zuverlässiges Bild des momentanen Zustandes seines Flugzeuges verschaffen kann. Wenn nun die Nadel einer Anzeigetafel droht, in den roten Bereich vorzurücken, oder wenn eine Warnlampe aufblinkt, dann ist entsprechendes Handeln notwendig, um das Flugzeug wieder in die sichere Zone zurückzuführen. Genauso verhält es sich bei uns. […]
Wenn wir jederzeit auf unsere Gefühle und die damit verbundenen organismischen Bewertungsprozesse hörten, dann wären wir genau so, wie es unserem wahren Selbst entspricht. Wir wären ständig dabei, uns selbst zu aktualisieren und könnten uns immer so annehmen, wie wir wirklich sind. Leider mussten aber viele Menschen im Laufe ihres Lebens und insbesondere in der Kindheit und Jugend erfahren, dass sie so, wie sie sind, nicht immer geliebt und anerkannt werden. […]
Die Verinnerlichung solcher Beziehungsbotschaften und kritisierenden Zuschreibungen führt mit der Zeit dazu, dass sich beim heranwachsenden Menschen immer mehr eine Schere auftut zwischen dem, was er wirklich ist, und dem, was er denkt, dass er sein sollte. […]
Doch Selbstakzeptanz ist nur möglich, wenn man aufhört, sich etwas vorzumachen. Ohne Ehrlichkeit sich selbst gegenüber bestehen die Voraussetzungen nicht, um persönliche Eigenarten, Einstellungen oder Wünsche anzunehmen und sich als ganze Person zu bejahen. Häufig ziehen wir es aber vor, ein falsches Bild von uns zu zeichnen und dieses Bild anderen möglichst gut zu verkaufen. Im Kleinen ist das ganz harmlos und lustig, etwa wenn jemand über stadtbekannte Persönlichkeiten nur mit dem Vornamen spricht, wie das eine liebe Verwandte von mir tut, um den Anschein zu erwecken, als sei sie persönlich mit ihnen befreundet. Tragischer wird die Selbstbeleugnung jedoch, wenn ganze Lebensentwürfe und Selbstdefinitionen damit verbunden sind. […]
Wer sich weigert, sein eigenes Selbst ehrlich zu betrachten und immer wieder neu zu aktualisieren, wird [schließlich] Strategien der Absicherung, der Risikovermeidung, des Verhüllens und Verschleierns, des Anpassens und Vortäuschens, des Abwägens und Abwiegelns wählen, wenn er sich zu anderen Menschen in Beziehung setzt. Wer dagegen den Mut aufbringt, sich selbst so zu sehen, wie er ist, läuft weniger Gefahr, am eigenen Leben vorbeizuleben, als jemand, der hartnäckig an einem illusorischen und rigiden Selbstbild festhält. Die Aufrichtigkeit und die Ehrlichkeit sich selbst gegenüber benötigen viel Mut, denn es ist nicht leicht, eine Illusion aufzugeben, wenn noch nicht klar ist, was denn an der Realität besser sein soll. Doch jeder Mensch trägt eine Art Vision eines gelungenen Lebens in seinem Herzen, und seine Gefühle weisen ihn untrüglich darauf hin, wenn er sich nicht systematisch darin trainiert hat, diesen Gefühlen gegenüber taub zu sein.

Andreas Dick: Mut. Über sich hinauswachsen; S. 160 – 167

2.

Eine entmutigende Erziehung zeichnet sich dadurch aus, dass dem Kind ein negatives Selbstbild vermittelt […] und gleichzeitig […] die Notwendigkeit vor Augen geführt wird, dass es noch einen weiten Weg zurücklegen muss, um die Anerkennung und Liebe der Eltern zu verdienen. Nicht immer muss diese Art der Erziehung so offen zutage treten wie bei Kafkas Vater. Tatsächlich ist Entmutigung in der Erziehung [jedoch] derart weit verbreitet, dass praktisch die gesamte herkömmliche Pädagogik von diesem Übel durchdrungen ist. Denn bereits die Vorstellung, dass ein Kind zu irgendetwas „erzogen“ werden muss, verrät eine Einstellung, die das Kind als defizitäres Wesen sieht. Das Kind soll durch geeignete pädagogische Maßnahmen verwandelt, umgeformt und möglichst gut an die Erwachsenenwelt angepasst werden.
Gegen eine solche Sichtweise von Erziehung, von der praktisch alle „zivilisierten“ Kulturen durchdrungen sind, zumindest aber die westliche Kultur seit der Aufklärung, hat sich mit aller Entschiedenheit der deutsche Antipädagoge Ekkehard von Braunmühl gewandt. Antipädagogik wendet sich gegen jegliche Vorstellung, dass Kinder zu irgendwas hin erzogen werden sollten. Die Antipädagogik versucht, die Er-ziehung des Kindes durch Be-ziehung zwischen Kindern und Erwachsenen zu ersetzen. Die Art dieser Beziehung zeichnet sich durch ständige Ermutigung des Kindes aus. […]
Weil die allermeisten Erwachsenen [jedoch] selbst eine Er-ziehung „genossen“ haben, wissen sie leider nicht, wie es sich anfühlt, wenn sie sich uneingeschränkt lieben und annehmen können. Statt sich die erlittenen Schädigungen durch Eltern und Lehrer einzugestehen und im Erwachsenenalter durch förderliche Beziehungen und Psychotherapie möglichst auszugleichen, befinden sich viele Erwachsene im Irrglauben, dies sei der natürliche Seinszustand, zu dem sie auch ihren eigenen Kindern verhelfen sollten. Statt die Trauer und Enttäuschung über mangelnde Ermutigung seitens der Eltern, denen sie vertrauten, zuzulassen und sich selbst als wertvolles und liebenswertes Wesen neu zu entdecken, werden diese Gefühle abgewehrt. Nun wird durch entsprechende pädagogische Ambitionen und Maßnahmen viel Energie darauf verwendet, bei den eigenen Kindern die gleiche Art der seelischen Verkrüppelung [wie bei sich selbst] herbeizuführen.

Andreas Dick: Mut. Über sich hinauswachsen: S. 247f.

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Blockupy: So war es nicht! Gegen die Ausgrenzung gesellschaftlicher Opposition durch Polizei und Teile der Medien


Wir, politisch und sozial aktive Menschen aus dem Rhein-Main-Gebiet und TeilnehmerInnen der Demonstration des Blockupy-Bündnisses am 01.06.2013 in Frankfurt am Main, sehen uns angesichts der Darstellung der Polizei und ihrer teilweise immer noch unkritischen Verbreitung zu einer Stellungnahme veranlasst. Wir widersprechen den Klischees, wonach die Polizei durch einige „Chaoten“ und „Randalierer“ gezwungen gewesen sei, Maßnahmen zur Herstellung von öffentlicher Ordnung, Gesetz und Sicherheit zu ergreifen. Auch wenn sich erfreulicherweise einige Tageszeitungen diesem Tenor nicht anschließen, entsteht vor allem durch Verlautbarungen der Polizei und deren unkritische Verbreitung in Teilen der Öffentlichkeit doch wieder dieses Bild. Aber es entspricht nicht den Tatsachen. Wir, die VerfasserInnen und UnterzeichnerInnen dieses Briefes, haben an unterschiedlichen Orten an der Demonstration teilgenommen und über Stunden das Geschehen direkt verfolgt und teilweise dokumentiert.

Wir halten fest:
– Der „schwarze“ Block war bunt.
– Die „Vermummung“ bestand vor allem aus Sonnenbrillen und Regenschirmen.
– Der unmittelbare Vorwand der Einkesselung von über 1000 Personen über insgesamt 9 Stunden war das Abbrennen von 3 bengalischen Feuern.
– Der Vorwurf der „passiven Bewaffnung“ ist aberwitzig und – wie Urteile aus Berlin bereits zeigen – unendlich dehnbar. Schon der Ausdruck „passive Bewaffnung“ verdreht die Tatsachen: ein Styropor-Schild beispielsweise ist ein Schutz, keine Waffe.
– Im Blockupy-Bündnis bestand erklärtermaßen Konsens, dass von den DemonstrantInnen keine Eskalation ausgehen sollte – entsprechend verhielten sich die DemonstrantInnen, und zwar sowohl außerhalb wie innerhalb des Polizeikessels.
– Dagegen war das Verhalten vieler PolizistInnen in hohem Maße übergriffig und unmittelbar körperverletzend.
– Polizeitrupps sind mehrfach (wie auch schon am Vortag) in die stehende Menschenmenge hineingestürmt und haben DemonstrantInnen überrannt und niedergeworfen.
– Vor unseren Augen ist Menschen ohne Vorwarnung, ohne Beteiligung an einer Rangelei o.ä. und ohne, dass eine Gefahrensituation vorgelegen hätte, Pfefferspray aus unmittelbarer Nähe direkt ins Gesicht gesprüht worden (über die Erblindungsrate der Pfefferspray-Wirkung wird derzeit diskutiert).
– Vor unseren Augen sind wehrlose DemonstrantInnen misshandelt worden, indem ihnen bspw. der Kopf nach hinten gezogen und Mund und Nase zugehalten worden ist. Einige brachen daraufhin zusammen. Sie sind nur Dank der Initiative von TeilnehmerInnen der Demonstration versorgt worden.
– Vor unseren Augen ist Menschen, die an Armen und Beinen zur Personalienfeststellung davon getragen wurden, von den sie tragenden Polizisten in die Seite und in den Unterleib getreten worden.
– Vor unseren Augen wurde Menschen der Hals verdreht und die Arme verrenkt..
– Vor unseren Augen erhielten Menschen, die sitzenblieben, als sie von der Polizei aufgefordert wurden, aufzustehen, ohne Vorwarnung Faustschläge mit Protektorenhandschuhen ins Gesicht.
– Die so vorgehenden PolizistInnen waren vermummt und insgesamt gibt es weder Namens- noch Nummerkennzeichnungen, so dass weder die Betroffenen noch wir als ZeugInnen die Möglichkeit hatten, diejenigen PolizistInnen zu identifizieren, die brutale körperliche Gewalt gegen Personen offenbar für ihre Dienstaufgabe halten.

Es geht hier nicht nur um das Recht auf freie Meinungsäußerung und Demonstration. Darüber hinaus geht es um das Recht auf körperliche Unversehrtheit derjenigen, die sich für gesellschaftliche Veränderungen engagieren und demonstrieren. Auf der Demonstration insgesamt, und insbesondere unter den betroffenen Eingekesselten und Verletzten, finden sich viele junge Menschen, jene also, die bekanntermaßen von den aktuellen sozialen Entwicklungen in Europa (Stichwort Jugendarbeitslosigkeit) besonders hart getroffen sind. Diese jungen Menschen – und mit ihnen viele andere Demonstrierende – auf das Klischee der irrationalen Störer zu reduzieren, ist nicht nur konkret unangemessen, es ist insgesamt politisch fahrlässig. Es verunglimpft Menschen, die sich um die krisenhaften Entwicklungen in unseren Gesellschaften in Europa sorgen und die sich deshalb engagieren. Und es behindert und diffamiert die dringend notwendige gesellschaftliche Debatte über eine Neuausrichtung der europäischen Politik in der Perspektive sozialer Partizipation und demokratischer Inklusion.

Dr. Stefanie Hürtgen, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialforschung Frankfurt am Main, Dr. Isolde Ludwig, Mitarbeiterin des DGB-Bildungswerks Hessen, Dr. Thomas Sablowski, Mitarbeiter des Instituts für Gesellschaftsanalyse der Rosa Luxemburg Stiftung, Dr. Nadja Rakowitz, Geschäftsführerin des Vereins demokratischer Ärztinnen und Ärzte, Kirsten Huckenbeck, Redakteurin und Lektorin, Lehrbeauftragte an der Fachhochschule Frankfurt am Main, Bildungsreferentin, Dr. Margit Rodrian Pfennig, Goethe Universität Frankfurt am Main, Michael Hintz, Buchhändler und Lehrbeauftragter an der Europäischen Akademie der Arbeit und der Fachhochschule Frankfurt am Main, Michael Burbach, Frankfurt, Kristina Weggenmann, Diplompädagogin, Dr. Bernhard Winter, Mitglied des Vorstands des Vereins demokratischer Ärztinnen und Ärzte, Ralf Kliche, Lehrer an der Schule für Erwachsene Dreieich, Dr. Jürgen Behre, Maintal, Martin Dörrlamm, Sozialarbeiter Frankfurt am Main, Edgar Weick, Frankfurt, Hagen Kopp, Aktivist der Gruppe „kein mensch ist illegal“, Hanau, Katharina Vester, Frankfurt am Main.

Und: Auch der GEW-Landesvorsitzende Jochen Nagel wurde Opfer von Polizeigewalt! Mehr unter www.gew-hessen.de.

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Blockupy: Getreten, geprügelt und mit Giftgas bekämpft


Ein Erlebnisprotokoll

Name: Axel Köhler-Schnura
Alter: 64 Jahre
Beruf: Ökonom
Engagement: Coordination gegen BAYER-Gefahren, Stiftung ethecon, Kritische AktionärInnen, Gewerkschaft, DKP

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Liebe ist Selbstfindung


Dich

Dich
dich sein lassen
ganz dich

Sehen
daß du nur du bist
wenn du alles bist
was du bist
das Zarte
und das Wilde
das was sich losreißen
und das was sich anschmiegen will

Wer nur die Hälfte liebt
der liebt dich nicht halb
sondern gar nicht
der will dich zurechtschneiden
amputieren
verstümmeln

Dich dich sein lassen
ob das schwer oder leicht ist?
Es kommt nicht darauf an mit wieviel
Vorbedacht und Verstand
sondern mit wieviel Liebe und mit wieviel
offener Sehnsucht nach allem –
nach allem
was du ist

Nach der Wärme
und nach der Kälte
nach der Güte
und nach dem Starrsinn
nach deinem Willen
und Unwillen

nach jeder deiner Gebärden
nach deiner Ungebärdigkeit
Unstetigkeit
Stetigkeit

Dann
ist dieses
dich dich sein lassen
vielleicht
gar nicht so schwer

(Erich Fried)

Ich habe gesagt, dass in der Meditation und Kontemplation Liebe entsteht. Diese Liebe fragt nicht nach Erwiderung, sondern sie strömt aus mir heraus und schlägt sich auf die Umwelt nieder. In diesem Zustand der Liebesfähigkeit bin ich bereit zu lieben, ohne nach Resonanz zu fragen. Dies ist bei der Liebe zur Natur jedem leicht verständlich.

Bei der Liebe zu einem Menschen des anderen [oder gleichen] Geschlechts werden die Verhältnisse etwas komplizierter, denn hier erwarten wir Resonanz, nämlich die Erwiderung unserer Liebe. Wir spiegeln uns in dem erwählten Liebesobjekt und fragen: „Liebst Du mich genauso wie ich Dich?“ Das Modell für diese Liebe zum Menschen liegt in der Kindheit und in der Abhängigkeit von den Eltern (primär von der Mutter). Das Baby ist abhängig von der Mutterliebe, es ist auf Resonanz angewiesen, und es spürt genau, ob es geliebt wird oder nicht. Seine Existenz und seine gesamte Persönlichkeitsentwicklung hängen davon ab. Die Mutter ist ein Spiegel, in den das Kind sensitiv hineinschaut mit der Frage: „Wenn ich das und das tue, werde ich dann von Dir geliebt?“ Geliebt zu werden ist für das Kind existenznotwendig, denn ohne Liebe drohen Strafe und Angst. Kurz gesagt, das Kind sucht seine Selbstfindung in der Liebesbestätigung durch seine Eltern, es entwickelt die Eigenschaften und Verhaltensweisen, die die Eltern mögen, und unterdrückt in sich das, was die Eltern nicht mögen. Es liebt seine Eltern, weil es keine andere Wahl hat, es strebt danach, wiedergeliebt zu werden. Die Entwicklung seines Selbst wird von den Erziehungspersonen gesteuert, es lässt sich manipulieren und manipuliert sich selbst, um geliebt zu werden.

Die Liebe zur Natur ist dagegen viel unproblematischer, denn der Baum, den ich meditativ liebe, verlangt von mir nichts, er akzeptiert mich so, wie ich bin, und ich akzeptiere ihn, wie er ist. In der Kindheit ist die Liebe eng verknüpft mit der Selbstentfaltung und Selbstwertschätzung. Wir erfahren, dass Menschen etwas von uns verlangen, während ein Baum oder ein Vogel in der Luft nichts von uns fordert. Einen Vogel können wir lieben, ohne davon abhängig zu sein, dass wir von ihm wiedergeliebt werden.

Die Liebe zu Menschen ist problematisch, weil Menschen etwas von uns fordern, auch später, wenn es nicht mehr um die Liebe der Mutter geht, sondern um die Liebe eines Partners. Von einem Partner erwarten wir, dass wir unser Selbst in ihm spiegeln können, er gibt uns Resonanz, ob er uns mag oder nicht. Er sagt uns beispielsweise: „Deine Strebsamkeit, Deinen Charme, Deine Initiative mag ich, Deine Leichtsinnigkeit, Deine leichte Gefühlsansprechbarkeit jedoch nicht.“ Ein Mensch ist für uns ein Spiegel, in dem wir uns betrachten können, und wir sind begeistert, wenn wir Zustimmung erfahren, wenn man uns lobt, wenn man uns sagt, so oder so seien wir richtig und liebenswert.

Das Liebesobjekt hat also einen großen Einfluss auf die innere Selbstfindung und Selbsterfahrung. Wir fühlen uns von dem anderen definiert und wollen von ihm wissen, wie wir sind, wie er uns empfindet, was er von uns denkt. Wir wollen wiedergeliebt werden wie als Kind von der Mutter, jetzt von dem Partner, und wir richten unser Verhalten nach den Erwartungen und Vorstellungen, die wir in dem Resonanzspiegel erfahren. Wir finden uns selbst im anderen, in seiner Diagnose, und wir arbeiten an unserem Selbst nach diesen Erfahrungen wie als Kind. So kommen wir aus der Manipulation unseres Selbst niemals heraus. Von Mutter und Vater waren wir existentiell abhängig, weil wir Schutz und Geborgenheit suchten, von dem Partner des anderen [oder gleichen] Geschlechts sind wir abhängig, weil wir Sex, Schutz, Geborgenheit und Anerkennung unseres Selbst suchen. Die Manipulation nimmt kein Ende, und wir sind als Erwachsene nicht freier als ein Kind, obwohl wir hofften, es würde „später“ alles viel besser, wir könnten freier, autonomer und offener leben. Es erweist sich, dass die eine Manipulation durch eine andere abgelöst wird, dass wir von einer Unfreiheit in die andere geraten. Ist das Selbstfindung? Haben wir unser Selbst gefunden, wenn ein anderer sagt, wer wir sind?

Ich glaube, dass die Antwort auf diese Frage jedem leicht fällt. Solange wir uns in anderen spiegeln und uns im Spiegelbild der anderen selbst finden wollen, sind wir genasführt. Wirkliche Selbstfindung ist etwas anderes, sie ist Findung des eigenen Selbst, ohne andere zu fragen, was sie davon halten, wie sie mein Selbst bewerten. Es ist schwer, diese Autonomie zu finden, es ist so gut wie unmöglich in einer Gesellschaft, die vom Babyalter an den Menschen manipuliert. Wir bleiben Manipulierte bis zum Grab, wenn wir diesen Prozess nicht durchschauen und Schluss damit machen.

Wir dürfen also nicht mehr andere fragen: Wer bin ich? Wir müssen uns selbst fragen, niemanden sonst, denn wer und was wir sind, liegt in uns selbst, kein anderer, keine Mutter, kein Vater, kein Lehrer, kein Liebespartner, kann uns eine Antwort darauf geben.

Wenn wir das erkannt haben und auch danach leben, dann verändert sich die Liebe. Wir lernen die Menschen zu lieben, ohne zu fragen: „Werde ich wiedergeliebt? Was liebst Du von mir und was nicht? Was kann ich tun, dass Du mich mehr liebst, und was muss ich unterlassen?“ Wir fragen nicht mehr, weil wir diese Fragen lächerlich und entwürdigend finden. Wir finden uns nicht mehr im anderen wieder, sondern wir finden uns nur in uns selbst.

In dieser praktischen Erkenntnis zeigt sich wirkliche Autonomie. Die Fähigkeit, einen anderen zu lieben, ohne danach zu fragen, ob man wiedergeliebt wird, ist die reife Liebe des autonomen Menschen, der keinen anderen manipuliert und auch selbst nicht manipuliert werden kann und will. Die reife Liebe ist auf das eigene Sein gegründet, sie ist nicht unsicher und fragt nicht nach Resonanz, sie ist unerschütterlich auf mein Selbst begründet, auf mein eigenes Sein. Liebe zu einem Menschen ist dann meditativ und kontemplativ wie zu einem Baum auf der Wiese und wie zu einem Vogel in der Luft, sie respektiert das andere Sein und fordert nichts.

Reife Liebe als Prozess und Zustand ist Selbstfindung. Wer liebt, erfährt sich selbst in der Liebe, diese Erfahrung ist Zuwendung und Meditation in einem.

Peter Lauster: Die Liebe. Psychologie eines Phänomens, S. 72ff.

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Ich bin hier,


weil es letztlich kein Entrinnen vor mir selbst gibt.

Solange ich mir nicht selbst in den Augen und Herzen meiner Mitmenschen begegne,
bin ich auf der Flucht.
Solange ich nicht zulasse,
dass meine Mitmenschen an meinem Innersten teilhaben,
gibt es für mich keine Geborgenheit.

Solange ich mich fürchte, durchschaut zu werden,
kann ich weder mich selbst noch andere erkennen –
ich werde allein sein.
Wo kann ich solch einen Spiegel finden,
wenn nicht in unserer Gemeinsamkeit.

Hier in der Gemeinschaft kann ich erst richtig klar über mich werden
und mich nicht mehr als den Riesen meiner Träume
oder den Zwerg meiner Ängste sehen,
sondern mich selbst – Teil eines Ganzen –
zu ihrem Wohl einen Beitrag leisten.
In solchem Boden können wir
Wurzeln schlagen und wachsen;
nicht mehr allein – wie im Tod –
sondern lebendig als Mensch unter Menschen.

(Richard Beauvais)

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Über die Dörfer


Spiele das Spiel. Gefährde die Arbeit noch mehr. Sei nicht die Hauptperson. Such die Gegenüberstellung. Aber sei absichtslos. Vermeide die Hintergedanken. Verschweige nichts. Sei weich und stark. Sei schlau, laß dich ein und verachte den Sieg. Beobachte nicht, prüfe nicht, sondern bleib geistesgegenwärtig bereit für die Zeichen. Sei erschütterbar. Zeig deine Augen, wink die andern ins Tiefe, sorge für den Raum und betrachte einen jeden in seinem Bild. Entscheide nur begeistert. Scheitere ruhig. Vor allem hab Zeit und nimm Umwege. Laß dich ablenken. Mach sozusagen Urlaub. Überhör keinen Baum und kein Wasser. Kehr ein, wo du Lust hast, und gönn dir die Sonne. Vergiß die Angehörigen, bestärke die Unbekannten, bück dich nach Nebensachen, weich aus in die Menschenleere, pfeif auf das Schicksalsdrama, mißachte das Unglück, zerlach den Konflikt. Beweg dich in deinen Eigenfarben, bis du im Recht bist und das Rauschen der Blätter süß wird. Geh über die Dörfer. Ich komme dir nach.

Peter Handke: Über die Dörfer, S. 20f.

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„Versagen“


Eine Gefahr für das Kind kann auch die elterliche Liebe werden, die an bestimmte Wunschvorstellungen und Erwartungen geknüpft ist, wie das Kind sein oder sich entwickeln solle. […] [Diese] Liebe [ist dann] an die Erfüllung bestimmter Bedingungen gebunden, und das Kind, das […] [sie] nicht verlieren möchte, versucht, […] [das elterliche] Wunschbild von sich zu leben, und kann auf solche Weise an sich selbst und seinem eigentlichen Wesen völlig vorbeileben. Gelingt es ihm später nicht, sich davon frei zu machen und den Mut zu sich selbst zu entwickeln, wird es, wenn überhaupt, nur sehr schwer die Freude am Leben finden, die uns eigentlich zustehen sollte. […]

Natürlich wollen […] [die Eltern] auf ihr Kind stolz sein, aber wenn ein Kind das nur dadurch erreichen kann, dass es etwas leben muss, was nicht in seinem Wesen liegt, kann das katastrophale Folgen haben. Mancher bewusste oder unbewusste „Streik“, manches scheinbare Versagen des Kindes ist dann manchmal seine einzige Möglichkeit, sich dem Erfolgszwang zu entziehen. Aber diese Reaktion erspart es dem Kind nicht, sich selbst als den zu erleben, der enttäuscht oder versagt hat, was nur zu lösen wäre durch die Einsicht, dass solches Versagen ja nur dem aufgezwungenen Wunschbild gegenüber zutrifft – man kann von einem Apfelbaum [schließlich] keine Birnen erwarten.

Fritz Riemann: Die Fähigkeit zu lieben, S. 51f.

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Das ein oder andere Erbauliche


Mut

Und der Tag kam, da das Wagnis, fest eingeschlossen in der Knospe zu verharren, viel schmerzhafter wurde als jenes, aufzublühen.

(Anaïs Nin)

Vertrauen

Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, das etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.

(Vaclav Havel)

Liebe

Leben ist ja gerade Sichverwandeln, und menschliche Beziehungen, die ein Lebensextrakt sind, sind das Veränderlichste von allem, steigen und fallen von Minute zu Minute, und Liebende sind diejenigen, in deren Beziehung und Berührung kein Augenblick dem anderen gleicht. Menschen, zwischen denen nie etwas Gewohntes, etwas schon einmal Dagewesenes vor sich geht, sondern lauter Neues, Unerwartetes, Unerhörtes. Es gibt solche Verhältnisse, die ein sehr großes, fast unerträgliches Glück sein müssen, aber sie können nur zwischen sehr reichen Menschen eintreten und zwischen solchen, die jeder für sich, reich, geordnet und versammelt sind, nur zwei weite, tiefe, eigene Welten können sie verbinden. – Junge Menschen – das liegt auf der Hand – können ein solches Verhältnis nicht gewinnen, aber sie können, wenn sie ihr Leben recht begreifen, langsam zu solchem Glück anwachsen und sich vorbereiten dafür. Sie müssen, wenn sie lieben, nicht vergessen, dass sie Anfänger sind, Stümper des Lebens, Lehrlinge in der Liebe, – müssen Liebe lernen, und dazu gehört [wie zu jedem Lernen] Ruhe, Geduld und Sammlung!

Liebe ernst nehmen und leiden und wie eine Arbeit lernen, das ist es, Friedrich, was jungen Menschen nottut. – Die Leute haben, wie so vieles andere, auch die Stellung der Liebe im Leben missverstanden, sie haben sie zu Spiel und Vergnügen gemacht, weil sie meinten, dass Spiel und Vergnügen seliger denn Arbeit sei; es gibt aber nichts Glücklicheres als die Arbeit, und Liebe, gerade weil sie das äußerste Glück ist, kann nichts anderes als Arbeit sein. – Wer also liebt, der muss versuchen, sich zu benehmen, als ob er eine große Arbeit hätte: Er muss viel allein sein und in sich gehen und sich zusammenfassen und sich festhalten; er muss arbeiten; er muss etwas werden!

Denn, Friedrich, glaube mir, je mehr man ist, je reicher ist alles, was man erlebt. Und wer in seinem Leben eine tiefe Liebe haben will, der muss sparen und sammeln dafür und Honig zusammentragen.

Man muss nie verzweifeln, wenn einem etwas verloren geht, ein Mensch oder eine Freude oder ein Glück; es kommt alles noch herrlicher wieder. Was abfallen muss, fällt ab; was zu uns gehört, bleibt uns, denn es geht alles nach Gesetzen vor sich, die größer als unsere Einsicht sind und mit denen wir nur scheinbar im Widerspruch stehen. Man muss in sich selber leben und an das ganze Leben denken, an alle seine Millionen Möglichkeiten, Weiten und Zukünfte, denen gegenüber es nichts Vergangenes und Verlorenes gibt.

(Rainer Maria Rilke: Brief an Friedrich Westhoff)

Heilung

Wenn du ein Opfer von emotionaler Misshandlung bist, kann es keine Selbst-Hilfe geben, bis du Selbst-Bezüglichkeit lernst. Das bedeutet, deine eigenen Maßstäbe zu entwickeln, für dich selbst zu entscheiden, was „Güte“ wirklich ist. Die kalkulierten Bezeichnungen des Misshandlers zu übernehmen – „Du bist verrückt. Du bist undankbar. Es ist nicht so passiert, wie du sagst“ – setzt nur den Kreislauf fort.

Erwachsene Überlebende von emotionaler Kindesmisshandlung haben nur zwei Wahlmöglichkeiten im Leben: lernen, sich auf sich selbst zu beziehen, oder ein Opfer bleiben. Wenn dein Selbstbild zerfetzt wurde, wenn du tief verletzt wurdest, und man dir das Gefühl gab, die Verletzung wäre nur deine Schuld, wenn du nach Anerkennung bei jenen suchst, die sie nicht verschaffen können oder wollen – spielst du die Rolle, die dir von deinem Misshandler zugewiesen wurde.

Es ist Zeit, aufzuhören, diese Rolle zu spielen, Zeit, dein eigenes Manuskript zu schreiben. Opfer von emotionaler Misshandlung tragen das Heilmittel selbst in ihren Herzen und Seelen. Rettung heißt Selbst-Respekt lernen, den Respekt anderer verdienen, und diesen Respekt zu dem absolut unreduzierbaren erforderlichen Minimum für alle intimen Beziehungen zu machen. Für das emotional misshandelte Kind ergibt sich aus Heilung „Vergebung“ – Vergebung für dich selbst.

(Andrew Vachss: Du trägst das Heilmittel in Deinem eigenen Herzen)

Leben

Was ist Leben?

Leben
das ist die Wärme
des Wassers in meinem Bad.

Leben
das ist mein Mund
an deinem offenen Schoß.

Leben
das ist der Zorn
auf das Unrecht in unseren Ländern.

Die Wärme des Wassers
genügt nicht
ich muss auch darin plätschern.

Mein Mund an deinem Schoß
genügt nicht
auch muss ihn auch küssen.

Der Zorn auf das Unrecht
genügt nicht
Wir müssen es auch ergründen

und etwas
gegen es tun.
Das ist Leben!

(Erich Fried)

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