Eine der Tragödien der menschlichen Existenz liegt beim Trauma darin, dass etwas, das als das Leben schützende Fähigkeit beginnt, uns in einer zwanghaften Wiederholung gefangen hält.
Freud sagte über einen Traumatisierten: “Er reproduziert es nicht als eine Erinnerung, sondern als eine Handlung, um sie zu wiederholen; und am Ende verstanden wir, dass dies sein Weg ist, sich zu erinnern.”
Die spezielle Natur der traumatischen Information bedingt das Verhalten des psychischen Wiederaufbaus. Zersplitterte traumatische Erinnerungen und die übersteigerten Bilder und Empfindungen sind kurzfristig lebenserhaltend, aber verhindern langfristig die volle Integration.
Wir inszenieren unsere Vergangenheit überall – zu Hause, in der Schule, am Arbeitsplatz, auf dem Spielplatz und auf der Straße. Jeder von uns spielt Rollen in seinem eigenen persönlichen Drama, innerlich hoffend, dass jemand uns ein anderes Drehbuch und einen anderen Ausweg aus diesem Drama gibt, abhängig davon, welche Erfahrungen wir machten. Der Weg zur Heilung versteckt sich in der Krankheit.
Die einzige Möglichkeit des nonverbalen Hirns, zu “sprechen”, ist unser Verhalten. Wenn wir uns Reinszenierungs-Verhalten ansehen, erkennen wir, dass traumatisierte Menschen “ihre Geschichte erzählen”, allerdings auf versteckten Pfaden im Dschungel.
Wenn wir nonverbale Botschaften interpretieren können, können wir vielleicht besser auf diese Hilferufe antworten. Damit Heilung aber geschieht, müssen wir unseren überwältigenden Erfahrungen Worte und Bedeutung verleihen. Traumatisierte sind von Sprache abgeschnitten, haben die Macht der Worte verloren und sind in der Falle sprachlosen Entsetzens.
„Was weiß ich schon von mir, wenn ich nicht weiß, dass das Bild, das ich von mir selbst habe, zum größten Teil ein künstliches Produkt ist und dass die meisten Menschen – ich schließe mich nicht aus – lügen, ohne es zu wissen? Was weiß ich, solange ich nicht weiß, dass‚ „Verteidigung“ Krieg bedeutet, „Pflicht“ Unterwerfung, „Tugend“ Gehorsam und „Sünde“ Ungehorsam? Was weiß ich, solange ich nicht weiß, dass die Vorstellung, dass Eltern ihre Kinder instinktiv lieben, ein Mythos ist? Dass Ruhm nur selten auf bewundernswerte menschliche Qualitäten und häufig nicht auf echte Leistungen gründet? Dass die Geschichtsschreibung verzerrt ist, weil sie von den Siegern geschrieben wird? Dass betonte Bescheidenheit nicht unbedingt ein Beweis für fehlende Eitelkeit ist? Dass Liebe das Gegenteil von heftiger Sehnsucht und Gier ist? Was weiß ich schon von mir, wenn ich nicht weiß, dass jeder versucht, schlechte Absichten und Handlungen zu rationalisieren, um sie edel und wohltätig erscheinen zu lassen? Dass das Streben nach Macht bedeutet, Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe mit Füßen zu treten? Dass die heutige Industrie-Gesellschaft vom Prinzip der Selbstsucht, des Habens und des Konsumierens bestimmt ist und nicht von den Prinzipien der Liebe und Achtung vor dem Leben, die sie predigt? Wenn ich nicht fähig bin, die unbewussten Aspekte der Gesellschaft, in der ich lebe, zu analysieren, kann ich nicht wissen, wer ich bin, weil ich nicht weiß, in welcher Hinsicht ich nicht ich bin.“
(Erich Fromm)
„Achtung vor einem anderen ist nicht möglich ohne ein wirkliches Kennen des anderen. Fürsorge und Verantwortungsgefühl für einen anderen wären blind, wenn sie nicht von Erkenntnis geleitet würden. Meine Erkenntnis wäre leer, wenn sie nicht von der Fürsorge für den anderen motiviert wäre. Es gibt viele Ebenen der Erkenntnis. Die Erkenntnis, die ein Aspekt der Liebe ist, bleibt nicht an der Oberfläche, sondern dringt zum Kern vor. Sie ist nur möglich, wenn ich mein eigenes Interesse transzendiere und den anderen so sehe, wie er wirklich ist. So kann ich zum Beispiel merken, dass jemand sich ärgert, selbst wenn er es nicht offen zeigt; aber ich kann ihn auch noch tiefer kennen, und dann weiß ich, dass er Angst hat und sich Sorgen macht, dass er sich einsam und schuldig fühlt. Dann weiß ich, dass sein Ärger nur die Manifestation von etwas ist, was tiefer liegt, und ich sehe in ihm dann den verängstigten und verwirrten, das heißt den leidenden und nicht den verärgerten Menschen.“
(Erich Fromm)
„Die meisten Menschen haben Angst, dass sie ihre Freiheit verlieren, wenn sie lieben, und können nicht glauben, dass die Liebe gleichzeitig die größte Entwicklung der Freiheit bedeutet.“
Diesen Artikel von Gisela Bergmann-Mausfeld kann ich all jenen, die einen Weg aus ihrem „inneren Gefängnis“ suchen, nur wärmstens empfehlen. Warum? Darum:
diese gefängnisse des Innern
sind schlimmer als die schlimmsten steinernen Verliese
und solange sie nicht geöffnet werden
bleibt all euer Aufruhr
nur eine Gefängnisrevolte
die niedergeschlagen wird
von bestochenen Mitgefangenen
(Peter Weiss)
Und eben auch weil:
„Der Mensch wird am Du zum Ich.“
(Martin Buber)
„Er wird zu dem Ich, dessen Du wir ihm sind.“
(Georg Feuser)
Laurence Heller und Aline LaPierre: Entwicklungstrauma heilen
Gisela Bergmann-Mausfeld: Pathologische Passung, Mentalisierung und negative therapeutische Reaktion
Die Schäden von emotionaler Misshandlung können nicht an sichtbaren Narben gemessen werden, aber jedes Opfer verliert einen Prozentsatz seiner Leistungsfähigkeit. Und diese Leistungsfähigkeit bleibt so lange verloren, wie das Opfer in dem Kreislauf von „Verstehen“ und „Vergebung“ feststeckt. Der Misshandler hat kein „Recht“ auf Vergebung – solche Wohltaten können nur verdient werden. Und obwohl der Schaden mit Worten angerichtet wurde, kann echte Vergebung nur mit Taten verdient werden. (…)
Wenn du ein Opfer von emotionaler Misshandlung bist, kann es keine Selbst-Hilfe geben, bis du Selbst-Bezüglichkeit lernst. Das bedeutet, deine eigenen Maßstäbe zu entwickeln, für dich selbst zu entscheiden, was „Güte“ wirklich ist. Die kalkulierten Bezeichnungen des Misshandlers zu übernehmen – „Du bist verrückt. Du bist undankbar. Es ist nicht so passiert, wie du sagst“ – setzt nur den Kreislauf fort.
Erwachsene Überlebende von emotionaler Kindesmisshandlung haben nur zwei Wahlmöglichkeiten im Leben: lernen, sich auf sich selbst zu beziehen, oder ein Opfer bleiben. Wenn dein Selbstbild zerfetzt wurde, wenn du tief verletzt wurdest, und man dir das Gefühl gab, die Verletzung wäre nur deine Schuld, wenn du nach Anerkennung bei jenen suchst, die sie nicht verschaffen können oder wollen – spielst du die Rolle, die dir von deinem Misshandler zugewiesen wurde.
Es ist Zeit, aufzuhören, diese Rolle zu spielen, Zeit, dein eigenes Manuskript zu schreiben. Opfer von emotionaler Misshandlung tragen das Heilmittel selbst in ihren Herzen und Seelen. Rettung heißt Selbst-Respekt lernen, den Respekt anderer verdienen, und diesen Respekt zu dem absolut unreduzierbaren erforderlichen Minimum für alle intimen Beziehungen zu machen. Für das emotional misshandelte Kind ergibt sich aus Heilung „Vergebung“ – Vergebung für dich selbst.
diese gefängnisse des Innern
sind schlimmer als die schlimmsten steinernen Verliese
und solange sie nicht geöffnet werden
bleibt all euer Aufruhr
nur eine Gefängnisrevolte
die niedergeschlagen wird
von bestochenen Mitgefangenen
Jürg Willis Kollusionskonzept behandelt Schwierigkeiten, in die Paare kommen können, die sich für eine dauerhafte Bindung entscheiden. In jeder tieferen Zweierbeziehung kommt es nach Willi zu einer Funktionsteilung zwischen den Partnern.
In einer reifen Beziehung sind beide Partner „bei sich selbst“, das macht sie anziehend für den anderen. Bindung entsteht durch Anziehung, „Attraktion“. Beide fühlen sich frei, sich zu verändern, zu wachsen. Diese Veränderung erlebt der Partner als lebendig, als anziehend. Zwei Menschen, die in dieser Form den anderen achten, so wie er ist, können eine Beziehung leben, die von Respekt und Auseinandersetzung bestimmt ist und beiden Wachstum ermöglicht. Daraus entsteht eine tiefe Bindung.
Es ist unglaublich und immer wieder niederschmetternd, wie viele Betroffene sich selbst die Schuld geben an dem, was ihnen passiert ist. Es macht mich immer wieder traurig und wütend zugleich, dass gerade wenn eine Traumatisierung von einer Person ausgelöst wurde, das Opfer die Verantwortung für die Handlung der Täters übernimmt.
Wir verspüren die Gefühle, die wir nähren. Davon handelt diese Weisheit.
Ein Indianerhäuptling erzählt seinem Sohn folgende Geschichte.
„Mein Sohn, in jedem von uns tobt ein Kampf zwischen 2 Wölfen.
Der eine Wolf ist böse. Er kämpft mit Ärger, Neid, Eifersucht, Angst, Sorgen, Gier, Arroganz, Selbstmitleid, Lügen, Überheblichkeit, Egoismus und Missgunst.
Der andere Wolf ist gut. Er kämpft mit Liebe, Freude, Frieden, Hoffnung, Gelassenheit, Güte, Mitgefühl, Großzügigkeit, Dankbarkeit, Vertrauen und Wahrheit.“
Der Sohn frägt: „Und welcher der beiden Wölfe gewinnt den Kampf?“
Der Häuptling antwortet ihm: „Der, den du fütterst.“
„Die Bejahung des eigenen Lebens, des Glückes, des Wachstums und der Freiheit wurzelt in meiner eigenen Liebesfähigkeit: in meiner Fürsorge, meiner Achtung, meinem Verantwortungsgefühl und meiner Erkenntnis. Ein Mensch, der produktiv lieben kann, liebt auch sich selbst. Kann er nur andere lieben, so kann er überhaupt nicht lieben.“
Erich Fromm
„Infantile Liebe folgt dem Prinzip: ‚Ich liebe, weil ich geliebt werde.‘
Reife Liebe folgt dem Prinzip: ‚Ich werde geliebt, weil ich liebe.‘
Unreife Liebe sagt: ‚Ich liebe dich, weil ich dich brauche.‘
Reife Liebe sagt: ‚Ich brauche dich, weil ich dich liebe.'“
Erich Fromm
Die Liebe ist die stärkste Kraft in unserem Leben. Wir alle möchten lieben und geliebt werden. Verspüren eine existentielle Sehnsucht hiernach.
Die Liebe dient dem Leben. Nur durch sie entfalten und entwickeln und verändern wir uns, integrieren neue Erfahrungen und werden mehr als was wir bisher schon sind.
Sie ist es, die uns Grund ist, mutig zu sein, uns zu öffnen, verletzbar zu machen und hinterfragen. Sie ist es auch, die uns hoffen und ahnen, eine Sehnsucht nach Wachstum und Entwicklung verspüren lässt.
Das vermag nur die Liebe. Die Angst vermag das nicht.
Liebe macht groß und integriert Neues. Angst macht klein, eng, verhindert persönliche Entwicklung und Integration.
Oft berühren uns einzelne Eigenschaften oder Fähigkeiten anderer Menschen so tief, dass es uns warm ums Herz wird, unsere Liebe sich regt. Und immer ist dies auch Ausdruck der Liebe zum Leben selbst, die sich als Liebe zu einem anderen, Neugier und Sehnsucht da ins uns regt und zu offenbaren beginnt.
Das deshalb, weil sich in dem, was unsere Liebe im anderen liebt, etwas Besonderes, etwas Großes und Ganzes, etwas Lebendiges offenbart, nach dem auch unsere Seele sich sehnt. Wir lieben im anderen dessen bereits entfaltetes Lebenspotential – als Vorbildung und Abbild der Entfaltung desselben auch in uns.
Liebe bedeutet daher Leben, meint immer Wachstum und Veränderung mit dem Ziel der Entwicklung und Entfaltung des eigenen Potentials.
Doch ist all das Liebe, was wir täglich beobachten? Was Menschen einander tun? Nein, das ist es nicht. Sehr oft handelt es sich bei dem, was wir für Liebe halten, in Wirklichkeit um „Liebesillusionen“.
Franz Ruppert hat in seinen bemerkenswerten Arbeiten zum Thema herausgearbeitet, dass ein „Trauma der Liebe“, hervorgerufen durch eine Frustrierung des Urbedürfnisses nach Liebe, Geborgenheit, Spiegelung und Sicherheit in unserer Kindheit, eine so lebensbedrohliche Erfahrung darstellt, dass unsere Seele hierauf nur mit einer seelischen Spaltung zu reagieren vermag.
Das Trauma der Liebe ist das Ur-Trauma, das uns Menschen zu verletzen und schädigen vermag. Und eine Art Verletzung, für die fast die gesamte Gesellschaft, in der wir leben, blind ist, sodass das aus ihm resultierende Leiden unbemerkt das Leben vieler Menschen bestimmt und von Generation zu Generation weitergegeben wird.
Wird ein Kind in seiner bedingungslosen Liebe zu seinen Eltern enttäuscht oder schlimmer noch zu Tode geängstigt, vermag es in seinen Eltern die Liebe und damit den Zugang zu sich selbst und seinen eigenen Bedürfnissen nicht zu finden, hat es nur eine Wahl: Es identifiziert sich mit den nicht anwesenden, nicht liebesfähigen Eltern und nimmt als seine Lebensrealität und -erwartung eben nicht den bedingungslosen Glauben in seine eigen Realität und seine Empfindungen in sich auf, sondern die Traumarealität und Vernachlässigung, die ihm als einziges Modell für „Leben“ verfügbar sind.
In Folge wird es lernen, die Gefühle seiner Eltern zu fühlen und sich selbst und seine eigenen zu verleugnen, es spaltet sie ab. Nur so kann es im illusionären Kontakt zu den Eltern „Beziehung“ erleben. Würde es sich selbst und seinen eigenen Regungen folgen, drohte Bindungs- und Beziehungsabbruch, drohten ggf. Terror, Not oder sogar der Tod.
Statt der Liebe zu sich, die es von außen erlernen muss, und aus der eines Tages eine Liebe zum Leben zu erwachsen vermag, verinnerlicht es seinen eigenen Missbrauch als Lebenskonzept: Ich bin nichts wert, ich habe es nicht verdient, geliebt zu werden, ich muss hart daran arbeiten, die Liebe von anderen „zu erwerben“ – all so etwas muss das Kind glauben und als vermeintliche Wahrheiten in sich aufnehmen, weil es nur so zu überleben vermag.
Es wird sich später im Leben nicht kennen. Immer seinen eigenen Gefühlen und Regungen misstrauen. Und versuchen, in der Anpassung an andere Liebe und Sicherheit zu finden. Es wird kein Verständnis dafür haben, dass Liebe nicht meint, Anerkennung für Leistung oder Aufopferung zu erhalten, sondern eben, das Leben selbst und also eine andere Person mit all ihren Eigenschaften, Stärken wie Schwächen, zu bejahen, ihr gesamtes Sein. Ohne dass hierfür etwas getan werden muss.
Die Realität dieser Kinder ist nachhaltig verzerrt. Sie sehen die Welt nicht so, wie sie wirklich ist, sondern immer durch die in die eigene Seele aufgenommen Lügen der frühen Entbehrungen. Oft suchen sie sich misshandelnde oder zu Liebe unfähige Partner.
Sie sind in der Lage, sich einzureden, dass der Partner, der sie schlägt, sie eigentlich liebe; und sie vermögen, einen Eisblock aus ganzem Herzen zu lieben und sich einzureden, wenn sie nur genug an sich arbeiteten und nur mehr und immer mehr liebten, taute er eines Tages auf.
Das ist nicht Liebe. Das sind Liebesillusionen.
Es handelt sich um die ständige Wiederholung der Überlebenszwänge der Kindheit – ohne wirklichen Kontakt zur Realität, wie diese im Hier und Heute vorhanden ist.
Der einzige Weg aus diesen ständigen Reinszenierungen des eigenen Ur-Traumas und also Leidens hinaus, besteht darin, zu erkennen, dass es im Hier und Heute nicht mehr das Leben ist, das einen unterdrückt; und vor allem, dass man der Not und dem Elend, das einem begegnet, im Hier und Heute nicht mehr hilflos ausgesetzt ist.
Wichtige Fragen lauten: Wer bin ich? Und was ist wirklich Liebe für mich?
Seit fast zwei Jahrzehnten bin ich auf der Suche nach den Antworten hierauf.
Die eigenen Illusionen und Muster zu erkennen, ist aber nur der erste Schritt in Richtung Heilung. Denn in dem Moment, wo man die Muster und Illusionen mutig als solche zu benennen beginnt, kommt all das Verdrängte hoch, all der Schmerz, zu dessen Abwehr die Realitätsverleugnung einst etabliert worden ist.
Die auf diese Art und Weise verletzten Kinder sind tief verletzt, liebesbedürftig und strahlen oft große Liebe und Weisheit aus. Aber selbst wenn sie sich auf den Weg machen, zu heilen, scheitern sie oft an einem finalen Schritt.
Denn der Hass auf die eigene Lebendigkeit und Liebe, der aufgrund der frühen Entbehrungen als Selbsthass in ihre Seele eingebrannt ist, er ist die schlimmste und kaum zu überwindende Hürde auf dem Weg zur Wahrheit, zu wirklicher Liebe und Glück.
Selbst dann, wenn Menschen wie ich ihre eigenen Misshandlungen anerkennen, selbst, wenn sie den Schmerz und die Todesangst wieder ins Leben geholt haben: eines bleibt. Den Hass auf sich selbst, der die Abspaltung absichert, zu überwinden.
Konkret: Nur, wenn ich anerkenne, dass ich als Kind nie geliebt wurde, sondern ständig in Angst und Todesgefahr war, kann hieraus eine Art von Empathie mit sich selbst erwachsen, die anders als die bisherige Verleugnung zu heilen vermag.
Die Lösung lautet: Ja, ich bin zutiefst verletzt; ja, ein Teil von mir ist noch ein kleines und hilfloses Kind. Ein Kind, dass aber dennoch alle Liebe der Welt – vor allem meine eigene – verdient hat, und überhaupt nur nachzureifen vermag, wenn ich Ja sagen kann. Ja zu seiner und also meiner Bedürftigkeit, zu meiner immensen Sehnsucht nach Liebe, Zärtlichkeit, Geborgenheit.
Jede Krise wird uns wieder dazu bringen, auf alten Gleisen zu fahren. Wenn man einen Menschen wirklich von Herzen liebt, die Beziehung aber in eine existentielle Krise geraten ist, haben traumatisierte Menschen in Summe zwei Optionen.
1.
Da ihre Liebesfähigkeit und ihr Mut zu lieben traumatisiert und also zu Tode geängstigt sind, sie sich diese eigene Not und vor allem Bedürftigkeit aber nicht eingestehen können, da sie sonst auf einer Ebene verletzbar würden, die für sie Todesangst meint, reagieren sie mit kindlicher Bockigkeit, Stolz, dem erlernten Selbsthass und neuerlicher Abspaltung von sich selbst. Erneut trennen sie sich seelisch von ihrem inneren, traumatisierten Kind, das sich nach Liebe sehnt, aber Todesangst hat. Todesangst vor Nähe, in der sie mehr als ihre Rolle sind, die ihnen Sicherheit gibt und dennoch das Leben zerstört. Sie spalten dessen narzisstische Bedürfnisse, die allein zu Nachreifung und dem Anwachsen der eigenen Liebesfähigkeit führen könnten, ab. „Ich habe Dich nie geliebt“, „Ich fand Dich noch nie attraktiv“, „Eigentlich war das von Anfang an nichts“ sind dann die Sätze, die der in ihrer Seele noch aktive Selbsthass sie dem Partner zu sagen aufzwingt. Der Selbsthass, der den alten Missbrauch repräsentiert, und nun zu neuem Missbrauch wird. Denn erneut verraten sie, um sich zu schützen, ihre wahren Bedürfnisse und Potentiale, und setzen den Täter in sich gegen das Opfer ins Recht.
Tatsächlich aber war ihre Liebe real. So real sogar, dass ihr traumatisierter Anteil sich aus der Deckung und also „ins Leben“ gewagt hat. Und da er zutiefst verängstigt und verletzt und seine Realität nach wie vor verbogen und verzerrt ist, sabotiert dieser traumatisierte Anteil mit der Zeit die Beziehung; denn das, diese „destruktive Art“ von Liebe, die ihren Ursprung in Ohnmacht und Liebesillusionen hat, ist die einzige Art Liebe, die er bisher zu lernen vermocht hat.
Er will dann den Partner bspw. beherrschen, wird manipulativ; oder er vermeidet Selbstbehauptung und Auseinandersetzung aus Angst vor Verlassenwerden und Liebesentzug. Aber gerade die Tatsache, dass eine Beziehung, diese Muster reaktiviert, bedeutet, dass das hilflose Kind sich ins Leben getraut hat. Wer es liebt, wirklich zu lieben begonnen hat, der sucht sich Beziehungen, die so tief und authentisch sind, dass dies überhaupt möglich erscheint. In Anerkennung seiner Sehnsucht nach Spiegelung, Zärtlichkeit, Geborgenheit und Entwicklung lässt er sich auf keinen Eisblock, Täter oder empathiefreien Menschen mehr ein, sondern bindet sich an Partner, die liebesfähig sind. Und er verrät seine eigene Hilflosigkeit auch nicht in der Krise und wenn also sein traumatisierter Anteil, um nachreifen zu können, furchtbare Fehler begangen und die Beziehung fast ruiniert hat.
2.
Das aber ist womöglich der schwerste Schritt „ins Leben zurück“: In der Not, von Zweifeln, Selbsthass und Stolz zerfressen, den Schutzschildern wider die eigene Verletztheit, Bedürftigkeit, Sanftheit und Sehnsucht im Herz ausgeliefert, immer die Stimme im Kopf „Ich schaffe das allein, ich brauche niemanden; ich bin nicht bedürftig, ich gehe jetzt!“ – in diesem Moment nicht auf das Alte, die Illusionen, das Muster und also Trauma zu hören, sondern Verantwortung zu übernehmen auch und vor allem für das Verdrängte, Verleugnete, Abgespaltene und also Ja zu sagen zur eigenen Todesangst.
Und dann zum Partner zu gehen und gegen die alten Programme die wirkliche Wahrheit hinter der Scheinrealität zu verantworten und sagen: „Ich bin so unglaublich tief verletzt und in meiner Liebe und Liebesfähigkeit erschüttert und traumatisiert. Der eine Teil in mir, der traumatisierte Teil, will sich unterwerfen, er will, dass ich mich aufgebe, um Dich zu binden und auf diese Art die Krise vermeintlich zu meistern. Der andere, der Überlebensanteil, ist stolz und rät, einfach zu gehen – da ist nichts, was es verdient, zu warten und in diesem Warten zu leiden für nichts und wieder nichts. Er sagt: ‚Es funktioniert doch sowieso alles nicht, geh einfach, geh, Du brauchst niemanden, geh!‘ Aber die Wahrheit ist eine ganz andere: Ich will weder meine Liebe verleugnen noch mich selbst. Ich will mich nicht unterwerfen, sondern Dir auf Augenhöhe begegnen und wachsen mit Dir. Und ich will nicht aus Angst vor Verletzung das verraten, was ist, und bockig einfach gehen. Ich bin so tief verletzt und habe nun zum ersten Mal Kontakt zu meiner eigenen Hilflosigkeit und Bedürftigkeit – und ich habe ganz real, hier und jetzt, Todesangst, das zu offenbaren und mich zu öffnen für Dich. Aber ich möchte es doch versuchen – versuchen, ob Liebe möglich ist, obwohl ich bin, wie ich bin. Meiner Liebe und dem Leben willen. Weil wir nur so beieinanderbleiben und uns gemeinsam weiter entwickeln können. Wenn ich nicht mehr weglaufe vor mir – meiner Liebe und Sehnsucht nach Dir, dem Leben und dahinter: mir.“
Es waren reale Schmerzen, die ich beim Sprechen erlebte. Reale Todesangst. Die Spaltung war für einen Moment überwunden. Alles war auf einmal da und daher zum ersten Mal wirklich real. Kraft, Mut und Angst. Liebe und tiefste Angst davor, wirklich zu lieben – mit Haut und Haaren, ohne Schutzschild, sondern ganz.
Und – wider alle Erwartungen – brachte mich der andere nicht um, wie mir das das alte Muster suggeriert hatte: „Wenn Du Dich wirklich mit allem öffnest, was Du bist, wirst Du sterben; niemand liebt Dich, wie Du bist, niemals!“. Im Gegenteil: Durch den Schleier meiner Angst und Tränen blickte ich in zutiefst gerührte und bewegte Augen, die ebenfalls Tränen vergossen. Und erlebt zum ersten Mal in meinem Leben, was wirklich Liebe ist; dass ich ich sein kann ohne zu sterben. Mit 39 Jahren war ich zum ersten Mal „ganz“, wirklich ich.
Die Beziehung ging dennoch zu Ende. Und es sind nun schon viele Wochen, in denen ich von Schmerzen, Ängsten, Schuldgefühlen, Selbsthass und anderem heimgesucht werde. Ich spaziere, vollständig erschöpft, durch die Stadt. Und auf einmal fließen die Tränen und versiegen für Stunden nicht mehr. Ich liege nachmittags im Bett und beobachte die Welt und plötzlich habe ich starke Schmerzen, die kommen, bleiben und nach einiger Zeit wieder gehen.
Wo nimmt man die Kraft her, aus Liebe zum Leben und also Wachsen und Werden, Ja zu sagen auch zu diesem Leiden, Sterben und Tod? Ich habe sie aus der Liebe zu einem anderen Menschen geschöpft, die mir – nach so vielen Jahren – den Weg aufzeigte, mich selbst wirklich einzulassen, erleben, kennenzulernen und nachzureifen. Meinem traumatisierten inneren Kind seine Bedürfnisse eben nicht mehr wut- und hassentbrannt aus der Hand zu schlagen und meine Seele damit wieder in das Gefängnis der inneren Einsamkeit, Verzweiflung und Depression zu sperren.
Mein Wille und meine Fähigkeit, die tiefe Schönheit einer anderen Seele zu sehen, hat mir den Mut geschenkt, nicht nur zu geben, sondern auch zu nehmen; und nicht nur zu nehmen, sondern auch zu wachsen durch dieses Geschenk, das zu geben so viele zuvor gar nicht in der Lage gewesen sind.
In meiner Liebe und meinem Vertrauen für sie habe ich mich selbst zu lieben und mir zu vertrauen gelernt.
Nun ist die Beziehung vorbei. Und ich leide. Aber nun kann ich hoffen und glauben: dass, was in den wenigen wirklich tiefen und wahrhaftigen Büchern steht, wahr ist: dass nur das Ja zu diesem Tod, den ich nun sterbe, die Transformation und Nachgeburt erlaubt und daher ein Ja zum Leben, zum Wachsen meiner Erkenntnis, Weisheit, Lebendigkeit und Liebesfähigkeit meint. Den Mut aufbringen, zu sagen: das ist „Wachstumsschmerz“ – endlich kommt alles bisher Ungefühlte zu Bewusstsein und damit ins Leben und die Verantwortung zurück.
Andere leben um zu sterben. Ich sterbe um zu leben. Eines Tages schreibe ich hierzu ein Gedicht.
Bei einem Symbiosetrauma – oder auch „Trauma der Liebe“ – erleidet das Kind ein Trauma, weil seine naturbedingten kindlichen Bindungsbedürfnisse von der Mutter nicht ausreichend befriedigt werden.
Die kindliche Bedürftigkeit nach der Liebe seiner Eltern, nach Geborgenheit, Zugehörigkeit, Nähe, Wärme und Körperkontakt werden nicht gestillt oder die Mutter kann die Signale, die das Kind aussendet, nicht feinfühlig beantworten. Sie kann sich nicht in das Kind einfühlen und weiß einfach nicht, welche Bedürfnisse und Not das Kind gerade verspürt und befriedigt haben muss. Sie bemüht sich nach allen Kräften, das Kind zu beruhigen, merkt aber selber nicht, dass sie sich den gefühlsmäßigen Bindungsbemühungen des Kindes innerlich verschließt. Je mehr es weint, schreit, unruhig und fordernd ist, desto stärker zieht sich die Mutter gefühlsmäßig zurück und baut eine immer größere Distanz zum Kind auf. Diese innere Distanzierung kann so weit gehen, dass die Mutter zwischen sich und dem Kind ein Mauer aufbaut, durch die keinerlei Gefühle mehr hin- und herfließen können.
Ganz egal, was das Kind unternimmt, ob es sich still zurückzieht, ob es seine Angst zeigt, ob es wütend ist oder ob es weint oder unruhig ist, es erhält nicht die liebevolle, verständnisvoll zugewandte Reaktion seiner Mutter, die es bräuchte, um sich bei ihr sicher und geborgen zu fühlen.
Das Kind fühlt sich:
alleingelassen
nicht geliebt und abgelehnt
einsam und verlassen und
hat eine enorme Wut auf die Mutter, die aber unterdrückt werden muss
Die Folgen des Symbiosetraumas sind:
extremes Rückzugsverhalten
unterdrückte Wut
unterdrückte Trauer
Tendenz zur Selbstaufgabe
Verlassenheits- und Einsamkeitsgefühle
Todesangst
Aufgabe des Vertrauens in sich selbst
Aufgrund ihrer eigenen Traumatisierung ist die Mutter nicht in der Lage die Signale des Kindes richtig zu erkennen und kann sie deshalb auch nicht angemessen und feinfühlig beantworten. Unbewusst hat sie Angst davor sich dem Kind gefühlsmäßig zu öffnen, da sie befürchtet im Kontakt mit dem Kind von ihren eigenen Traumagefühlen überflutet zu werden. So stellt das Kind für die Mutter mit seinen Bindungsforderungen wie Weinen und Rufen eine ständige Quelle von psychischem Stress dar. Durch die Bindungsbedürfnisse ihres Kindes wird die Mutter an ihr eigenes inneres abgespaltenes, weggeschobenes und traumatisiertes Kind erinnert.
Den Zustand der Bindungslosigkeit kann ein Kind nicht lange ertragen, da die seelischen Schmerzen unerträglich sind. Um diese emotional unerträglichen Situationen zu überleben, hat die Psyche die Fähigkeit, die traumatischen Gefühle abzuspalten und Illusionen zu entwickeln. Das Kind beginnt die Mutter zu idealisieren und malt sie sich und die Kindheit in rosaroten Farben aus. Es passt sich an die Persönlichkeit der Mutter an, an ihre Wünsche, ihren Willen, ihre Sichtweisen, ihr Denken, ihre Werte und ihre Überlebensstrategien.
Mit der Abspaltung der Symbiosetraumagefühle (Unruhe, Ohnmacht, Wut, Hilf- und Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Trauer, Einsamkeit, Todesanst) beginnt die Psyche des Kindes nun mit der Entwicklung eigener Überlebensstrategien und -anteile.
Folgende Merkmale zeigen die Überlebensanteile:
sie sichern das Überleben in der Traumasituation
sie überwachen die seelischen Spaltungen
sie verdrängen und leugnen das Trauma
sie ignorieren und lenken ab
sie kontrollieren die traumatisierten Anteile
sie kontrollieren andere Menschen
sie suchen nach Kompensationen
sie erzeugen Illusionen
sie sind unterwürfig und latent aggressiv
sie erzeugen weitere Spaltungen
Die Überlebensanteile des Kindes übernehmen nun die Führung in seinem Leben: Das Kind fühlt sich selber schuldig, von der Mutter abgelehnt zu werden. Es kann nicht verstehen, warum die Mutter ihm die liebevolle Zuwendung nicht gibt und sucht die Schuld hierfür bei sich selbst. Es lehnt die eigene Abhängigkeit, Bedürftigkeit und Schwäche ab und versucht nun groß und stark zu sein, damit es nicht zu einer Last für die Mutter wird. Um den eigenen Schmerz des Verlassenseins nicht zu spüren, wird es wütend über sich selber.
Um sich doch noch Zugehörigkeit, Halt und Orientierung zu sichern, beginnt die Psyche unbewusst nach alternativen Bindungsmöglichkeiten an die Mutter zu suchen.Eine Möglichkeit, an das ersehnte Ziel zu kommen besteht darin, die eigenen inneren Grenzen immer weiter zu öffnen. So verlagert es sein inneres Zentrum immer weiter nach außen, um sich so tiefer in die Psyche der Mutter einzufühlen. Der Preis für die Ausweitung der psychischen Grenzen ist der Verlust des Kontaktes zu sich selbst. Das kann soweit gehen, dass es sein eigenes Selbst aufgibt. Über diesen Weg kommt das Kind mit den abgespaltenen Traumagefühlen der Mutter in Kontakt. Die Überlebensanteile des Kindes fühlen sich von der Stärke der abgespaltenen Gefühle der Mutter wie magisch angezogen.
Diese ursprünglich für die Mutter überwältigenden Traumagefühle können so stark sein, eine so magnetische Anziehungskraft besitzen, dass sie das Kind völlig überschwemmen können. Ist das Kind erstmal ganz gefangen und emotional verstrickt in den symbiotisch negativen Gefühlen, so ist es fast unmöglich, einen gesunden Kontakt zu sich selber aufrechtzuerhalten. Diese negativen Emotionen der Mutter nehmen die Seele des Kindes fast völlig in Besitz. Es kann dann nicht mehr unterscheiden, welche Gefühle gehören zu mir und welche Gefühle gehören zur Mutter.
Der Preis für diese negative symbiotische Bindung an die ins Unbewusste abgeschobenen Gefühle der Mutter ist also die Aufgabe des eigenen Selbst.
Je massiver das Traumaerlebnis war, desto stärker sind auch die Überlebensanteile und die Überlebensstrategien. Der Überlebensanteil ist lebensrettend nach der traumatischen Situation, denn er ermöglicht nach dem Traumaereignis das Überleben. Werden die Überlebensstrategien auch dann noch aufrechterhalten, wenn die traumatische Situation schon längst vorbei ist, dann können sie zu einer enormen Entwicklungsblockade werden.
Denn der Überlebensanteil verleugnet das Trauma, vermeidet Erinnerungen daran, ignoriert und lenkt ab. Er akzeptiert die Realität nicht und kann aggressiv reagieren, wenn jemand von außen seine Vorstellungen in Frage stellt. Er verhindert das Erkennen der Realität, die gefühlsmäßige Wahrheit und Klarheit. Aus diesem Grunde ist es für eine gesunde und stabile Persönlichkeitsentwicklung notwendig, dass die Trauma-Schutzmechanismen vorsichtig und Schritt für Schritt abgebaut werden, sobald die ursprünglich bedrohliche Situation vorbei ist.
Klaus Ottomeyer von der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt referiert unter dem Titel: „Der Neoliberalismus in der Psychotherapie … und wie man ihn bekämpfen kann“:
„Mama P. war eine große, kraftvolle Frau. Sie bewegte sich mit Zuversicht und Stärke. Sie trug ein weites Hawaiihemd in prächtigen Farben und ein Tuch um den Hals. Sie war wegen einem ihrer Pflegekinder zu einer ärztlichen Beratung gekommen. Es ging um den siebenjährigen Robert, der drei Jahre zuvor aus der Obhut seiner Mutter entfernt worden war. Sie war Prostituierte und während des gesamten Lebens ihres Sohnes kokain- und alkoholabhängig gewesen. Sie hatte den Jungen vernachlässigt und geschlagen. Er hatte miterlebt, wie seine Mutter von Freiern und Zuhältern geschlagen wurde, und wurde auch selbst von ihren Partnern terrorisiert und missbraucht. (….)
‚Was können Sie also tun, um meinem Baby zu helfen?‘, fragte sie. Dieser Satz fiel mir auf. Wieso nannte sie dieses siebenjährige Kind Baby? Ich wusste nicht, was ich damit anfangen sollte.
Ich empfahl Clonidin, das Medikament, das ich bei Sandy und bei den Jungen im Zentrum angewandt hatte. Sie unterbrauch mich leise, aber bestimmt: ‚Sie werden meinem Baby keine Medikamente geben.‘ (…)
Und dann ergab ich mich. ‚Mama P., wie helfen Sie ihm?‘, fragte ich. Weshalb hatte sie keine Probleme mit seinen ‚Wutanfällen‘, derentwegen er von früheren Pflegestellen und Schulen verwiesen worden war?
‚Ich halte ihn nur und schaukle ihn. Ich liebe ihn einfach. Wenn er nachts verängstigt aufwacht und durchs Haus läuft, lege ich ihn neben mich ins Bett, reibe ihm den Rücken und singe ein wenig, dann schläft er wieder ein.‘ Jetzt warf mir der Kollege verstohlene Blicke zu, deutlich beunruhigt: Siebenjährige sollten nicht in einem Bett mit ihren Betreuungspersonen schlafen. Aber ich war neugierig geworden und hörte weiter zu.
‚Was scheint ihn tagsüber zu beruhigen, wenn er sich aufregt?“, fragte ich.
‚Dasselbe. Ich lasse einfach alles stehen und halte ihn und schaukele ihn im Sessel. Dauert nicht so lange, armes Ding.‘
Als sie das sagte, erinnerte ich mich an ein wiederkehrendes Muster in Roberts Akte. In allen Aufzeichnungen über ihn, einschließlich denjenigen, die zuletzt von der Schule weitergeleitet worden waren, berichteten aufgebrachte Mitarbeiter von ihrer Frustration über sein Zuwiderhandeln und sein unreifes, ‚babyhaftes‘ Verhalten und beschwerten sich über seine Bedürftigkeit und Anhänglichkeit. Ich fragte Mama P.: ‚Werden Sie nie frustriert und wütend, wenn er sich so benimmt?‘
‚Werden Sie ungehalten mit einem Baby, wenn ein Baby Theater macht?‘, fragte sie. ‚Werden Sie nicht. Es ist das, was Babys tun. Babys geben ihr Bestes und wir verzeihen ihnen immer, wenn sie sich bekleckern, wenn sie schreien, wenn sie uns vollspucken.‘“
Aus: Bruce D. Perry: Der Junge, der wie ein Hund gehalten wurde: Was traumatisierte Kinder uns über Leid, Liebe und Heilung lehren können, Seite 123 ff.
„Als Mama P. die traumatisierten und vernachlässigten Kinder schaukelte und hielt, die in ihrer Obhut waren, hatte sie intuitiv das getan, was zur Grundlage unserer neurosequentiellen Methode wurde: Diese Kinder brauchen musterartige, sich wiederholende Erfahrungen, die ihren Entwicklungsbedürfnissen angemessen sind; Bedürfnisse, die das Alter widerspiegeln, in dem sie wichtige Reize entbehrt haben oder traumatisiert worden sind, nicht ihr aktuelles, chronologisches Alter. Wenn sie in einem Schaukelstuhl saß und mit einem Siebenjährigen kuschelte, schenkte sie ihm die Berührung und den Rhythmus, den er als Säugling vermisst hatte – eine Erfahrung, die für die angemessene Entwicklung des Gehirns erforderlich ist. Es ist ein grundlegendes Prinzip der Hirnentwicklung, dass neuronale Systeme sich aufeinander folgend organisieren und funktionsfähig werden. Überdies baut die Organisation von weniger reifen Regionen teilweise auf ankommenden Signalen auf tiefer gelegenen, reiferen Regionen auf. Wenn ein System nicht zum richtigen Zeitpunkt bekommt, was es braucht, funktionieren möglicherweise auch die von ihm abhängigen Systeme nicht gut. Das gilt auch dann, wenn die Reize, die die sich später entwickelnden Systeme brauchen, tatsächlich in angemessener Weise angeboten werden. Der Schlüssel zu gesunder Entwicklung liegt darin, die richtigen Erfahrungen in der richtigen Menge zur richtigen Zeit machen zu können.“
Aus: ebd., Seite 178
„Wenn ein Kind ein starkes und unterstützendes Umfeld hat, ist es besonders wichtig, mit den kindlichen Bewältigungsmechanismen achtsam umzugehen. In einer Studie, die wir Mitte der 90er Jahre durchgeführt haben, fanden wir heraus, dass Kinder mit unterstützenden Familien, die für die Bearbeitung eines Traumas zur Therapie geschickt wurden, mit höherer Wahrscheinlichkeit eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln als diejenigen, deren Eltern angewiesen wurden, mit den Kindern nur dann zur Therapie zu kommen, wenn sie spezielle Symptome beobachten. Die wöchentliche Therapiesitzung, in der die Kinder sich auf ihre Symptome konzentrierten, trug eher zu einer Verschlimmerung bei als zu ihrer Auflösung. Die Kinder dachten regelmäßig in den Tagen vor ihrer Therapiesitzung über ihr Trauma nach; jede Woche mussten die Kinder die Schule oder außerschulische Aktivitäten verlassen, um in die Klinik zur Therapie zu fahren. In manchen Fällen wurden sich Kinder ihrer normalen Stress-Reaktionen überbewusst und beobachteten jeden Pieps gang genau, damit sie etwas hatten, das sie dem Therapeuten erzählen konnten. Das brachte ihr Leben durcheinander und vergrößerte ihre Not eher, als sie zu verringern. Interessanterweise war eine Therapie jedoch hilfreich, wenn das Kind kein starkes soziales Netz hatte. Sie bot ihm wahrscheinlich die Möglichkeit, sich jemandem anzuvertrauen, die es sonst nicht hatte. Entscheidend ist, dass die Bedürfnisse von Menschen variieren und dass niemand dazu gedrängt werden sollte, ein Trauma zu bearbeiten, wenn er es nicht möchte. (…) So haben zum Beispiel manche Studien gezeigt, dass eine Depression sich verschlimmern kann, wenn man über vergangene negative Erlebnisse nachgrübelt. Aufgrund der Arbeitsweise des Gedächtnisses kann dieses Sinnieren auch dazu führen, dass man alte, mehrdeutigen Erinnerungen in einem neuen Licht abruft, das mit der Zeit dunkler und dunkler wird, bis sich darin schließlich ein Trauma zeigt, das in Wirklichkeit nie stattgefunden hat.“
Ich war am Grab meines Vaters. Habe Abschied genommen. Habe endlich Abschied genommen. Über zwanzig Jahre hat es gedauert, dass es endlich ging. Und nun war es an der Zeit. An der Zeit, sich von mehr oder minder dem einzigen Menschen zu verabschieden, der mir in jungen Jahren Halt und Licht gewesen ist. Und der dann plötzlich aus dem Leben gerissen wurde. Einfach so. Und über Nacht. Der mich, ohne es zu wollen, haltlos und im Dunkeln zurückließ. Viel zu jung. Und viel zu früh. Nun habe ich ihm auf Wiedersehen gesagt. Und auch, wie sehr ich ihn liebte. Ich habe lange Zeit gar nichts mehr gefühlt. Viel zu groß war der Schock. Und ich habe es mir lange nicht verziehen, dass ich dies nicht schon zu Lebzeiten tat: Ihm sagen, wie viel er mir bedeutete und stets bedeutet hat. Das habe ich nun nachgeholt. Und ich habe ihm versprochen, dass ich diesen „Fehler“ nie wieder begehen werde. Fortan will ich sagen, was immer auch zu sagen ist. Weil Leben nur Hier und Heute stattfindet und es ein Morgen eben vielleicht gar nicht mehr gibt. Wir können unsere Vergangenheit nicht ändern. Doch wir können lernen aus ihr. Wir können kein anderer sein. Doch täglich aufs Neue wirklich der, der wir sind. Wir können nichts Äußeres wirklich halten und lange bewahren. Aber wir können das, was uns Licht am anderen war, zu einem Teil unseres eigenen Lichtes machen und so das Vergangene lebendig halten: als liebevolle Erinnerung und lebendigen Teil von uns selbst.
Ich schließe mit meiner Mutter Frieden. Ein Großteil der Kindheit bestand aus Hass und Angst. Und dennoch schließe ich mit meiner Mutter gerade Frieden und komme zur Ruhe. Das ich dies täglich ein weiteres Stück mehr vermag, dafür gibt es vor allem drei Gründe. Der erste Grund ist jener, dass ich im Keller meiner Seele meine eigene Angst und Not und Ohnmacht und Endlichkeit entdeckt habe. Seitdem weiß und verstehe ich, wie es ist, wider jedes bessere Wissen hilf- und wehrlos zu sein. Einfach nicht aus seiner Haut zu können. Und ich ahne, wie es ist, lieben zu wollen, aber nichts geben zu können, das man selbst nie erfahren hat. Der zweite Grund ist jener, dass mir ein Mensch begegnet ist, der einfach nur das Gegenteil der Mutter meiner Kindheit ist: Eine Frau, die einfach nur ein Haufen Liebe, Wertschätzung und Zärtlichkeit auf zwei Beinen ist. Bis dahin wusste ich gar nicht, dass es solche Menschen überhaupt gibt. Menschen, die andere bedingungslos so annehmen, wie diese sind. Menschen, die in der Lage sind, wirklich zu lieben. Menschen, die andere stets ermutigen statt zu bestrafen oder ihnen zu drohen. Und der dritte Grund ist jener, dass ich einen Menschen, den ich einst liebte, gerade dabei begleite, Elter zu werden. Und dass ich dabei erfahre, dass diese Person alles für ihr Kind tun würde. Vielleicht sogar den rechten Arm hergeben. Das, was wirklich notwendig ist, um dem Kind wirklich Halt und Geborgenheit zu geben, aber gar nicht zu tun vermag. Denn, ich sagte es bereits: Wer kann schon aus seiner Haut? Wer soll, wenn er noch mit seinen Dämonen kämpft, sehen können, dass es seine eigenen Kämpfe sind, die die Ruhe nicht erst aufkommen lassen und den Frieden und somit die Liebe vertreiben? Wer, der sein Leben lang nur geliebt wurde, wenn er „leistete“, könnte, egal, aus welchem Grunde, von einem Tag auf den anderen einfach ein anderer oder eine andere sein – nur „aus Liebe zum eigenen Kind“? Niemand vermag dies, denn wir alle sehen sooft und oft auch viel zu lange im Leben, doch den Wald vor lauter Bäumen nicht. Übersehen uns selbst und leiden dann an der Welt, die uns vermeintlich übersieht. Ja, der dritte Grund, warum ich mit meiner Mutter allmählich meinen Frieden finde, ist jener, dass ich eine gute, eine kluge, eine besondere Frau gerade dabei beobachten darf, wie sie ihrem Kind alles gibt, was sie hat. Wie dies aber nicht ausreicht und ausreichen kann und ausreichen wird, weil es schlichtweg zu wenig für eine zarte Seele ist. Und wie all das dennoch Liebe und das im Moment „Bestmögliche“ ist. Weil mehr zu geben ihr im Moment schlicht unmöglich ist. Und weil sie selbst nie genug erhalten hat. Ja, diese Frau, die mir so große Angst bereitet hat in meinem jungen Jahren: Auch sie hat mich geliebt. Sie war nur niemals Herrin im eigenen Haus. War niemals an dem Ort, an dem man der eigenen Angst und Not und Ohnmacht und Endlichkeit ins Antlitz blickt und hinter diesen schließlich sich selbst zu erkennen und hiernach zu heilen vermag. Und hat daher aus einem fast leeren Silo das wenige ausgeteilt, was einzig es an Liebe für sie und ihre Kinder dort gab.