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Wachgeküßt


Meine Liebe
in Dir finden
und Deine in mir
das ist
schon ein Fingerbreit Freiheit
denn nun weiß ich:
Ich bin
nicht allein

Meine Angst
in Dir finden
und Deine in mir
das ist
schon ein Fußbreit Freiheit
denn nun sehe ich:
dass Du für Dich
und nicht
gegen mich kämpfst
und ich
gar nicht einsteigen
und mitkämpfen muss

Dich
wegen Deiner Schätze
lieben
und wegen der Freude
die ich ob ihrer verspür
das ist
schon ein großes Stück Freiheit
weil
finde ich diese
alsdann auch in mir
ich nun auch
mich selbst
wegen ihrer
zu lieben
vermag

Um Deinet-
und um meiner Liebe zu Dir willen
auch Deine Dunkelheit lieben
und Deine Schwächen
und Deine Not
Dir Deine Ecken
und Kanten
und auch so genannten Fehler
verzeihn
und all diese und dieses
dann auch
in mir finden
das ist
wahrhaft schon Freiheit
weil ich
wo ich jetzt verstehe
dass uns dieselbe Dunkelheit eint
nun auch mich
so nehmen kann
wie ich bin
mit meinen Schwächen
und meiner Not
und auch mir
vergeben kann
dass ich bin
wie ich bin
aus Liebe
zu Dir

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Wenn der Wind weht


Es ist schön
wenn der Wind weht
direkt
in mein Gesicht

Dann fühle ich
dass ich lebe
und bin
und wie
und wo ich bin
und dass ich
begrenzt und endlich
und nicht
der Wind bin

Wenn der Wind weht
lerne ich mich selbst
besser kennen:
meine Liebe
Freiheit und Unfreiheit
meine Gewordenheit
und Angst
meinen Hochmut und Zorn
mein Allein-und-doch-niemals-Alleinsein

Unbestimmtheit macht mich nervös.
Festgelegtsein aber auch.
Und Neues ausprobieren.
Und gegen die eigenen Vorurteile angehen.
Und dann ohne sie sein. Ganz nackt.
Und Zulassen. Einlassen.
Weglaufen aber auch.
Auf den Bauch hören statt auf den Kopf.
Und Vermissen.
Nichtvermissen aber auch.
Und Courage.
Und Anderssein.
Nichtanderssein aber auch.
Und Fremdsein.
Doch bleibt man einander
das nicht stets?

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Freiheit, die dritte


Es wäre schön
hätte Morgenstund
wirklich Gold im Mund

Ich suche
jeden Morgen danach
noch bevor es
zur Schicht
in die Werkhalle geht

finde jedoch nie anderes
als Karies, Amalgam
und unstillbaren Hunger
nach Leben

Zwei der drei
sind auch am Abend
noch da

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Schweine-Solidarität


      oder Anwürfe eines arbeitenden Lesers

für Adrian Gabriel

Wie konntet ihr
Kollegin X. nur unterstützen?
Jetzt schleppen wir
diese Minderleisterin
noch weiter mit uns herum.
Was für ein
unsolidarischer Betriebsrat
seid ihr eigentlich?

Wir alle haben Freunde und Familie
die wir viel zu selten sehen
und arbeiten
nicht als Ausnahme sondern Regel
jenseits der Grenzen eigener Kraft.
Was also erdreistest Du Dir
in dieser Situation einfach pünktlich zu gehen?
Als Kollegenschwein
sorgst Du so dafür
dass es auch allen anderen
schlechter geht.

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Deutungsgewalt


„Seid solidarisch“,
haben die Starken
den Schwachen zugerufen,
„und tut, was gut für alle von uns ist.
Orientiert euch dabei an uns.“

Das taten die Schwachen
und gaben ihr Bestes und mehr
immer bemüht
so stark wie der Stärkste zu sein

Das taten die Schwachen
bis sie
unter der Last der Stärke zusammenbrachen
jenseits eigener Kraft

„Seid solidarisch“,
rufen die Schwachen
den Starken nun zu,
„helft uns, werdet langsamer, teilt!“

„Das würden wir ja gern“,
erwidern diese,
„doch können es nicht.
Weil das nicht gut
für alle von uns wär.“

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Weltengetriebe


Ratten der Lüfte
nennen sie sie
weil sie schändlich
und schädlich seien

weil sie behindern
beim Rennen und Eilen
Dreck verbreiten
in der sauberen Hochglanzwelt
und Dreck fressen
sie haben sonst nichts

Ratten der Lüfte
nennen sie sie
und ziehen gegen sie zu Felde
mit Messern und Speeren und Gift

Immer mehr von ihnen
streichen verkrüppelt und verstümmelt
durch die Straßen unserer Stadt
und selbst die Kinder
jagen und quälen sie gern

Ratten der Lüfte
nennen sie sie
und während ich mit ihnen bange und leide
fürchte ich den Tag
an dem jene
die sie so nennen
wieder einmal merken
dass auch unsereins
schändlich und schädlich ist

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Sehnsucht


Ich habe einige Thesen
doch häng sie an keine Tür
sie betreffen das Wesen
der Dinge und Deiner Sehnsucht nach mir:

Wir sind alle umgeben von Mauern
und Zäunen
durch die nie jemand nah an uns gelangt

Haben Angst und müssen schauern
ob des Inhalts von hinteren Räumen

Die halten wir verschlossen
obwohl unsre Sehnsucht nach ihnen verlangt

Dort lauern unsre Ganzheit und Weite
die unsres Lebens und Seins

Doch wurden wir früh schon beschossen
und belogen
mit: Das ist gar nicht Deins

Einst glaubten wir ihren Elogen
heut haben wir den Salat:

Leben nur diese und jene Seite
und halten vor Teilen der Breite
und Tiefe
unsre Angst und Abwehr parat

Doch unsre Sehnsucht erahnt uns beharrlich was liefe
gäben wir einmal mutig all unsern Klinken die Hand:

So lieben wir andere auch als unsere Spiegel
und in ihnen eigene Räume in fremdem Gewand

Das ist es das heimliche Siegel
das einst noch gebrochen sein will

Hiernach sind wir endlich zu Hause
und wird es im Herzen ganz still

Das wird dann als hätte der Himmel die Erde zärtlich geküsst
weil Du jenseits aller Ängste und Sause
nun weißt dass in Deinem Zuhause
die ganze Menschheit beheimatet ist

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Heimkehr


Ich komme heim,
kehre nach Hause zurück.

Das Haus unbewohnt, kalt;
in den Dielen schläft Angst,
im Dunkel lauert der Alb.

Dieses nervöse Ziehen quer durch die Brust.
Der stechende Schmerz tief im Genick.
Hier wohne ich, ja.
Wohne. Ich. Ja.

War lange nicht hier.
Floh, da war ich noch klein.

Die Spinnen haben Bilder an die Wände gemalt.
Die Kerze flackert Dämonentänze wild in den Raum.

Diese Kälte. Sie klirrt. Beißt.
Diese Unruhe. Sie lähmt. Vor Zitterei.
Und diese Angst. Sie hebt an zum Tusch.
Im Keller steht ihr Orchester Spalier.

Und doch:
Vier Wände, ein Dach.
Meins.
Ich. Wohne. Hier.

War zu lange fort.
Nie wirklich daheim.
Wie wird es in ein paar Jahren wohl sein?

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Freiheit, die zweite


Freiheit
wird heut wieder gerne getragen

Man trägt sie
kurz oder eng
auf den Oberschenkeln
am Po
abgeschnitten
nach oben gebunden
gesteckt
auf dem Kopf

Ganz sicher aber nicht
hängend, stoffern und dicht
vom Kopf
über den Po
zum Boden hinab
mit Sichtschlitzen
vor dem Gesicht

Die Freiheit ist schließlich schon groß
und entscheidet selbst, wer sie ist
nicht wir
Wo kämen wir
ansonsten auch hin

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Freiheit, die erste


Freiheit
wird heut wieder großgeschrieben

Wir sollen frei sein von
Liebe
Solidarität
Mitgefühl
Wärme
Hilfe
Unterstützung
Mut
und mehr

Dann sind wir
lieblos
egoman
hart
kalt
hilflos
allein
und voller Angst

und funktionieren wunderbar
in dem, was sie
vermeintlich um unseretwillen
gestalten und Gesellschaft nennen

Hinter unserem Rücken aber
nennen sie es Markt
und wetzen die Messer bei Nacht

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Sonnenstrahl


Wie manch anderer auch
bist Du ein Sonnenstrahl,
der gar nicht ahnt,
wie hell und warm er ist.

Wie aber solltest Du auch?
Du siehst und wärmst Dich selbst ja nicht
– nur immer andere,
bis, ja bis: Man Dir den Spiegel vorhält.

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Antwort auf einen Brief


Ich lese, was Du schreibst
von Deiner Oberflächlichkeit
und Deinen schlechten Seiten,
und dass Du fürchtest,
ich hätte diese
vielleicht nur übersehen

Ich frage erst mich
und dann, in meiner Antwort an Dich, Dich,
was genau
Du damit eigentlich meinst

Denn in was sollte Deine Tiefe,
die ich so sehr schätze und mag, gründen,
wenn nicht in etwas, das ihr Halt
weil Erdung und Weite verleiht

Und was
sollten Deine „schlechten Seiten“ anderes sein
als helle Schatten bei Licht:
die Gründe dafür eben,
dass die „guten“ zu jenen wurden, die sie heute sind;
ihr Anlass, ihre Motivation
oder zu ihren Gunsten nicht gelebtes Potential

Ist, so frage ich Dich,
dann aber
Deine Weite
nicht Deiner Tiefe synonym
wie letztlich all Deine Seiten
nur verschiedene Abstufungen
guter Seiten sind

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Die Freiheit, die sie meinen


Nächster Halt: Rüsselsheim.
Neben mir ein MP3-Player und ein Smartphone,
Samsung, glaube ich.
Mir gegenüber ein Smartphone
und daneben ein Notebook, HP.
Links von uns ein Notebook,
auf dem ein Video läuft.
Daneben ein Buch,
ihm gegenüber eine Zeitung,
Süddeutsche wohl,
und neben dieser ein Smartphone, erneut.

Tippen, tippen, hören, tippen,
umblättern, lesen, tippen, aufsehen,
auf die Uhr schauen, tippen.
Notebook-Arbeit, Notebook-Video,
Zeitung, Musik, Buch,
Smartphone-Spiele, Smartphone-Mails.
Tippen, tippen, arbeiten,
tippen, lernen, tippen, schaffen, tippen, tun.

Der Geist überall, nur nicht hier.
Mein Gott, sind wir »frei«.

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Am Fenster


Wenn ich alt sein werde
hat all das rückblickend betrachtet dann seinen Sinn?
Und wird es mein Sinn sein
oder jener des Lebens?
Werde ich es vermocht haben, den Sinn meines Lebens zu finden
und jenem des Lebens zu entsprechen hiermit oder hierbei?
Werde ich über heutige Angst lachen
oder wird heutiges Lachen mich einst ängstigen?
Werden meine Wunden zu Menetekeln, Leuchtfeuern
oder fruchtbarem Boden für heilsames Neues geworden sein?
Schmecken Freiheit und Frieden einmal nach Blut
oder wurden aus der Summe der nicht gekämpften Kämpfe gewebt?

Wenn ich alt sein werde
werden dann auch meine Gefühle
in die Jahre gekommen sein?
Wie tief ist dann noch mein Glück?
Von welcher Farbe wird Freude sein?
Wie schmeckt das Leid?
Riecht meine Trauer noch immer nach Meer?
Wird die Einsamkeit farb- und geruchlos geworden sein
oder wiegt schwer, fast wie Blei?
Und meine Liebe, wird sie noch tief sein und singen
oder weit, ein Orchester, das keiner Tiefe mehr bedarf?
Wird sie noch knabenhaft-neckisch sein, neugierig, verspielt
oder am Stock gehen, vorsichtig tastend, ein Monokel vorm Gesicht?

Wenn ich alt sein werde
werden dann noch immer des nächtens die Fragen zu mir kommen
und an die Fenster hämmern
auf dass ich nicht zu schlafen vermag?
Oder werden auch sie älter und bedächtiger geworden sein
und leiser klopfen
oder trommeln
wie der Regen vielleicht?
Oder werden sie gar
mit den Antworten zusammen gekommen, womöglich verpartnert sein,
wohnen in einem Haus in der Nachbarschaft
und schauen nur noch gelegentlich einmal
vielleicht zum Tee
bei mir vorbei?

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Ein und dasselbe


Ich frage mich
was für Gefühle das sind

Das eine:
Dir zuhören, Dich ansehen und Deinen Gesten folgen
während Du von Deinem Alltag berichtest, Dich zeigst
Deine Stärken und Schwächen erhellst
Windmühlen belächelst und tief ins Nähkästchen greifst –
und aufblühen
Grübchen auf den Wangen
und wohlige Wärme in der Brust spüren
hierbei

Das andere:
Im Café sitzen, schreiben, sinnieren, nach Worten suchen
und die Revue passieren lassen
damit man sie, den Stift in der Hand, noch einmal fühlt
Dann plötzlich: Wissen und verstehen
dass das, was da in mir ist und wärmt
das meine ist, gar nicht Deins, nicht von Dir
ich Dich nicht fühlen oder mögen könnt
wenn das, was ich da fühlte oder möchte
mir selbst nur fremd und äußerlich wär –
und aufblühen
bunter, wilder Garten oder Heideland werden wollen
hierbei
anders als und doch ähnlich wie Du

Ich frage mich
was für ein Gefühl das ist –
und warum man manchmal so weit gehen muss
um nach Hause zu kommen

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