Du
gute Frau
bist viel zu jung
und schön
für mich
Denn ich
bin ein tiefes Wasser
und ertrinke
leicht in mir
wenn mich
im Außen nichts mehr hält
außer der Sehnsucht
nach Leben
und ungelebter
Vergangenheit
(6. Oktober 2014)
Du
gute Frau
bist viel zu jung
und schön
für mich
Denn ich
bin ein tiefes Wasser
und ertrinke
leicht in mir
wenn mich
im Außen nichts mehr hält
außer der Sehnsucht
nach Leben
und ungelebter
Vergangenheit
(6. Oktober 2014)
Oder: Was es zu erlernen galt
Jahr um Jahr
verbringen wir unsere Zeit
mit wichtigen Dingen:
Wir sehen hin und sehen weg
sehen zu
und häufig fern
sehen oft auch
einfach nichts
obwohl es etwas gäbe
oder weil es etwas zu sehen gibt
weil wir nicht wollen oder können
oder uns zu können oder wollen trauen
oder nicht gesehen werden wollen
wie wir sehen
was wir nicht sehen sollen
So sitzen wir da
Tag für Tag, Jahr für Jahr
und resümieren die Welt
wie sie beobachtet war:
Auch dieses Jahr gab es
Liebe und Sieg
– von uns: die Freiheit
von anderen: Krieg
Brücken und Schulen
wurden wegbombardiert
Schaffner, Lehrer und Kinder
mittels Urankugeln und Clusterbomben
einfach seziert
Denn für die Menschenrechte!
das wissen wir längst
muss man manchmal
eben leider auch: töten
morden, meucheln, niedermetzeln, massakrieren, ausrotten, abschlachten
um zu befreien
befreien zu können
Freiheit zu bringen
oder zumindest:
von ihr zu singen
Man kann aber auch
– wer weiß das besser als wir –
während das Publikum singende Superstars im Fernsehen beschaut
viel souveränere und menschlichere Freiheit verschenken
indem man
auf dass sie später ihrer Freunde gedenken
über Jahre hinweg
Offiziere bedrohter Souveräne
in Guerilla-Taktiken unterweist
und ihrem freien Souverän
Chemiewaffenlabors verkauft
noch bevor er vergreist
Man kann immer
und immer wieder
etwas tun
das den meisten Schlechtes tut
und behaupten
es müsste getan werden
weil es getan werden muss
und das Beste für alle wäre
weil es das Beste für alle ist
sein muss
und zu sein hat
wenn es allen ein wenig
weniger gut ginge
als jetzt gerade
und im Moment
und dies nur gut sein kann
weil es anderen
noch schlechter ergeht
behaupten
die Leidenden wären an ihren Leiden
wie die Hungernden an ihrem Hunger
und die Armen an ihrer Armut
selbst schuld
Konflikte schüren und am Eskalieren halten
die die Jungen gegen die Alten
die Alten gegen die Jungen
die Gesunden gegen die Kranken
die Kranken gegen die Gesunden
die Kindergärten gegen die Universitäten
und umgekehrt
sowie die Arbeitenden gegen die Arbeitslosen
wie diese auch gegen sich selbst
und: die Sozialhilfeempfänger
aufbringen
während man einen Konflikt nie benennt
und benennen will
und genau weiß, warum:
den von Arm gegen Reich
und Reich gegen Arm
und mit allen anderen Konflikten
doch nur ausweicht und verbirgt
ablenkt, vertuscht, verschweigt, verheimlicht, unterschlägt, belügt und betrügt
was kaum noch zu verbergen ist:
Dass uns nicht gut tut
gut tun kann
und nie gut tun wird
was uns nicht gut tun soll
Dass Hunger nicht sein müsste
oder muss
selbstverständlich oder selbstverschuldet ist
oder sein kann
wenn kaum mehr
oder gar nicht
zu wählen ist
was man verschuldet
verschulden kann
oder ob und wie
man sich verschulden darf
Dass Freiheit nicht herrscht
herrschen kann, wird oder siegt
wie Krieg niemals
von, für oder durch Menschen gewonnen wird
und Geschichte stets
von Siegern geschrieben ist
Dass Reform Gegenreform
Verteidigung Krieg
Pflicht Unterwerfung
Tugend Gehorsam
und Sünde Ungehorsam meint
und meinen soll
Und so vieles mehr
was es
– auch in diesem Jahr wieder –
erneut
zu erlernen galt
Jens Wernicke am 29.12.2003
Gehwege
Waldwege
Wanderwege
Feldwege
Radwege
Rettungswege
Seiten-,
Schleich-,
ja, Umwege sogar
Nur endlich
keine
Auswege mehr
(4. August 2014)
Erst am Ende desselben
begriff ich
dass ich den falschen
Weg gegangen war
weil der richtige
hier noch nicht enden würde.
Niemals.
Und dass ich
was ich suchte
nie finden würde
weil
es nicht existiert.
Dass
ein Leben ohne Schuld
nicht möglich ist
wir jedoch die Wahl haben:
Schuldig werden am Leben
oder am Tod.
Das half.
(4. August 2014)
„Wohin können wir denn sterben,
wenn nicht in immer höheres, größeres Leben hinein!“
Christian Morgenstern
Wer bin ich
wenn ich nichts mehr bin?
Was hab ich
wenn ich nichts mehr hab?
Wenn hinter Vorurteil
und Stolz
und Scham
Wenn hinter Schuld
und Not
und Gier
Das eine
alles ist was bleibt
Was ist dann noch
was bleibt von mir?
Um der Würde willen:
die Würde riskieren.
Und um der Liebe willen:
Von der Liebe gehen.
So vieles liegt nicht in unserer Hand.
Ich wäre gerne geblieben.
Bei Dir. Mir. Bei Uns.
Doch es ging nicht.
Wäre nicht gegangen.
Konnte nicht gutgehen.
Nicht so.
Denn Liebe allein
reicht nicht für die Liebe.
Zumindest nicht
für jene zu zweit.
Es braucht auch: Entscheidung
Bewusstheit, Verantwortung.
So vieles liegt nicht in unserer Hand.
Denn wo wir unbewusst lieben
und nicht Ja sagen
auch zu Auseinandersetzung, Reibung
Konflikt und Kritik
wo wir uns nicht entscheiden
und entschieden haben
uns ganz einzugeben
mit allem, was wir sind
da übernehmen wir
auch keine Verantwortung
für uns und also den anderen
und damit: die Liebe in und zwischen uns.
Da lieben und leben
wir uns nicht selbst.
Zwar nennt man
auch das dann Liebe
doch meint damit nicht Wachstum
sondern Wärme und Beständigkeit
meint Sicher- und Geborgenheit
meint Wohl
und nicht auch: Heil.
Doch kann und darf
soll das allein schon: Liebe sein?
So vieles liegt nicht in unserer Hand.
Und dann Dich bitten
Dich zu öffnen
ganz einzugeben und zu offenbaren
auch mit dem
was hinter und neben dem Wohl
an Leben in Dir noch lebendig ist
und was es
als Grundlage und Fundament
für das, was mir Liebe meint
unbedingt braucht.
Und nicht die richtigen Worte finden
und Hilflosigkeit und Ohnmacht erleiden
Dich kränken
und missverstanden werden hierbei.
Und dann
Dich noch einmal bitten
Dich für mich zu entscheiden
doch nicht bedingungslos
sondern nur
um Deinen noch zu nennenden Preis.
Und meine Würde riskieren
ob dieses Bittens und Flehens
und schließlich gehen
und gehen müssen:
Um meiner Liebe willen
fort von meiner Liebe: Dir.
So vieles liegt nicht in unserer Hand.
Und wäre ich geblieben
und hätte Dich zu halten
und wärmen versucht
wie Du ebenso mich:
Alsbald schon
hätten wir jene Zelle miteinander geteilt
auf die das unbedingte Wohl des jeweils anderen
uns eingeengt und festgelegt hat.
Und wären lieblos und immer liebloser
miteinander geworden
im steten Bemühen
einander alles
nur nicht Herausforderung
und Wachstum zu sein.
Derweilen denke ich: Liebe ist
wenn man einander nicht Halt
sondern Wind unter den Flügeln sein mag.
Und nur ein ehrliches Nein
ermöglicht überhaupt erst
ein wirkliches Ja zum jeweils anderen
in all seiner Würde
sowie als Mensch und Person.
Weil ich Dich liebe
musste ich gehen.
Ein anderer
machte denselben Punkt einmal anders
und formulierte
jede wirkliche Wahrheit sei stets: paradox.
So vieles liegt nicht in unserer Hand.
Stimmt es wirklich
dass die Wahrheit schmerzt
oder ist das nur
eine der Lügen der Lügen
die diese verbreiten
um sich zu verbreiten
weil sie es
gern bequem haben
und glauben
auf kurzen Beinen
käme man schneller ans Ziel?
Und wenn es stimmt
dass die Wahrheit schmerzt
spricht das dann für
oder gegen sie, sag?
Ich frage nur, weil ich denke
dass doch noch jedes Geborenwerden schmerzt
die Geburt nun aber wahrlich
nicht Feind
des Lebens ist.
Die Tränen zu- und fließen lassen
wenn sie denn fließen wollen
Die Angst fühlen
und wahrnehmen
wenn
und wie
sie die Gedanken verengt
und Muskeln zusammenzieht
Die Ohnmacht fühlen
wenn Menschen gehen
weil sie sterben
oder im Nachhinein feststellen:
Ich habe Dich nie geliebt
und bei all dem anderen
dass sich der so genannten
Kontrolle entzieht
Und die Sehnsucht fühlen
all die Sehnsucht
die hinter den Tränen, der Angst und Ohnmacht lebt
Als Leere in den Waden
Kribbeln in den Händen
und Wärme
in der Brust
Und die Not in Worte fassen
in richtige Worte
sie fühlen, ausdrücken, leben und erleben
Das ist dann
fast schon wieder:
Glück
Sie waren beschäftigt
mit sich, ihren Nöten, Sorgen
ihrer Angst
Sie haben Dir gesagt und bedeutet
dass Du störst
Und Du
hast es ihnen geglaubt
Geglaubt
dass Du, um geliebt zu werden,
nur weniger stören
und anders sein musst
als Du bist
denn so wie Du bist
bist Du offenbar falsch
Wenn Du traurig warst
oder Angst hattest
haben sie gesagt:
Da gibt es nichts zu Weinen,
reiß Dich zusammen, sei stark!
Wenn Du spielen
oder toben wolltest
haben sie gesagt:
Ein anständiges Kind
bleibt stets ruhig, beschäftigt sich mit sich selbst
und fällt anderen nicht zur Last!
Wenn Du Dir etwas gewünscht hast
(Aufmerksamkeit, Zärtlichkeit, Trost,
das Zweirad oder den Teddybär)
haben sie gesagt:
Wenn Du uns wirklich lieben würdest
dächtest Du nicht immer nur an Dich
ja, dann wärst Du
nicht so ein habgieriges Kind!
Und so hast Du verlernt
Deiner eigenen inneren Wahrheit
Deinen Gefühlen und Impulsen zu vertrauen
und gelernt
zu fühlen und erfüllen
was jene
von denen Du abhängig warst
brauchten
und warst ihnen dies
Warst nicht mehr traurig
nicht ängstlich
nicht freudig-spielend
nicht fordernd
nicht anstrengend
nie mehr eine Last
Und hast gelernt
Gefühle zu lesen
andere zu fühlen
ihre Nöte, Sorgen und Angst
und diese, ihre Gefühle
dann zu Deinen
und Dich
für sie verantwortlich gemacht
Und auch heute noch denkst Du
dass dies Liebe sei
Dabei dürftest Du
– ja, heute endlich darfst Du dies! –
inzwischen doch erkennen
dass Du
mit allem
was Du bist und was in Dir lebendig ist
bedingungslos richtig
und wundervoll
und liebenswert bist
Und dass Du
niemals deswegen „anstrengend“ warst
weil etwas an oder in Dir falsch gewesen ist
sondern nur deswegen
weil die anderen
sich selbst nicht genügend liebten
um mutig genug zu sein
etwas zu unternehmen und tun:
für sich
und also
wider ihre Nöte, Sorgen und Angst
diese, ihre Verantwortung
jedoch auf Dich abwälzten alsdann
Sie haben sich
nicht wirklich geliebt
und konnten deswegen
auch Dich
nicht bedingungslos lieben
Das aber
hättest Du, auch das darfst Du erkennen heut
so sehr verdient und gebraucht
So hast Du gelernt und verinnerlicht
was Du erfahren hast:
dass nämlich
Du nur dann geliebt wirst
wenn Du andere mehr
als Dich selber liebst
musstest dies lernen
denn wer seine Eltern verliert, stirbt
Dein Lernen und So-Sein war richtig einst
und hatte guten Grund
Nur heute, da schützt und beschützt es Dich nicht mehr
sondern schadet Dir nur
Drum ist es jetzt an der Zeit
sich aufzumachen, auf den Weg:
Um zu lernen
dass, nur, wer zuallererst einmal
sich selbst wertschätzt und liebt
überhaupt andere zu lieben vermag
und hierdurch
auch der Kreis aus Missbrauch
durchbrochen werden kann
der sonst ewig weitervererbt wird
und besteht
Du darfst erkennen
dass nur, wenn Du Dir selbst Maßstab Deines Handelns bist
nur, wenn Du Dir erlaubst,
zu spielen, zu fordern, zu weinen und toben
wann immer Du es brauchst und willst
Du nicht stets aufs Neue Opfer
sondern Gestalter Deines Lebens
sowie Deiner Erfolge und Deines Glückes sein wirst
Erkennen, dass
wenn Du heute auf das Beste für Dich bestehst
Dich hierfür einsetzt und selbst auch vertrittst
Du es überleben wirst, wenn Dein Gegenüber
Dich hieraufhin verlässt
und dass dies nicht Habgier
sondern Selbstliebe und Freiheit
die zwei Voraussetzungen für Liebe also
sind
Und erkennen
dass Du Dich heute mit Menschen umgeben
und Dir ein Umfeld zu gestalten vermagst
das, anders als Deine ersten Bezugspersonen
mit seinen eigenen Dämonen
bereits Frieden geschlossen hat
und Dir deshalb niemals mehr zurufen wird
dass Du falsch oder störend seist
und Dich auffordert sodann:
Sei ganz Du selbst
nicht „nett“ oder „lieb“, sondern echt!
denn es stört
wenn Du nicht auch
traurig, ängstlich, verspielt, tobend und fordernd
nicht also
auch bedingungslos Du
und selbstliebend bist
und wir daher
nicht erfahren
wer Du bist, wenn Du bist
und was Du brauchst
denkst, wünschst und fühlst
Sei Du, ganz Du
und wage es, aus Liebe zu Dir selbst
auch anzuecken und zu stören
denn: Wer lebt, stört!
und wir wollen, dass Du lebst
wirklich lebst
denn: Wir lieben Dich.
Beim Gedanken
an unsern dereinsten Abschied
glücklich werden
ob der verbleibenden Zeit bis dahin
Beim Glücklichsein
ob des Barfußhüpfens
im Springbrunnen am Park
mit den Gedanken ganz von selbst wandern zu Dir
Beim An-Dich-Denken
lächeln müssen
und Angst trotzen können
das Leben genießen, plötzlich federleicht
Diese schwerelose Leichtigkeit
– ist das Wahnwitz
oder ist das endlich
die Wahrheit?
„Und wenn wir nur unser Leben nach jenem Grundsatz einrichten, der uns rät, daß wir uns immer an das Schwere halten müssen, so wird das, welches uns jetzt noch als das Fremdeste erscheint, unser Vertrautestes und Treuestes werden. Wie sollten wir jener alten Mythen vergessen können, die am Anfange aller Völker stehen, der Mythen von den Drachen, die sich im äußersten Augenblick in Prinzessinnen verwandeln; vielleicht sind alle Drachen unseres Lebens Prinzessinnen, die nur darauf warten, uns einmal schön und mutig zu sehen. Vielleicht ist alles Schreckliche im tiefsten Grunde das Hilflose, das von uns Hilfe will.“
Rainer Maria Rilke: Briefe an einen jungen Dichter
Ich habe viele Monster in mir.
Aber eigentlich sind es gar keine.
Es sind getarnte Ängste.
Sie haben sich in Monsterkostümen versteckt.
Und sehen manchmal lustig, oft jedoch bedrohlich aus hierin.
Zwei Monster sind die Eltern der anderen:
Das Verlustangst-Monster.
Und das Fremdbestimmtwerdenangst-Monster.
Die Monster sind alt und der Ursprung aller anderen Angst.
Sie waren einst Freunde.
Sie haben mich gerettet, indem sie Nähe zu meiner Mutter verhindert haben.
Immer, wo es wirkliche Nähe hätte geben können zu ihr, drohte große Gefahr.
Sie hat mich abgewertet und manipuliert. Sie hat mich klein gemacht.
Hieraufhin wurde das Fremdbestimmtwerdenangst-Monster geboren.
Es will mich davor beschützen, dass ich jemandem, den ich liebe, wirklich vertraue.
Denn er könnte mich manipulieren. Mein Wesen brechen. Mich auffressen. Verschlingen.
Meint das Monster. Und früher war es so. Heute nicht mehr.
Auf der anderen Seite hat meine Mutter mir immer Schuld und Verantwortung zugeschoben.
Sie hat mich bedroht.
Wenn ich mich nicht anpasste, würde sie mich verlassen.
Oder ganz furchtbar leiden.
Aber auch dann wäre ich allein.
Ohne Mutter.
Oder sie würde mich abschieben. Ins Heim.
Das war große Gefahr.
Hieraufhin wurde das Verlustangst-Monster geboren.
Es will mich beschützen, Menschen zu verlieren.
Leider bringt es mich immer wieder dazu, mich selbst aufzugeben und zu negieren.
Es denkt nämlich auch heute noch, wenn ich jemanden verlöre, könnte ich sterben.
Und so brachte es mich in der Vergangenheit oft dazu, mich dauerhaft an Leute zu binden, die mir schadeten.
Denn sie zu verlassen, so flüsterte das Monster in mein Ohr, wäre lieblos, ja, eine Art „Mord“.
Oje.
Oje, oje, oje.
Diese Monster.
Einst Freunde und heute Problem.
Sie verhindern wirkliche Nähe.
Verhindern, dass ich meine Schwächen lebe und liebe.
Dass ich so sehr vertraue, dass ich mich wirklich zu zeigen und öffnen vermag.
Verhindern, dass ich mich abgrenze, nein sage, dass ich mich durchsetze.
Und auch heute noch handeln sie aus Liebe.
Das verleiht mir die Hoffnung, eines Tages mit ihnen Frieden schließen zu können.
Wenn ich ihnen endlich Raum gebe, sie zu verstehen beginne, ihnen die Hand reiche.
Ich hoffe, auch mit ihren ganzen Kindern eines Tages Frieden schließen zu können.
Denn da sind einige.
Da ist bspw. das Schuldangst-Monster.
Wenn es wem, den ich mag, schlecht geht oder er reagiert auf mich negativ, bin immer ich schuld.
Wie einst.
Das macht mir höllische Angst.
Ich denke dann, ich sei eine Art Mörder.
Dabei sind andere verletzt, weil ihre Monster ihnen schaden.
Und habe ich selbst noch nie in meinem ganzen Leben jemanden wirklich „verletzt“.
Ich denke nur immer, das ich dies täte.
Aber das ist falsch.
Und da ist auch noch – neben anderen – das Wenigerwertalsandereseinangst-Monster.
Das sorgt bspw. dafür, dass ich, wenn Du wächst, wenn Du Erfolge erringst und Ziele erreichst, mich hierfür hasse, weil es mir dann einredet, jetzt sei ich „weniger wert“ als Du weil anders und schlechter und überhaupt.
Das ist eigentlich eines der schlimmsten Monster.
Weil es in Folge dazu verleiten kann, bewusst oder unbewusst anderen ihr Wachstum zu vereiteln oder vereiteln zu wollen.
Denn: Wenn sie wachsen, fühle ich mich ja klein.
Es ist daher auch ein Anti-Liebe-Monster.
Und wenn man das erkannt hat, hat man auch schon erkannt, was zum Frieden mit ihm verhilft:
Liebe nämlich.
Und die Erkenntnis: Wenn Du wächst, ist das richtig für Dich – und macht mich nicht weniger wert.
Sogar im Gegenteil: Umso besser es Dir (und anderen Menschen in meiner Nähe, die ich liebe) geht, umso eher wachse auch ich selbst.
Wachse mit Dir und Euch „mit“.
Und darum geht es:
Wachsen und größer werden.
Mich hat grad Dein Erfolg mit dem Joggen in eine kurze Selbstabwertungsspirale geführt.
Boah! Wie pervers ist das denn?
Ich bin so froh, dass ich das inzwischen mehr und mehr verstehe und auch präzise fühle.
Weil ich durch diese „Bewusstheit“ endlich gegenzusteuern vermag.
Und daran arbeiten kann, weder mich noch andere auf- oder abzuwerten.
Groß- oder Kleinzumachen.
Und woher auch das?
Aus dem „Du bist niemals gut genug für unsere Liebe“ der ersten Bezugspersonen.
Das ist dann auch schon gleich eine weitere und fast die letzte Erkenntnis hierzu:
Ja, hinter allen Monstern steckt die Angst.
Es sind Ängste, die sich Monsterkostüme angezogen haben.
Aber, und das ist der Clou: Hinter der Angst steckt … Liebe.
Falsch verstandene, frühe, abhängige, wehrlose Liebe.
Liebe, die, um die Mutter zu retten, mich selbst zu opfern bereit war.
Liebe, die mich abwertete, um die Mutter groß und ihren Selbstwert damit stabil zu belassen.
Liebe, die mich dazu brachte, mich anzupassen, bis ich fast draufging, damit die Mutter, die ich so sehr liebte, mich auf keinen Fall verlässt.
Usw. usf.
Und da schließt sich der Kreis:
Es gibt genau zwei Motive im Leben, aus denen heraus Menschen handeln:
Liebe und Angst.
Die Liebe ist das, woran Du erkennst, wer und von welchem Wesen Du bist, was und wer Dich glücklich macht.
Und die Angst ist das, woran Du erkennst, wer Du noch nicht bist, aber werden sollst.
Und umso mehr Du jener wirst, der Du noch nicht bist, umso mehr Du Dich Deiner Angst stellst, umso mehr erkennst Du:
Dass die Angst stets nur falsch verstandene Liebe ist.
Dass Du dort, wo Du sie überwindest, neue Räume in Deiner Seele findest bzw. schaffst.
Dass hinter der Angst schließlich noch mehr Liebe entsteht.
Wirkliche Liebe diesmal.
Liebe in Freiheit und voller Selbstrespekt.
Und dann wirst Du weiter und tiefer … und schließlich: frei.
Ja, umso mehr wir wir selbst werden, umso mehr Liebe und umso weniger Angst wohnt uns inne, denn dann erkennen wir die Zusammenhänge hinter allem und „verstehen“.
Ein weitaus klügerer Mensch als ich hat das einmal so beschrieben:
Wer nichts weiß, liebt nichts.
Wer nichts tun kann, versteht nichts.
Wer nichts versteht, ist nichts wert.
Aber wer versteht,
der liebt, bemerkt und sieht auch…
Je mehr Erkenntnis einem Ding innewohnt,
desto größer ist die Liebe…
Wer meint, alle Früchte
würden gleichzeitig mit den Erdbeeren reif,
versteht nichts von den Trauben.
(Paracelsus)
Ein anderer beschreibt es so:
Drum meine ich:
Liebe und verstehe Deine Monster.
Dann liebst und verstehst Du auch Deine Angst.
Und liebst und verstehst schließlich … Dich selbst.
Gesund. Vor allem aber: frei.
“Je mehr wir in unser eigenes Unbewusstes eindringen, desto mehr entdecken wir, dass wir uns in quantitativer Hinsicht beachtlich unterscheiden, dass wir aber hinsichtlich der Qualität unserer Strebungen gleich sind. Die gründliche Erforschung des Unbewussten stellt [daher] einen Weg dar, die Menschheit in sich selbst und in jedem anderen menschlichen Wesen zu entdecken.“
Erich Fromm: Vom Haben zum Sein, Seite 110f.
Ich habe meine Frau immer verstanden.
Alles verstanden.
Darum hab ich ihr alles „erlaubt“, alles durchgehen lassen, alles mitgemacht.
Erst jetzt verstehe ich, dass ich mich selbst nie verstanden habe.
Und seitdem ich mich zu verstehen beginne, erkenne ich:
Nur, weil ich alles verstehen kann, ist noch nicht alles richtig oder gut.
Menschen haben immer gute Gründe für ihr Handeln.
Aber deswegen ist nicht per se alles richtig, was sie aus diesen Gründen tun.
Jemanden bedingungslos zu verstehen, dessen Verhalten mir schadet, ist Selbstnegation.
Und grade Menschen, die selbst Probleme haben, sehen den Schmerz, den sie anderen zufügen, oft nicht.
Von sich aus werden sie also ggf. jahrelang bei ihren „Gründen“ und ihrem Verhalten bleiben.
Die einzige Chance, hier gesund zu bleiben, ist, zu sagen:
„Ich verstehe Deine Motive – aber richtig ist Dein Handeln für mich dennoch nicht.
So möchte ich nicht mehr, dass Du mit mir umgehst.“
Hier wird das Nein in der Liebe zum Ja zur Beziehung.
Und zwar in doppelter Hinsicht.
Zum einen, weil es einem selbst hilft, einen selber behütet und schützt.
Und zum anderen, weil es auch den anderen zum Wachstum einlädt, ihm aufzeigt, wie sehr er mit seinem oft „liebevoll“ gemeinten Verhalten anderen in Wahrheit Schaden zufügt.
Und ihm damit ermöglicht, zu erkennen:
Mit dem meisten davon schadet er immer auch sich.
Das weiß und ahnt und merkt er oft nur nicht.
Bis man ihn – aus Liebe – darauf hinweist, was sein Verhalten mit einem selber tut.
Im ehrlichen Spiegel der Gefühle anderer erkennen wir uns schließlich selbst.
Und finden so, wenn wir mutig sind, vielleicht eines Tages … nach Haus.
Liebe zu anderen setzt somit eines bedingungslos voraus: Liebe zu sich selbst.
Denn nur, wenn ich mich beschütze, dem anderen nicht erlaube, mir zu schaden, nur dann, wenn ich Nein sage, obwohl ich ihn „verstehe“, hilft das schließlich auch ihm.
Nur dann erkennt er wirklich mich, erkennen wir einander.
Und findet, wenn alles glückt, jeder im anderen schließlich auch: sich selbst.
Ich liebe
auch Deine Brüste
und Deinen wachen Verstand
Doch bin ich eitel
und will vor allem
das Un-Banale an Dir lieben
jenes
das nicht
jeder sofort erkennt
Daher
liebe ich
auch den Klang und die Zartheit
Deiner Stimme
an deren Gute-Nacht-Geschichten
und Geborgenheit
Deine Kinder
sich noch erinnern werden
wenn sie selbst
schon Eltern
oder Großeltern
sind
Liebe
die Entschlossenheit
mit der
Du beim Bäckerfrühstück
aufspringst
einen Croissant erwirbst
und ihn
wie selbstverständlich
dem Obdachlosen bringst
der sich gerad
vor unserem Fenster
niedergelassen hat
Und liebe
Deine Sprachlosigkeit
die so leise und umsichtig ist
dass sie mir
nicht einfach schwere, harte Worte
an den Kopf wirft
sondern Dein Fühlen und Empfinden
stattdessen
zu äußern sucht
indem sie
mir ein Lied spielt
das
mich zu Tränen
rührt
für Eva-Maria
Aus Liebe zu Dir
Deine Schätze sehen lernen
und aus Liebe zu diesen
Dich lieben
noch mehr
Aus Liebe zu Dir
Deine Not verstehen wollen
und verstehen lernen
und schließlich
verstehen können
und hierdurch
auch Deine Dunkelheit und Ungnade
mit liebenden Augen
und Wärme im Herzen sehen
Das Dunkle
und das Helle in Dir lieben
weil beides zusammen
erst Leben
und in Summe
ist was Du bist
Aus Liebe zu Dir
gelernt haben
Schätze zu sehen
und auch Dunkelheit und Ungnade
zu lieben und lieben zu können
und Frieden finden
und schließen
nun auch in
und mit mir:
Mich lieben
aus Liebe zu Dir
Ich möchte mich
nicht mehr binden
an die Schönste
die Klügste
die Liebevollste und Zärtlichste
die Lauteste
oder Leiseste
im Land
Ich möchte
mich binden
an jene
mit der ich
am besten zu wachsen
mich zu entwickeln
und entfalten
vermag
Ich glaube
dass das Liebe ist
oder zumindest
etwas hinreichend
ähnliches