Fremdes...

„Versagen“


Eine Gefahr für das Kind kann auch die elterliche Liebe werden, die an bestimmte Wunschvorstellungen und Erwartungen geknüpft ist, wie das Kind sein oder sich entwickeln solle. […] [Diese] Liebe [ist dann] an die Erfüllung bestimmter Bedingungen gebunden, und das Kind, das […] [sie] nicht verlieren möchte, versucht, […] [das elterliche] Wunschbild von sich zu leben, und kann auf solche Weise an sich selbst und seinem eigentlichen Wesen völlig vorbeileben. Gelingt es ihm später nicht, sich davon frei zu machen und den Mut zu sich selbst zu entwickeln, wird es, wenn überhaupt, nur sehr schwer die Freude am Leben finden, die uns eigentlich zustehen sollte. […]

Natürlich wollen […] [die Eltern] auf ihr Kind stolz sein, aber wenn ein Kind das nur dadurch erreichen kann, dass es etwas leben muss, was nicht in seinem Wesen liegt, kann das katastrophale Folgen haben. Mancher bewusste oder unbewusste „Streik“, manches scheinbare Versagen des Kindes ist dann manchmal seine einzige Möglichkeit, sich dem Erfolgszwang zu entziehen. Aber diese Reaktion erspart es dem Kind nicht, sich selbst als den zu erleben, der enttäuscht oder versagt hat, was nur zu lösen wäre durch die Einsicht, dass solches Versagen ja nur dem aufgezwungenen Wunschbild gegenüber zutrifft – man kann von einem Apfelbaum [schließlich] keine Birnen erwarten.

Fritz Riemann: Die Fähigkeit zu lieben, S. 51f.

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Das ein oder andere Erbauliche


Mut

Und der Tag kam, da das Wagnis, fest eingeschlossen in der Knospe zu verharren, viel schmerzhafter wurde als jenes, aufzublühen.

(Anaïs Nin)

Vertrauen

Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, das etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.

(Vaclav Havel)

Liebe

Leben ist ja gerade Sichverwandeln, und menschliche Beziehungen, die ein Lebensextrakt sind, sind das Veränderlichste von allem, steigen und fallen von Minute zu Minute, und Liebende sind diejenigen, in deren Beziehung und Berührung kein Augenblick dem anderen gleicht. Menschen, zwischen denen nie etwas Gewohntes, etwas schon einmal Dagewesenes vor sich geht, sondern lauter Neues, Unerwartetes, Unerhörtes. Es gibt solche Verhältnisse, die ein sehr großes, fast unerträgliches Glück sein müssen, aber sie können nur zwischen sehr reichen Menschen eintreten und zwischen solchen, die jeder für sich, reich, geordnet und versammelt sind, nur zwei weite, tiefe, eigene Welten können sie verbinden. – Junge Menschen – das liegt auf der Hand – können ein solches Verhältnis nicht gewinnen, aber sie können, wenn sie ihr Leben recht begreifen, langsam zu solchem Glück anwachsen und sich vorbereiten dafür. Sie müssen, wenn sie lieben, nicht vergessen, dass sie Anfänger sind, Stümper des Lebens, Lehrlinge in der Liebe, – müssen Liebe lernen, und dazu gehört [wie zu jedem Lernen] Ruhe, Geduld und Sammlung!

Liebe ernst nehmen und leiden und wie eine Arbeit lernen, das ist es, Friedrich, was jungen Menschen nottut. – Die Leute haben, wie so vieles andere, auch die Stellung der Liebe im Leben missverstanden, sie haben sie zu Spiel und Vergnügen gemacht, weil sie meinten, dass Spiel und Vergnügen seliger denn Arbeit sei; es gibt aber nichts Glücklicheres als die Arbeit, und Liebe, gerade weil sie das äußerste Glück ist, kann nichts anderes als Arbeit sein. – Wer also liebt, der muss versuchen, sich zu benehmen, als ob er eine große Arbeit hätte: Er muss viel allein sein und in sich gehen und sich zusammenfassen und sich festhalten; er muss arbeiten; er muss etwas werden!

Denn, Friedrich, glaube mir, je mehr man ist, je reicher ist alles, was man erlebt. Und wer in seinem Leben eine tiefe Liebe haben will, der muss sparen und sammeln dafür und Honig zusammentragen.

Man muss nie verzweifeln, wenn einem etwas verloren geht, ein Mensch oder eine Freude oder ein Glück; es kommt alles noch herrlicher wieder. Was abfallen muss, fällt ab; was zu uns gehört, bleibt uns, denn es geht alles nach Gesetzen vor sich, die größer als unsere Einsicht sind und mit denen wir nur scheinbar im Widerspruch stehen. Man muss in sich selber leben und an das ganze Leben denken, an alle seine Millionen Möglichkeiten, Weiten und Zukünfte, denen gegenüber es nichts Vergangenes und Verlorenes gibt.

(Rainer Maria Rilke: Brief an Friedrich Westhoff)

Heilung

Wenn du ein Opfer von emotionaler Misshandlung bist, kann es keine Selbst-Hilfe geben, bis du Selbst-Bezüglichkeit lernst. Das bedeutet, deine eigenen Maßstäbe zu entwickeln, für dich selbst zu entscheiden, was „Güte“ wirklich ist. Die kalkulierten Bezeichnungen des Misshandlers zu übernehmen – „Du bist verrückt. Du bist undankbar. Es ist nicht so passiert, wie du sagst“ – setzt nur den Kreislauf fort.

Erwachsene Überlebende von emotionaler Kindesmisshandlung haben nur zwei Wahlmöglichkeiten im Leben: lernen, sich auf sich selbst zu beziehen, oder ein Opfer bleiben. Wenn dein Selbstbild zerfetzt wurde, wenn du tief verletzt wurdest, und man dir das Gefühl gab, die Verletzung wäre nur deine Schuld, wenn du nach Anerkennung bei jenen suchst, die sie nicht verschaffen können oder wollen – spielst du die Rolle, die dir von deinem Misshandler zugewiesen wurde.

Es ist Zeit, aufzuhören, diese Rolle zu spielen, Zeit, dein eigenes Manuskript zu schreiben. Opfer von emotionaler Misshandlung tragen das Heilmittel selbst in ihren Herzen und Seelen. Rettung heißt Selbst-Respekt lernen, den Respekt anderer verdienen, und diesen Respekt zu dem absolut unreduzierbaren erforderlichen Minimum für alle intimen Beziehungen zu machen. Für das emotional misshandelte Kind ergibt sich aus Heilung „Vergebung“ – Vergebung für dich selbst.

(Andrew Vachss: Du trägst das Heilmittel in Deinem eigenen Herzen)

Leben

Was ist Leben?

Leben
das ist die Wärme
des Wassers in meinem Bad.

Leben
das ist mein Mund
an deinem offenen Schoß.

Leben
das ist der Zorn
auf das Unrecht in unseren Ländern.

Die Wärme des Wassers
genügt nicht
ich muss auch darin plätschern.

Mein Mund an deinem Schoß
genügt nicht
auch muss ihn auch küssen.

Der Zorn auf das Unrecht
genügt nicht
Wir müssen es auch ergründen

und etwas
gegen es tun.
Das ist Leben!

(Erich Fried)

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Halt


Bitte zeig Dich
mit Deinen Nöten und Deiner Angst
in Deinem Unbill
Wollen und Eigensinn

Verbiege Dich nie
und paß Dich nicht an
nicht für mich
und niemanden sonst

Sag was Du denkst und brauchst
willst und nicht willst
was Du Dir wünschst
und was sich ändern muss weil es Dich stört

Setze mir Grenzen
und widersprich
enttäusche mich
und machs mir nie „recht“

Sage im Zweifel
stets Nein! zu mir
damit Du
bedingungslos Ja! zu Dir selbst sagen kannst

Steh zu Dir
sei einfach nur Du
und werde zu der
als die Du beabsichtigt warst

Gehe Deinen Weg nicht meinen
und verlier dabei
wenn nötig auch mich
auf der Suche nach Dir

Das gäbe mir jenen Halt
den es meint
einander auch wahrhaftig zu sehen
und hierdurch eines zu können:
sich aneinander zu reiben
um miteinander zu wachsen
sowie jeder für sich
und doch auch mit- wie neben- wie beieinander
vor allem aber
wirklich füreinander ein-
zu stehen

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Die Liebe will erwachsen werden


      und Dich auf Augenhöhe lieben

Nicht mehr Rat oder Halt geben wollen
sondern erinnern
dass das was richtig ist und trägt
nur aus dem eignen Innern
zu kommen vermag
und die Besinnung hierauf
wie auch Arbeit hieran
das Wegbesinnen von Äußerem meint
das Weg
auch von mir

Nicht mehr groß oder wichtig sein
und Verantwortung ab- oder übernehmen wollen
wo andere sich klein
oder bedeutungslos machen
sondern helfen
indem man nur noch hilft
sich selbst zu helfen
im Zweifel auch
indem man gar nicht hilft
Weil auch dies Hilfe ist:
dem andern
jene Verantwortung auch wirklich zu überlassen
die
weil sie seinen Namen trägt
und sein Leben meint
einzig ihm zu tragen gebührt
und niemandem sonst
auch nicht mir

Nicht mehr Auf- oder Fehlervermeidenhelfenwollen
sondern Fallen- und Falschmachenlassen
auch und insbesondere
wider die eigene Liebe und Angst
Denn nur wer stürzt und Fehler begeht
– und wer weiß schon
ob die eigenen für andere überhaupt solche sind –
der kann auch wachsen und gedeihn
und wirklich lernen
hierdurch und hieran:
Was gut tut und schadet
wie und dass man aufsteht nach jedem Fall
dass Laufen- eben auch Fallenlernen
wie Leben immer auch Leiden
und an dessen Ende Wiedergeborenwerden meint
Und dass schließlich
die Summe unserer Stürze und Fehler
die Summe unseres Leidens
die Grenzen unserer Weisheit und Freiheit ausmacht
auch bei mir

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Seelisches...

Sublimierung


Dunkler Grund
(Eva Strittmatter)

Immer von neuem entsteht die Frage:
Was sollen wir tun?
Es gibt täuschende Tage,
Da scheinen wir in uns, gesichert, zu ruhn.
Wir kennen den Weg und wissen die Wahrheit.
Und die Erde ist ein für allemal rund.
Doch hinter der scheinbar äußersten Klarheit
gibt es noch einen dunkleren Grund.
Und Zweifel sind möglich und finden uns wieder,
wenn wir endlich mit uns im reineren waren.
Und so kann es geschehn: unsre süßesten Lieder
sind gepreßt aus unseren bittersten Jahren.

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Nähe


Ich bin dankbar

dafür, dass ich Dich kennenlernen durfte
und dass sich unsere Seelen fanden und berührten.

dankbar für Deine Offenheit und Dein Vertrauen,
Dich so zu zeigen, wie Du bist,
aber auch mich
wirklich und in Gänze zu sehen:
in meiner Kraft und Ohnmacht zugleich
und dennoch zu bleiben, nicht von mir zu gehen.

dankbar für Dein offenes Herz,
Deinen Humor, die Tiefe Deiner Seele, Deinen wachen Verstand,
für Deine Spontanität, Kreativität und Lebendigkeit,
Deine Wärme, Zärtlichkeit, Empathie,
Deine Ecken und Kanten
und so vieles mehr.

Ich liebe Dein Lächeln, Deine Zartheit, Deine Haut.

Ich sehe Würde, Stärke und Stolz,
unbändige Lust und den Willen zu leben,
betäubt noch von Angst
und falschen Pflastern so langer Zeit.

Ich bewundere die Kunst, die Du schaffst,
die Schönheit Deiner Bilder,
Deine Fähigkeit, andere mitfühlend zu fördern,
ihnen Mut zuzusprechen und ihre wahre Größe zu sehen,
die Wertschätzung Deiner Worte sowie behutsame Weise,
mit der Du treffsicher die empfindsamsten Briefe formulierst,
den Schalk in Deinem Nacken und das kleine Mädchen, das in Dir lebt,
all Deine bereichernde Freiheit, Frechheit und Nicht-Konformität.

Ich bin dankbar

dass ich mich in Dir zu sehen
und Dich in mir zu finden vermocht habe,
denn, das verstehe ich erst jetzt, ganz am Schluss:
was ich an Dir liebe und zu sehen vermag,
während Du selbst es erst spärlich erblickst,
das ist alles auch in mir
und schreit nach Leben und Wertschätzung
wie Deines bei Dir.

dankbar
dass ich, weil ich Dir nahe kam,
vieles in mir selbst
und in der Liebe zu Dir
auch jene zu mir wiederfand.

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Und uns bleibt immer noch Paris


Ich bin dankbar

für die Barfußwanderung mit Dir
unseren bekleideten Sprung in den Fluß
und den nächtlichen Freibad-Ausflug

die gemeinsamen Siege bei Tabu
wie auch bei Badminton und Volleyball

das Joggen am Fluß in den Sonnenuntergang
und den wieseliegenden Wolkentheaterbesuch hiernach

unsere Decke unter der Brücke am Fluß
und den Himmel voller Sterne über uns und ihm

den nächtlichen Blick von der Kauzenburg
unsere Aussicht vom Lenneberger Turm über das Mainzer Land
und die Wanderung an der Nahe mit Punkrock im Ohr

den Strauß Blumen von Dir für mich
das Miteinander-Lachen und Sich-Vergessen hierbei
sowie unsere gemeinsame Schaumstoffprügel-Schlägerei

die Känguruh- und sonstigen Geschichten auf der Schaukel
und Dich als Zofe und Prinzessin beim Mäuseroulette

für Deinen Auftritt beim Improtheater
das berührendste Geburtstagsgeschenk seit sehr langer Zeit
und all die Zettel unter meiner von Luftschlangen verhängten Tür

dass wir dabei waren
als Miss Piggy den Froschkönig küsste
und dass ein Kinderherz auch Dein Herz berührt

für die Kette um meinen Hals
sowie das Farbeklecksen, -werfen und -tupfen
auch auf der Haut, nicht nur auf Papier

eine Frau Doktor, die mich ob Deiner lächelnd durchschaute
Deinen Traum vom blauen Schmetterling
und all Deine Offenheit auch zu intimem Gespräch

„Vier Minuten“ in Deinem Arm
Dein verliebt-schüchternes Lächeln am Mittagstisch
die Wärme Deiner Hand in meiner
sowie unsere letzten selbstvergessen-zärtlichen Stunden im Spielplatz-Holzhaus

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Der Schmetterling


Der blaue Schmetterling
den Du so magst:

Du hast übersehen:
Auch Du
hast ihn gesehen

Nun musst Du nur noch
aufwachen
und ihn suchen gehen

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Mitleid


Über 40 Kinder
jüdischer Konfession
legal illegal
während der Kriegswirren versteckt
und dann doch
wohl aufgrund gezielter Denunziation
bei einer Razzia festgenommen
deportiert
dem Vernichtungslager „zugeführt“:
Die Kinder von Izieu

Die Gruppe
genießt die Aussicht auf die Rhône
beschaut Fotos lächelnder Kindergesichter
lauscht der Geschichte des Heimes
sitzt auf jenen Bänken
auf denen einst die Kinder saßen
beschaut deren Zeichnungen
liest deren Briefe
und fühlt sich hinein
in die Kinder
und ihre glückliche unglückliche Zeit

Alle
sind tief berührt und bewegt
lange bevor
der erste die Vitrinen mit Fotos
von Bergen aus Kinderleichen in Auschwitz erreicht:
medizinische Experimente, Typhus und Gas
Mitleid, Entsetzen, Angst
Gefühle, über die später
noch lange zu sprechen sein wird

Eine Bachstelze
die sich in einen der Museumsräume verirrt hat
fliegt wieder und immer wieder
verzweifelt
und sich selbst dabei verletzend
von innen gegen das Fenster
hinter welchem sie ihre Freiheit erblickt
Ohne Hilfe
ist ihre Lage aussichtslos
„Ach, woher kommst denn Du?“,
fragt die erste Person aus der Gruppe
die ihr überhaupt Aufmerksamkeit schenkt
und geht vorbei
den nächsten Fotos und Vitrinen entgegen

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Unglück im Glück


Im Kopf ein Ende
      wegen der Summe der Verluste
      früherer Jahre
      und nun erneut
Im Gesicht die Tränen
Im Rücken ein langer Weg
      fast immer alles erreicht
      Glück in jedem Unglück gehabt

Vor dem inneren Auge
keine Familie: Verwandte
kein Zuhause: nur fremde Stadt
keine Heimat oder Zuflucht: nur Wurzellossein

Vor dem wirklichen Auge
Sonne: der französische Frühling
und ein Witz des Lebens
das zärtlich gen einem lacht:

Ein Abbild dessen
was man verloren zu haben glaubte
läuft lächelnd und lebensfroh
unverloren
      ein Stück Erinnerung
      an eine mögliche Zukunft
an einem vorbei

Ich schäme mich
ob der Beliebigkeit
meines Unglücks
im Glück

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Wiederholungszwang


Wenn ich mich umbrächte
      erhängte
      denn wenn, will ich es richtig tun
gleich jetzt und hier
es kümmerte
kaum irgendwen

Zwei, drei
würden sich wundern
vier, fünf
äußern: oh, ja, Depression
ein, zwei
sich Vorwürfe machen, vielleicht
und alle, alle würden sie meinen
      und von Psychologen geraten bekommen
      dies zu tun:
Ein trauriges Schicksal
doch in niemandes Verantwortung
c’est la vie

Das grandiose Selbst in mir meint:
Das ist unter meinem Niveau
Das depressive Selbst in mir meint:
Eben. Drum!
Das Kind in mir
wöllte einfach nur spielen
wahrgenommen und beachtet werden
und meint:
Gut, wenn sich ohnehin keiner um mich schert, tus!
      und erinnert sich
      vieler Momente
      in denen es wünschte
      es wäre lieber tot
C’est sa vie

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Fünfundneunzigster Tag


Am 95. Tag verlor ich ihr Bild

Oder ich hatte bereits
einige Tage zuvor verloren
und bemerkte es erst jetzt

Trotz aller Anstrengung
nur noch ein Schemen
kein Gesicht mehr
nicht sie

Als ich gerade traurig zu werden beginne
ob dieses Verlusts
werde ich stattdessen plötzlich glücklich
denn ich erinnere ja auch des Glückes nicht mehr
ob dessen ich trauere
den 95. Tag

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Zirkelschlüsse


Wer
um geliebt zu werden
meint
es allen recht machen zu müssen
macht es
      schließlich doch
niemandem recht
kann es
niemandem recht machen
und wird
niemandem
      erst recht nicht
      sich selbst
gerecht werden können
hierbei

Wer
aus Angst verantwortungslos zu sein
und nicht geliebt zu werden
immer
für alle oder alles
die Verantwortung übernimmt
hierbei aber
      aus vermeintlichem
      Verantwortungsbewusstsein
      diesen oder diesem gegenüber
sich selbst
      und also
      die Verantwortung
      für den eigenen Weg
      das eigene Glück
      und Wohlbefinden
negiert
      gegen sich selbst
      also verantwortungslos wird
wird
      schließlich doch
auch gegen alle und alles
verantwortungslos werden müssen
und gar nichts mehr
verantworten können
      am Ende
      der eigenen Kraft

Wer
aus Angst vor Verlust
und Liebesentzug
Konflikte zu vermeiden
und sich
      wie ein junger Baum im Wind
zu biegen
sich klein zu machen
und anzupassen
      zu lieben also
      um geliebt zu werden
versucht
wird
      schließlich doch
nicht wirklich
geliebt werden können
als tatsächlich er selbst
      weil
      und einfach so
      wie er ist
weil
er nicht ist und lebt
was er ist
sein könnte
und sein sollte
ja
sein würde
wenn er
es nur wollte
      ein kräftiger Baum nämlich
      der
      nicht nur
      aber auch und vor allem
      sich selbst
      als Halt, Schutz und Heimat
      in den Stürmen des Lebens genügt

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