Fremdes..., Gedichte...

Wie ich Dir begegnen möchte


Ich möchte Dich lieben, ohne Dich einzuengen;
Dich wertschätzen, ohne Dich zu bewerten;
Dich ernst nehmen, ohne Dich auf etwas festzulegen;
zu Dir kommen, ohne mich Dir aufzudrängen;
Dich einladen,
ohne Forderungen an Dich zu stellen;
Dir etwas schenken,
ohne Erwartungen daran zu knüpfen;
von Dir Abschied nehmen,
ohne Wesentliches versäumt zu haben;
Dir meine Gefühle mitteilen,
ohne Dich für sie verantwortlich zu machen;
Dich informieren, ohne Dich zu belehren;
Dir helfen, ohne Dich zu beleidigen;
mich um Dich kümmern, ohne Dich verändern zu wollen;
mich an Dir freuen, so wie Du bist.

Wenn ich von Dir das Gleiche bekommen kann,
dann können wir einander wirklich begegnen
und uns gegenseitig bereichern.

(Virginia Satir)

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Fremdes..., Gedichte...

Wildgänse


Du musst nicht gut sein,
Du musst nicht hunderte von Meilen
auf deinen Knien durch die Wüste rutschen
und bereuen.

Du musst nur das zarte Tier deines Körpers
lieben lassen, was es liebt.

Erzähl mir von deiner Verzweiflung
und ich erzähle dir meine.
Während sich die Erde weiter dreht,
während die Sonne
und die klaren Regenkiesel
über die Landschaften ziehen,
über die Prärien
und die tiefen Wälder,
die Berge und die Flüsse.

Während die Wildgänse,
hoch in der klaren blauen Luft fliegen,
ihrem Zuhause entgegen.

Wer du auch bist,
ganz gleich wie einsam,
die Welt zeigt sich dir
in deiner Vorstellung,
ruft dich wie die Wildgänse,
rauh und aufgeregt –
und verkündet immer wieder
deinen Platz
in der Familie der Dinge.

(Mary Oliver)

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Fremdes..., Gedichte...

Autobiographie in fünf Kapiteln


I.
Ich gehe eine Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich falle hinein.
Ich bin verloren … ich bin ohne Hoffnung.
Es ist nicht meine Schuld.
Es dauert endlos lange, wieder herauszukommen.

II.
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich tue so, als sähe ich es nicht.
Ich falle wieder hinein.
Ich kann nicht glauben, schon wieder am gleichen Ort zu sein.
Aber es ist nicht meine Schuld.
Immer noch dauert es sehr lange, herauszukommen.

III.
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich sehe es.
Ich falle immer noch hinein … aus Gewohnheit.
Meine Augen sind offen.
Ich weiß, wo ich bin.
Es ist meine eigene Schuld.
Ich komme sofort heraus.

IV.
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich gehe darum herum.

V.
Ich gehe eine andere Straße.

(Portia Nelson)

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Leben lernen


Von der Sonne lernen, zu wärmen
Von den Wolken lernen, leicht zu schweben
Vom Wind lernen, Anstöße zu geben
Von den Vögeln lernen, Höhe zu gewinnen
Von den Bäumen lernen, standhaft zu sein

Von den Blumen das Leuchten lernen
Von den Steinen das Bleiben lernen
Von den Büschen im Frühling
Erneuerung lernen
Von den Blättern im Herbst
das Fallenlassen lernen
Vom Sturm die Leidenschaft lernen

Vom Regen lernen, sich zu verströmen
Von der Erde lernen, mütterlich zu sein
Vom Mond lernen, sich zu verändern
Von den Sternen lernen,
einer von vielen zu sein
Von den Jahreszeiten lernen,
dass das Leben immer von Neuem beginnt

(Ute Latendorf)

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Fremdes..., Gedichte...

Krank


Wer gegen die Gesetze dieser Gesellschaft
nie verstoßen hat und nie verstößt
und nie verstoßen will
der ist krank

Und wer sich noch immer nicht krank fühlt
an dieser Zeit
in der wir leben müssen
der ist krank

Wer sich seiner Schamteile schämt
und sie nicht liebkost und die Scham
anderer die er liebt nicht liebkost ohne Scham
der ist krank

Wer sich abschrecken läßt
durch die die ihn krankhaft nennen
und die ihn krank machen wollen
der ist krank

Wer geachtet sein will
von denen die er verachtet
wenn er den Mut dazu aufbringt
der ist krank

Wer kein Mitleid hat
mit denen die er mißachten
und bekämpfen muss um gesund zu sein
der ist krank

Wer sein Mitleid dazu gebraucht
die Kranken nicht zu bekämpfen
die um ihn herum andere krank machen
der muss krank sein

Wer sich zum Papst der Moral
und zum Vorschriftenmacher
der Liebe macht
der ist so krank wie der Papst

Wer glaubt dass er Frieden haben kann
oder Freiheit
oder Liebe
oder Gerechtigkeit

ohne gegen seine eigene Krankheit
und die seiner Feinde und Freunde
und seiner Päpste und Ärzte zu kämpfen
der ist krank

Wer weiss dass er weil er gesund ist
ein besserer Mensch ist
als die kranken Menschen um ihn herum
der ist krank

Wer in unserer Welt
in der alles nach Rettung schreit
keinen einzigen Weg sieht zu retten
der ist krank

(Erich Fried)

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Lob der Verzweiflung


Es ist ein verzweifeltes Tun
die Verzweiflung herunterzumachen
denn die Verzweiflung macht unser Leben zu dem
was es ist
Sie denkt das aus
vor dem wir Ausflüchte suchen
Sie sieht dem ins Gesicht
vor dem wir die Augen verschließen

Keiner der weniger oberflächlich wäre als sie
Keiner der bessere Argumente hätte als sie
Keiner der in Erwägung all dessen
was sie und wir wissen
mehr Recht darauf hätte als sie
so zu sein wie sie ist

Früh am Morgen fühlt sie sich fast noch glücklich
Erst langsam erkennt sie sich selbst
Nach den ersten Worten
die sie mit irgendwem wechselt beginnt sie zu wissen:
sie ist nicht froh
sie ist noch immer sie selbst

Die Verzweiflung ist nicht frei von Launen und Schwächen
Ob ihr Witz eine Stärke oder eine Schwäche ist
weiß sie selbst nicht
Sie kann zornig sein
sie kann bissig und ungerecht sein
sie kann zu besorgt sein um ihre eigne Würde

Aber ohne den Mut zur Verzweiflung wäre vielleicht
noch weniger Würde zu finden
noch weniger Ehrlichkeit
noch weniger Stolz der Ohnmacht gegen die Macht
Es ist ungerecht die Verzweiflung zu verdammen
Ohne Verzweiflung müßten wir alle verzweifeln

(Erich Fried)

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Fremdes..., Gedichte...

Wie du solltest geküsset sein


Wenn ich dich küsse
ist es nicht nur dein Mund
nicht nur dein Nabel
nicht nur dein Schoß
den ich küsse
Ich küsse auch deine Fragen
und deine Wünsche
ich küsse dein Nachdenken
deine Zweifel
und deinen Mut
deine Liebe zu mir
und deine Freiheit von mir
deinen Fuß
der hergekommen ist
und der wieder fortgeht
ich küsse dich
wie du bist
und wie du sein wirst
morgen und später
und wenn meine Zeit vorbei ist

(Erich Fried)

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Fremdes..., Gedichte...

Warum


Nicht du
um der Liebe willen
sondern
um deinetwillen
die Liebe
(und auch
um meinetwillen)

Nicht
weil ich lieben
muss
sondern weil ich
dich
lieben
muss

Vielleicht
weil ich bin
wie ich bin
aber sicher
weil du
bist
wie du bist

(Erich Fried)

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Fremdes..., Gedichte...

Aber


Zuerst habe ich mich verliebt
in den Glanz deiner Augen

in dein Lachen
in deine Lebensfreude

Jetzt liebe ich auch dein Weinen
und deine Lebensangst
und die Hilflosigkeit
in deinen Augen

Aber gegen die Angst
will ich dir helfen
denn meine Lebensfreude
ist noch immer der Glanz deiner Augen

(Erich Fried)

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Gedichte...

Metaphysik


(mit Dank an Christian Federl)

Die Vereinigung der Gegensätze
das Sowohl-Als-Auch
Einheitsbewusstsein, eins

Ihm im Wege steht
die Angst
das Entweder-Oder
der Zweifler, die Zwei.

Sicherheit
meint Wandel
Das Risiko
berät
das Herz
navigiert

(20.05.2017)

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Fremdes..., Gedichte...

Das Lied von der Anderwelt


Es gibt einen See in der Anderwelt,
drin sind alle Tränen vereint,
die irgend jemand hätt‘ weinen sollen
und hat sie nicht geweint.

Es gibt ein Tal in der Anderwelt,
da gehen die Gelächter um,
die irgend jemand hätt‘ lachen sollen
und blieb stattdessen stumm

Es gibt ein Haus in der Anderwelt,
da wohnen wie Kinder beinand‘
Gedanken, die wir hätten denken sollen
und waren’s nicht imstand.

Und Blumen blüh’n in der Anderwelt,
die sind aus Liebe gemacht,
die wir uns hätten geben sollen
und haben’s nicht vollbracht.

Und kommen wir einst in die Anderwelt,
viel Dunkles wird sonnenklar,
denn alles wartet dort auf uns,
was hier nicht möglich war.

(Michael Ende)

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Fremdes..., Gedichte..., Seelisches...

Die Gefängnisse des Innern


diese gefängnisse des Innern
sind schlimmer als die schlimmsten steinernen Verliese
und solange sie nicht geöffnet werden
bleibt all euer Aufruhr
nur eine Gefängnisrevolte
die niedergeschlagen wird
von bestochenen Mitgefangenen

(Peter Weiss)

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Gedichte...

Der Gordische Knoten


„Die Liebe ist aber nicht nur ein Geben, ihr „aktiver“ Charakter zeigt sich auch darin, dass sie in allen ihren Formen stets folgende Grundelemente enthält: Fürsorge, Verantwortungsgefühl, Achtung vor dem anderen und Erkenntnis. (…) Liebe ist die tätige Sorge für das Leben und das Wachstum dessen, was wir lieben.“

Erich Fromm

Wenn einen ein Mensch
den man aus ganzem Herzen liebt
verrät

dann ist es Liebe
ihn zu verstehen
und hinter seiner Bosheit
auch seine Not und Angst
und Verzweiflung
zu sehen

die ihn so handeln ließ
wie er es tat

Liebe
ihm Hilfe anzubieten
und seinen Verrat
auch zu verzeihen

nicht Täter zu sein

Wenn einen ein Mensch
den man aus ganzem Herzen liebt
verrät
und auf den Hinweis
dass sein Verhalten
untragbar
weil Verrat ist
nur immer weiter
und weiter verrät

er also
keine Verantwortung
für sein Tun
und seine Ruchlosigkeit
übernimmt
sein Handeln nicht abstellt
und nichts aus dem Gewesenen lernt

dann ist es Selbstliebe
permanenten Verrat
und also weiteren Missbrauch
des eigenen Vertrauens
der eigenen Integrität
zu unterbinden
indem man geht
und diesen Menschen verlässt

nicht Opfer wird
und bleibt

Wenn einen ein Mensch
den man aus ganzem Herzen liebt
verrät
und man weder
Opfer noch Täter
wird

wo also sowohl die Liebe
als auch Selbstliebe
stark und wirkmächtig
genug sind

da kann es Liebe sein
dennoch zu bleiben

als Freund
und nur Freund
als Freund der hilft
doch nichts mehr begehrt

Nächstenliebe
nennt man das dann

Partnerschaft aber
setzt Wachstum und Wahrheit
setzt Integrität
und Verantwortungsübernahme
voraus

Mitgefühl allein
ist keine Basis hierfür

Mitleid noch weniger

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Gedichte...

Erinnerung


Dein Geruch auf meiner Haut
Dein Lächeln noch im Sinn
Tastend
Suchend
Die Liebe fragend
wer ich bin

Die Berührung Deiner Hände
hallt nach
und liebkost mich
erneut
sodass ein Schauer
über meinen Rücken huscht

Er erinnert Deiner Küsse
und unserer Lippen
Aufeinander
und schließlich überall

Zartheit
Weichheit
Lust
Und Glück

Mich schaudert
ob der nun möglichen Leben
und zukünftiger Blicke
auf diese zurück

(24. August 2015)

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Impressionen: Deutschland 2014


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