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Zärtlichkeit


Hommage an Arnon Grünberg und sein Gedicht „Es gibt noch

Menschen berühren und wahrnehmen wollen
Ihnen die Hand geben
auf Augenhöhe begegnen und in die Augen sehen
Gesundheit wünschen wenn jemand Fremdes in der S-Bahn niest
Sich zeigen und nahbar sein
Den Obdachlosen für den man kein Kleingeld hat
zumindest ansehen ihm Hallo sagen und mit Würde begegnen
Das Kind als kleinen nicht halben Menschen betrachten
es ernst nehmen so wie es ist und weil es ist
Zuhören und mitfühlen wo es zuzuhören und mitzufühlen gilt
Lächeln
Im Bus weinen wenn einem nach Weinen ist
und in der Fußgängerzone tanzen und singen einfach nur so

Das eine Gedicht noch schreiben
Dem Mädchen noch sagen dass ich es mag
Es immer allen sagen, bedeuten – unmittelbar
Lieben – als ob es kein Morgen gäbe
weil es das Morgen nicht gibt und niemals gab;
ein Mal nur, einmal noch

Das hat ihn schließlich überzeugt
Er hat
sich eine Zigarette gedreht
sie entzündet inhaliert genickt
eine Zeitlang grübelnd einen Punkt an der Decke fixiert
sich Notizen gemacht
und mir beim Gehen
auf die Schulter geklopft
und gesagt
er käme in 5 Jahren
noch einmal vorbei

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Großer Gesang


Schläft ein Lied in allen Dingen,
die da träumen fort und fort,
und die Welt hebt an zu singen,
triffst du nur das Zauberwort.

(Joseph Freiherr von Eichendorff)

Er hat recht:
Es schläft ein Lied in allen Dingen
schläft auch
in mir

Und unrecht doch zugleich, denn:
Es sind viele Lieder
und manche davon
habe ich niemals zuvor erhört

Erst war ich traurig
ob der Tatsache
dass von meinen 1.000 Teilen
etwa 600 fehlten
nach dem letzten Sturz

Inzwischen
ändert die Perspektive sich
denn Deine inneren Lieder
erzeugen in mir Resonanz
bringen Dinge zum Vorschein und Schwingen
von denen ich nicht einmal ahnte
dass sie als Schätze
in mir vergraben sind

Eine kleine Melodie
ist da bereits
mit neuem Puls
und viel wärmerem Takt als zuvor
kein Lied noch nicht, nein
erst recht kein großer Gesang

und dennoch
nein eben drum
will ich fortan
nur noch unter Singenden sein
denn meine Schätze finden
Gesang werden
das kann ich
nicht ohne Resonanz
vermag ich
nicht allein

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Inkognito


für Eva-Maria und Esther

Wir
haben alles ausdiskutiert
fein säuberlich
mit dem Verstand

haben uns
stets in der Mitte getroffen
unser Leben
auf dem Reißbrett entworfen, gelebt

haben selten gestritten
füreinander fast alles getan
auch uns verbogen
uns selbst nicht gelebt

haben jeweils den andern
verstehend gefühlt
uns nur unter Vorwänden, entschuldigend
einmal von ihm entfernt, distanziert

haben einander kaum je resolut kritisiert
selten nur eigene Bedürfnisse artikuliert
wenn aber einmal
diese dann nicht
erst recht nicht gegen den anderen
auch wirklich durchgesetzt und gelebt

haben es recht machen wollen
dem anderen, nicht uns
vermieden das Nein! zwischen uns
weil wir dachten
dies bedeute das Nein!
auch fürs Uns

haben einander nie souverän Paroli geboten
nie mit Konter und persönlichen Grenzen beschenkt
und verloren hierdurch
mehr und mehr
die letzte Distanz und eigne Kontur

haben unsere Positionen
und unseren sicheren Stand im Leben
aneinander verloren
und nannten das „gerecht“
den immer wieder einmal notwendigen
„fairen Kompromiss“

haben uns enger und enger verbunden
und dachten
dies sei Zeichen unseres Ja!s füreinander
konnten nicht sehen oder verstehen
(und gefühlt hatten wir uns selbst ja schon lange nicht mehr)
dass der Sog zueinander
das Resultat immer tieferer Einsamkeit in- und miteinander
und diese wiederum das Resultat
unseres jeweiligen, anwachsenden Nein!s zu uns selbst
war und stets ist

Wir nannten all das LIEBE
(das schrieben wir groß)
und auf dem Reißbrett unserer Ehe stand:
„Ja, richtig –
so wird’s gemacht!“

Wir nannten all das LIEBE
und hatten uns
ein jeder sich selpst
(wir wussten nicht, wie man das schreibt)
doch niemals gespürt

Wir nannten all das LIEBE
und ich weiß erst jetzt
nachdem das Reißbrett zerbrach
alle „Pläne“ endeten
und ich Dich schließlich verlor
nachdem ich mich selbpst
(auch heute übe ich noch an diesem Wort)
und unter all dem Geröll
hinter so viel Ratio, Vernunft und Verstand
auch mein Fühlen
wiederfinden musste
und schließlich wiederfand:

So wenig von alldem
war LIEBE
und so viel
war: ANGST

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Liebesgedicht für die Freiheit


      und Freiheitsgedicht für die Liebe

Dich lieben
und hoffen
dass unsere Liebe füreinander
uns jene Hilfe ist
die wir brauchen
um die alten Wunden
ob derer wir jeweils leiden
mit uns selbst
und also
neuem Eigenen
heilsam zu füllen

wohlwissend
dass es leichter wäre
die Liebe des jeweils anderen
als Füllmenge
in all die eigene Leere zu tun
dass dies dann aber
das Ende eigener Freiheit
und, da diese ihr Kind
auch der Anfang vom Ende
unserer Liebe füreinander wär

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Halt


Bitte zeig Dich
mit Deinen Nöten und Deiner Angst
in Deinem Unbill
Wollen und Eigensinn

Verbiege Dich nie
und paß Dich nicht an
nicht für mich
und niemanden sonst

Sag was Du denkst und brauchst
willst und nicht willst
was Du Dir wünschst
und was sich ändern muss weil es Dich stört

Setze mir Grenzen
und widersprich
enttäusche mich
und machs mir nie „recht“

Sage im Zweifel
stets Nein! zu mir
damit Du
bedingungslos Ja! zu Dir selbst sagen kannst

Steh zu Dir
sei einfach nur Du
und werde zu der
als die Du beabsichtigt warst

Gehe Deinen Weg nicht meinen
und verlier dabei
wenn nötig auch mich
auf der Suche nach Dir

Das gäbe mir jenen Halt
den es meint
einander auch wahrhaftig zu sehen
und hierdurch eines zu können:
sich aneinander zu reiben
um miteinander zu wachsen
sowie jeder für sich
und doch auch mit- wie neben- wie beieinander
vor allem aber
wirklich füreinander ein-
zu stehen

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Die Liebe will erwachsen werden


      und Dich auf Augenhöhe lieben

Nicht mehr Rat oder Halt geben wollen
sondern erinnern
dass das was richtig ist und trägt
nur aus dem eignen Innern
zu kommen vermag
und die Besinnung hierauf
wie auch Arbeit hieran
das Wegbesinnen von Äußerem meint
das Weg
auch von mir

Nicht mehr groß oder wichtig sein
und Verantwortung ab- oder übernehmen wollen
wo andere sich klein
oder bedeutungslos machen
sondern helfen
indem man nur noch hilft
sich selbst zu helfen
im Zweifel auch
indem man gar nicht hilft
Weil auch dies Hilfe ist:
dem andern
jene Verantwortung auch wirklich zu überlassen
die
weil sie seinen Namen trägt
und sein Leben meint
einzig ihm zu tragen gebührt
und niemandem sonst
auch nicht mir

Nicht mehr Auf- oder Fehlervermeidenhelfenwollen
sondern Fallen- und Falschmachenlassen
auch und insbesondere
wider die eigene Liebe und Angst
Denn nur wer stürzt und Fehler begeht
– und wer weiß schon
ob die eigenen für andere überhaupt solche sind –
der kann auch wachsen und gedeihn
und wirklich lernen
hierdurch und hieran:
Was gut tut und schadet
wie und dass man aufsteht nach jedem Fall
dass Laufen- eben auch Fallenlernen
wie Leben immer auch Leiden
und an dessen Ende Wiedergeborenwerden meint
Und dass schließlich
die Summe unserer Stürze und Fehler
die Summe unseres Leidens
die Grenzen unserer Weisheit und Freiheit ausmacht
auch bei mir

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Nähe


Ich bin dankbar

dafür, dass ich Dich kennenlernen durfte
und dass sich unsere Seelen fanden und berührten.

dankbar für Deine Offenheit und Dein Vertrauen,
Dich so zu zeigen, wie Du bist,
aber auch mich
wirklich und in Gänze zu sehen:
in meiner Kraft und Ohnmacht zugleich
und dennoch zu bleiben, nicht von mir zu gehen.

dankbar für Dein offenes Herz,
Deinen Humor, die Tiefe Deiner Seele, Deinen wachen Verstand,
für Deine Spontanität, Kreativität und Lebendigkeit,
Deine Wärme, Zärtlichkeit, Empathie,
Deine Ecken und Kanten
und so vieles mehr.

Ich liebe Dein Lächeln, Deine Zartheit, Deine Haut.

Ich sehe Würde, Stärke und Stolz,
unbändige Lust und den Willen zu leben,
betäubt noch von Angst
und falschen Pflastern so langer Zeit.

Ich bewundere die Kunst, die Du schaffst,
die Schönheit Deiner Bilder,
Deine Fähigkeit, andere mitfühlend zu fördern,
ihnen Mut zuzusprechen und ihre wahre Größe zu sehen,
die Wertschätzung Deiner Worte sowie behutsame Weise,
mit der Du treffsicher die empfindsamsten Briefe formulierst,
den Schalk in Deinem Nacken und das kleine Mädchen, das in Dir lebt,
all Deine bereichernde Freiheit, Frechheit und Nicht-Konformität.

Ich bin dankbar

dass ich mich in Dir zu sehen
und Dich in mir zu finden vermocht habe,
denn, das verstehe ich erst jetzt, ganz am Schluss:
was ich an Dir liebe und zu sehen vermag,
während Du selbst es erst spärlich erblickst,
das ist alles auch in mir
und schreit nach Leben und Wertschätzung
wie Deines bei Dir.

dankbar
dass ich, weil ich Dir nahe kam,
vieles in mir selbst
und in der Liebe zu Dir
auch jene zu mir wiederfand.

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Und uns bleibt immer noch Paris


Ich bin dankbar

für die Barfußwanderung mit Dir
unseren bekleideten Sprung in den Fluß
und den nächtlichen Freibad-Ausflug

die gemeinsamen Siege bei Tabu
wie auch bei Badminton und Volleyball

das Joggen am Fluß in den Sonnenuntergang
und den wieseliegenden Wolkentheaterbesuch hiernach

unsere Decke unter der Brücke am Fluß
und den Himmel voller Sterne über uns und ihm

den nächtlichen Blick von der Kauzenburg
unsere Aussicht vom Lenneberger Turm über das Mainzer Land
und die Wanderung an der Nahe mit Punkrock im Ohr

den Strauß Blumen von Dir für mich
das Miteinander-Lachen und Sich-Vergessen hierbei
sowie unsere gemeinsame Schaumstoffprügel-Schlägerei

die Känguruh- und sonstigen Geschichten auf der Schaukel
und Dich als Zofe und Prinzessin beim Mäuseroulette

für Deinen Auftritt beim Improtheater
das berührendste Geburtstagsgeschenk seit sehr langer Zeit
und all die Zettel unter meiner von Luftschlangen verhängten Tür

dass wir dabei waren
als Miss Piggy den Froschkönig küsste
und dass ein Kinderherz auch Dein Herz berührt

für die Kette um meinen Hals
sowie das Farbeklecksen, -werfen und -tupfen
auch auf der Haut, nicht nur auf Papier

eine Frau Doktor, die mich ob Deiner lächelnd durchschaute
Deinen Traum vom blauen Schmetterling
und all Deine Offenheit auch zu intimem Gespräch

„Vier Minuten“ in Deinem Arm
Dein verliebt-schüchternes Lächeln am Mittagstisch
die Wärme Deiner Hand in meiner
sowie unsere letzten selbstvergessen-zärtlichen Stunden im Spielplatz-Holzhaus

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Der Schmetterling


Der blaue Schmetterling
den Du so magst:

Du hast übersehen:
Auch Du
hast ihn gesehen

Nun musst Du nur noch
aufwachen
und ihn suchen gehen

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Mitleid


Über 40 Kinder
jüdischer Konfession
legal illegal
während der Kriegswirren versteckt
und dann doch
wohl aufgrund gezielter Denunziation
bei einer Razzia festgenommen
deportiert
dem Vernichtungslager „zugeführt“:
Die Kinder von Izieu

Die Gruppe
genießt die Aussicht auf die Rhône
beschaut Fotos lächelnder Kindergesichter
lauscht der Geschichte des Heimes
sitzt auf jenen Bänken
auf denen einst die Kinder saßen
beschaut deren Zeichnungen
liest deren Briefe
und fühlt sich hinein
in die Kinder
und ihre glückliche unglückliche Zeit

Alle
sind tief berührt und bewegt
lange bevor
der erste die Vitrinen mit Fotos
von Bergen aus Kinderleichen in Auschwitz erreicht:
medizinische Experimente, Typhus und Gas
Mitleid, Entsetzen, Angst
Gefühle, über die später
noch lange zu sprechen sein wird

Eine Bachstelze
die sich in einen der Museumsräume verirrt hat
fliegt wieder und immer wieder
verzweifelt
und sich selbst dabei verletzend
von innen gegen das Fenster
hinter welchem sie ihre Freiheit erblickt
Ohne Hilfe
ist ihre Lage aussichtslos
„Ach, woher kommst denn Du?“,
fragt die erste Person aus der Gruppe
die ihr überhaupt Aufmerksamkeit schenkt
und geht vorbei
den nächsten Fotos und Vitrinen entgegen

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Unglück im Glück


Im Kopf ein Ende
      wegen der Summe der Verluste
      früherer Jahre
      und nun erneut
Im Gesicht die Tränen
Im Rücken ein langer Weg
      fast immer alles erreicht
      Glück in jedem Unglück gehabt

Vor dem inneren Auge
keine Familie: Verwandte
kein Zuhause: nur fremde Stadt
keine Heimat oder Zuflucht: nur Wurzellossein

Vor dem wirklichen Auge
Sonne: der französische Frühling
und ein Witz des Lebens
das zärtlich gen einem lacht:

Ein Abbild dessen
was man verloren zu haben glaubte
läuft lächelnd und lebensfroh
unverloren
      ein Stück Erinnerung
      an eine mögliche Zukunft
an einem vorbei

Ich schäme mich
ob der Beliebigkeit
meines Unglücks
im Glück

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Wiederholungszwang


Wenn ich mich umbrächte
      erhängte
      denn wenn, will ich es richtig tun
gleich jetzt und hier
es kümmerte
kaum irgendwen

Zwei, drei
würden sich wundern
vier, fünf
äußern: oh, ja, Depression
ein, zwei
sich Vorwürfe machen, vielleicht
und alle, alle würden sie meinen
      und von Psychologen geraten bekommen
      dies zu tun:
Ein trauriges Schicksal
doch in niemandes Verantwortung
c’est la vie

Das grandiose Selbst in mir meint:
Das ist unter meinem Niveau
Das depressive Selbst in mir meint:
Eben. Drum!
Das Kind in mir
wöllte einfach nur spielen
wahrgenommen und beachtet werden
und meint:
Gut, wenn sich ohnehin keiner um mich schert, tus!
      und erinnert sich
      vieler Momente
      in denen es wünschte
      es wäre lieber tot
C’est sa vie

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Fünfundneunzigster Tag


Am 95. Tag verlor ich ihr Bild

Oder ich hatte bereits
einige Tage zuvor verloren
und bemerkte es erst jetzt

Trotz aller Anstrengung
nur noch ein Schemen
kein Gesicht mehr
nicht sie

Als ich gerade traurig zu werden beginne
ob dieses Verlusts
werde ich stattdessen plötzlich glücklich
denn ich erinnere ja auch des Glückes nicht mehr
ob dessen ich trauere
den 95. Tag

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Zirkelschlüsse


Wer
um geliebt zu werden
meint
es allen recht machen zu müssen
macht es
      schließlich doch
niemandem recht
kann es
niemandem recht machen
und wird
niemandem
      erst recht nicht
      sich selbst
gerecht werden können
hierbei

Wer
aus Angst verantwortungslos zu sein
und nicht geliebt zu werden
immer
für alle oder alles
die Verantwortung übernimmt
hierbei aber
      aus vermeintlichem
      Verantwortungsbewusstsein
      diesen oder diesem gegenüber
sich selbst
      und also
      die Verantwortung
      für den eigenen Weg
      das eigene Glück
      und Wohlbefinden
negiert
      gegen sich selbst
      also verantwortungslos wird
wird
      schließlich doch
auch gegen alle und alles
verantwortungslos werden müssen
und gar nichts mehr
verantworten können
      am Ende
      der eigenen Kraft

Wer
aus Angst vor Verlust
und Liebesentzug
Konflikte zu vermeiden
und sich
      wie ein junger Baum im Wind
zu biegen
sich klein zu machen
und anzupassen
      zu lieben also
      um geliebt zu werden
versucht
wird
      schließlich doch
nicht wirklich
geliebt werden können
als tatsächlich er selbst
      weil
      und einfach so
      wie er ist
weil
er nicht ist und lebt
was er ist
sein könnte
und sein sollte
ja
sein würde
wenn er
es nur wollte
      ein kräftiger Baum nämlich
      der
      nicht nur
      aber auch und vor allem
      sich selbst
      als Halt, Schutz und Heimat
      in den Stürmen des Lebens genügt

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