Gedichte...

Was bleibt


„Wohin können wir denn sterben,
wenn nicht in immer höheres, größeres Leben hinein!“

Christian Morgenstern

Wer bin ich
wenn ich nichts mehr bin?

Was hab ich
wenn ich nichts mehr hab?

Wenn hinter Vorurteil
und Stolz
und Scham

Wenn hinter Schuld
und Not
und Gier

Das eine
alles ist was bleibt

Was ist dann noch
was bleibt von mir?

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Die Wurzeln manch besonders starker Empathie


Im Gegensatz zu Anna Freud betonte Sandor Ferenczi den traumatischen, die seelische Integrität nachhaltig beschädigenden Aspekt dieses Abwehrtypus (…). In Zusammenhang mit seinem Vortrag formulierte Ferenczi erstmals, dass die von den Kindern erlebte Angst und Hilflosigkeit sie zwinge, „sich selbst ganz vergessend sich mit dem Angreifer vollauf zu identifizieren“.

„Haß ist es, was das Kind beim Geliebtwerden von einem Erwachsenen traumatisch überrascht und erschreckt und es aus einem spontan und harmlos spielenden Wesen zu einem den Erwachsenen ängstlich, sozusagen selbstvergessen imitierenden, schuldbewußten Liebesautomaten umgestaltet.“

Solche Anmutungen übersteigen und überfordern die kindlichen Verständnis- und Verarbeitungsmöglichkeiten, was dazu führen kann, dass es in einen tranceartigen Ausnahmezustand („traumatische Trance“) gerät, in welchem es den Angreifer „introjiziert“, also in seiner (unbewussten) Phantasie in sich hineinnimmt, um ihn als äußere Realität zum Verschwinden zu bringen. Dieser Schutzmechanismus lässt die unerträglich werdende Angst auf Kosten der Realitätswahrnehmung in ein Gefühl traumartiger Geborgenheit umschlagen. Statt sich aktiv mit der bedrohlichen Wirklichkeit des Täters auseinanderzusetzen, wozu es nicht fähig ist, unterwirft es sich dem Willen des Täters und macht ihn zugleich zu einem fremden Teil seiner selbst („Introjektion“). Dies kann bei wiederholten Gewalterfahrungen zu einer regelrechten Zerstückelung der Persönlichkeit („Atomisierung“) führen. Das Kind opfert in einem solchen Extremzustand gewissermaßen sein noch unfertiges, kaum wehrfähiges Selbst, um die lebenswichtige Beziehung zu einer als notwendig wohlwollend vorzustellenden Bezugsperson halluzinatorisch aufrechtzuerhalten. Das überwältigte, emotional und in seiner Wahrnehmungsfähigkeit verwirrte Kind fühlt sich für das Geschehen verantwortlich, was als Introjektion des Schuldgefühls des Angreifers verstanden wird. Dieses Schuldgefühl wird zur Quelle eines beständigen innerseelischen Abwehrkonflikts: Das Opfer entwickelt Hass, der seinerseits wiederum Schuldgefühle hervorruft und daher verdrängt und in Ablenkung vom ursprünglichen Objekt gegen das eigene Selbst gewendet wird. Es kommt in der Folge häufig zu schweren Störungen auf der Beziehungsebene, Depressionen, selbstverletzendem Verhalten oder gesteigerter, nach außen gerichteter Aggressivität. Zugleich kann hier eine unzeitige Entwicklung und unangemessene Frühreifung emotionaler oder intellektueller Fähigkeiten stattfinden, die Ferenczi „traumatische Progression“ nennt:

„Die Angst vor den hemmungslosen, also verrückten Erwachsenen macht das Kind sozusagen zum Psychiater, und um das zu werden, und um sich vor den Gefahren seitens Personen ohne Selbstkontrolle zu schützen, muss es sich mit ihnen zunächst vollkommen zu identifizieren wissen.“

Das gesteigerte, aus der Angst geborene Einfühlungsvermögen macht den traumatisierten Patienten, so Ferenczi, (dabei) geradezu zum Lehrmeister seines Therapeuten und zwinge diesen im Dienst der Therapie zu einem besonderen Maß an Aufrichtigkeit.

Weiterlesen: http://de.wikipedia.org/wiki/Identifikation_mit_dem_Aggressor

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Journalistisches...

Das öffentliche Schulsystem in der Privatisierungszange


Ein kleiner Verein greift mit einer neuen Publikation in die Debatte um die Privatisierung öffentlicher Bildung ein. Neben der „Verbetriebswirtschaftlichung“ von innen, beispielsweise mittels New Public Management, und Privatisierung von außen, etwa mittels der Austrocknung des öffentlichen Schulsystems bei gleichzeitigem Boom privater Träger, verorten die Autoren der Streitschrift eine dritte Flanke des Angriffes auf das staatliche Bildungsmonopol. Jens Wernicke sprach hierzu mit Reinhard Frankl, Vorsitzender des GEW-Bezirksverbands Unterfranken und Mitglied im Vorstand von KLARtext e.V.

Weiterlesen: http://www.nachdenkseiten.de/?p=21109
Alternative Version: https://www.neues-deutschland.de/artikel/952355.roter-teppich-fuer-bertelsmann-und-co.html

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Change


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Journalistisches...

Die Illusion vom Bildungsaufstieg


Dass das deutsche Bildungssystem hochgradig sozial selektiv ist, ist inzwischen ein Allgemeinplatz. Dass die meisten aktuellen Reformbemühungen jedoch faktisch auf eine umfassende „Modernisierung von Auslesemechanismen“ hinauslaufen, wie Torsten Bultmann und Oliver Schwedes dies bereits vor einigen Jahren in ihrem Aufsatz „Die Zukunft des Bildungssystems: Lernen auf Abruf – eigenverantwortlich und lebenslänglich!“ konstatierten, gerät bei weitergehender Analyse aktueller Bildungsreformen zu schnell aus dem Blick.

Weiterlesen: http://www.nachdenkseiten.de/?p=21047
Alternative Version: https://www.neues-deutschland.de/artikel/926966.die-illusion-vom-bildungsaufstieg.html

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Journalistisches...

Bildungsfinanzen: Endlich alles gut?


Zum gerade erschienenen Bildungsfinanzbericht 2013 sprach Jens Wernicke mit Ansgar Klinger, Mitglied im Geschäftsführenden Vorstands der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Weiterlesen: http://www.nachdenkseiten.de/?p=21015

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Das Nein in der Liebe


Um der Würde willen:
die Würde riskieren.
Und um der Liebe willen:
Von der Liebe gehen.

So vieles liegt nicht in unserer Hand.

Ich wäre gerne geblieben.
Bei Dir. Mir. Bei Uns.
Doch es ging nicht.
Wäre nicht gegangen.
Konnte nicht gutgehen.
Nicht so.

Denn Liebe allein
reicht nicht für die Liebe.
Zumindest nicht
für jene zu zweit.
Es braucht auch: Entscheidung
Bewusstheit, Verantwortung.

So vieles liegt nicht in unserer Hand.

Denn wo wir unbewusst lieben
und nicht Ja sagen
auch zu Auseinandersetzung, Reibung
Konflikt und Kritik
wo wir uns nicht entscheiden
und entschieden haben
uns ganz einzugeben
mit allem, was wir sind
da übernehmen wir
auch keine Verantwortung
für uns und also den anderen
und damit: die Liebe in und zwischen uns.
Da lieben und leben
wir uns nicht selbst.

Zwar nennt man
auch das dann Liebe
doch meint damit nicht Wachstum
sondern Wärme und Beständigkeit
meint Sicher- und Geborgenheit
meint Wohl
und nicht auch: Heil.
Doch kann und darf
soll das allein schon: Liebe sein?

So vieles liegt nicht in unserer Hand.

Und dann Dich bitten
Dich zu öffnen
ganz einzugeben und zu offenbaren
auch mit dem
was hinter und neben dem Wohl
an Leben in Dir noch lebendig ist
und was es
als Grundlage und Fundament
für das, was mir Liebe meint
unbedingt braucht.

Und nicht die richtigen Worte finden
und Hilflosigkeit und Ohnmacht erleiden
Dich kränken
und missverstanden werden hierbei.

Und dann
Dich noch einmal bitten
Dich für mich zu entscheiden
doch nicht bedingungslos
sondern nur
um Deinen noch zu nennenden Preis.
Und meine Würde riskieren
ob dieses Bittens und Flehens
und schließlich gehen
und gehen müssen:
Um meiner Liebe willen
fort von meiner Liebe: Dir.

So vieles liegt nicht in unserer Hand.

Und wäre ich geblieben
und hätte Dich zu halten
und wärmen versucht
wie Du ebenso mich:
Alsbald schon
hätten wir jene Zelle miteinander geteilt
auf die das unbedingte Wohl des jeweils anderen
uns eingeengt und festgelegt hat.
Und wären lieblos und immer liebloser
miteinander geworden
im steten Bemühen
einander alles
nur nicht Herausforderung
und Wachstum zu sein.

Derweilen denke ich: Liebe ist
wenn man einander nicht Halt
sondern Wind unter den Flügeln sein mag.
Und nur ein ehrliches Nein
ermöglicht überhaupt erst
ein wirkliches Ja zum jeweils anderen
in all seiner Würde
sowie als Mensch und Person.

Weil ich Dich liebe
musste ich gehen.

Ein anderer
machte denselben Punkt einmal anders
und formulierte
jede wirkliche Wahrheit sei stets: paradox.

So vieles liegt nicht in unserer Hand.

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„Sarrazins Correctness“


Am Montag dieser Woche erschien Thilo Sarrazins neues Buch „Der neue Tugendterror“ mit einer unglaublichen Erstauflage von 100.000 Exemplaren. Für die Nachdenkseiten sprach Jens Wernicke mit dem Soziologen Andreas Kemper, der sich seit Langem kritisch mit Sarrazin und dessen Thesen auseinandersetzt. Seine Replik auf Sarrazins neues Buch wird ebenfalls in einigen Tagen im Buchhandel erhältlich sein.

Weiterlesen: http://www.nachdenkseiten.de/?p=20866

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Anpassung als Sucht


Von Arno Gruen

Jakob Wassermann schrieb einmal: „Ich meine nämlich, Gut und Böse entscheiden sich nicht im Verkehr der Menschen untereinander, sondern ausschließlich im Umgang des Menschen mit sich selbst“ (Wassermann 1985).

Um diesen Umgang mit sich selbst zustande zu bringen, muß ein Mensch sich selber stellen können. Hierfür braucht es eine Kraft, die aus dem Zugang zu den eigenen Gefühlen, Wahrnehmungen und Bedürfnissen herauswächst. Unsere Gesellschaft jedoch stellt ein kulturelles Gefüge dar, das den Menschen von seinen eigentlichen Gefühlen, seiner inneren Welt abtrennt, wegtreibt und darauf besteht, daß seine Wahrnehmungen und seine Ich-Bezogenheit auf Werten basieren, die des Menschen Verletzbarkeit und seine Unsicherheit verleugnen. Die Süchte rings um uns sind Ausdruck des Scheiterns dieser Ideologie des Seins, welche glaubt, daß Macht, Herrschen und Besitzen der Sinn des Lebens sein muß. Damit verwirft sie die Furcht eines Jeden vor seiner Unzulänglichkeit, verstärkt diese aber gleichzeitig. Das Resultat ist eine allgemeine Selbstschwäche, die aber nicht konfrontiert werden darf.

Dies ist der Hintergrund jeglicher Sucht. Ohne dieses Umfeld würde es keine Süchtigen geben. Walther Lechler schrieb: „Der Süchtige ist lediglich der Rauch, der zeigt, daß irgendwo ein Feuer brennt. Meistens bemühen wir uns und begnügen uns, den Rauch zum Verschwinden zu bringen, aber nicht das Feuer, das ihn verursacht“ (Lechler 1983). Und so schlagen wir Alarm um die, die die Gesellschaft als süchtig einstuft, um die eigene Sucht nicht erkennen zu brauchen. Indem wir auf jene weisen, die an der Nadel oder am Alkohol hängen, lenken wir von unseren eigenen, aber gesellschaftlich gebilligten Süchten ab.

Suchtforscher wie Krystal u. Raskin (1983) haben den emotionalen Haushalt der Süchtigen als eine Verarmung ihrer Selbstrepräsentation bezeichnet. „Das Selbst“, schreiben sie, „wird als sehr schwach, hilflos oder wertlos erlebt“. „Die Suchterfahrung“, schreibt ein anderer Forscher, Scherhorn (Scherhorn et al. 1990), „ist deshalb so attraktiv, weil sie das schmerzliche Gefühl der Selbstschwäche vergessen macht. Dies wird besser verständlich, wenn man sich klar macht, daß die Bestätigung zugleich auch eine Abschirmung ist … Abschirmung bedeutet, daß der Süchtige das Suchtobjekt dazu benutzt, sein Bewußtsein ganz zu dispensieren oder es partiell für Sinneseindrücke unempfänglich zu machen, die ihm die eigene Schwäche vor Augen führen würde.“

Suchtverhalten kreist also um ein Gefühl der Selbstschwäche, der man sich nicht stellen kann. Aber wieviele unter uns können sich der eigenen Schwäche stellen? Wer ist gewillt, sich selber ins Gesicht zu schauen? Sind wir nicht täglich damit beschäftigt, uns und anderen zu beweisen, daß wir nicht schwach, verletzlich und hilflos sind? Sind nicht Kriege, Gewalttätigkeiten, Haß auf andere der tägliche Inhalt eines Verhaltens, dem die Angst vor einer nie ganz eingestandenen Schwäche zugrunde liegt?

Schwäche, die nicht konfrontiert werden kann, ist ein Krebs, der aus dem Gefüge einer Selbstideologie empor steigt, die der Macht und nicht der Liebe gewidmet ist. Unsere Alpträume (und wer kann schon sagen, daß er sie nie erlebt hat?), die Freud als Kastrationsängste interpretierte, widerspiegeln einen breit angelegten Vorgang, der in den gesellschaftlichen Zwängen, uns als erfolgreich zu sehen, verankert ist: Um erfolgreich zu sein, müssen wir von klein an lernen, vom Versagen zu träumen. Was zählt in unserer Kultur, ist nicht, im Gefühl des Lebendigen zu sein, sondern wie wir den Erfolg erreichen. Danach werden wir gemessen und messen uns selber. Erfolg ist der Maßstab, nicht die Fähigkeit zu lachen, zu spielen oder zärtlich zu sein.

Dieser Erfolg aber gründet auf dem Versagen eines anderen Menschen. Er beinhaltet Gewalt. Diese Lektion fängt im Elternhaus an, wird in der Schule verstärkt, so daß wir schon lange vor dem Erwachsensein von dem internalisierten Alptraum gekennzeichnet sind: Wir träumen von der Angst des anderen, die unsere eigene ist. Sogar, wenn wir auf dem Höhepunkt des Erfolges sind, träumen wir von der Angst des Versagens. Das eben ist das Problem: Um ein Selbst auf diesen, den Werten der Gesellschaft entsprechenden Wegen aufzubauen, müssen wir uns maskieren. Wir müssen verneinen, daß das, was wir wirklich tun, ist: einem anderen Wesen Schmerzen zuzufügen. Es ist, wie Vaclav Havel es in seinem Essay „Versuch, in der Wahrheit zu leben“ darstellt (Havel 1989): „Ideologie als scheinbare Art der Sichbeziehung zur Welt bietet dem Menschen die Illusion, er sei eine mit sich identische, würdige und sittliche Persönlichkeit womit es ihm möglich wird, alles dies nicht zu sein“.

Sich auf diese Weise zu betrügen, macht es aber unmöglich, gerade den Selbstwert aufzubauen, der einen Menschen in sich ruhen läßt, indem Verletzlichkeit und Hilflosigkeit zum Ausgangspunkt des Seins werden können.

(…)

Die Schlußfolgerung drängt sich auf, daß in unserer Gesellschaft die wirklich Schwachen nicht diejenigen sind, die leiden, sondern jene, die vor dem Leid Angst haben. Die Menschen, die am erfolgreichsten angepaßt sind, sind die eigentlich Schwachen. Darum propagieren sie seit Jahrtausenden den Mythos, daß Empfindsamkeit Schwäche sei. Sie sind es, die allem Schmerz und Leiden durch Spaltung ihres Bewußtseins zu entkommen suchen. Sie sind die eigentlichen Träger einer verzerrten Realität, das heißt der Ideologie der Macht und des Herrschens.

(…)

Der österreichische Dichter Peter Turrini (1986) beschrieb diesen hintergründigen allgemeinen Zustand der Schwäche so:

Ist diese Müdigkeit,
die mich plötzlich überfällt,
der Mantel über alle Tränen
meiner Kindheit?

Ist diese Gleichgültigkeit,
die ich spüre,
wenn andere leiden,
die Angst, zu ihnen zu gehören?

Ich halte mich
mit aller Gewalt
gegen mich selbst
aufrecht.

Als Jugendlicher
stemmte ich manchmal
einen Sessel
mit den Zähnen hoch,
in der Hoffnung,
daß meine Schwächen
von soviel Stärke
widerlegt werden.

Heute stemme ich
mangels guter Zähne
keine Sessel mehr.
Die Art aber,
Stärke zu zeigen,
damit die Schwäche
übersehen wird,
ist geblieben.

Wie lange noch
werde ich alles hinunterschlucken
und so tun,
als sei nichts gewesen?

Wie lange noch
werde ich auf alle eingehen
und mich selbst
mit freundlicher Miene
vergessen?

Wie lange
kann ein Mensch
sich selbst nicht lieben?

Es ist so schwer
die Wahrheit zu sagen,
wenn man gelernt hat,
mit der Freundlichkeit
zu überleben.

Weiterlesen:
http://www.lptw.de/archiv/lintext/LindText1994.pdf

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Ein „Ja“ zur Lebendigkeit


Wenn jemand alleinstehend oder in einer „toten Beziehung“ lebt, „gelingt“ die Verdeckung des Traumas – oftmals zu Lasten der Vitalität. Viele Menschen suchen dann einen Lebensberater auf, um die Probleme wieder „wegzumachen“, beispielsweise wenn sich […] Empfindungsschwäche oder Beziehungsprobleme bemerkbar machen. Wie Arno Gruen in seinem Vortrag „Anpassung als Sucht“ zutreffend beschreibt, „gehen die meisten Menschen aus dem irrigen Grund in Therapie, um von ihrer Menschlichkeit befreit zu werden, weil sie sie als Behinderung empfinden, und nicht etwa, um diese Empfindungen zu bewahren“.

Der Wunsch, dem Lebendigen zu entgehen und damit auch der Gefahr von Retraumatisierungen, drückt sich oftmals in dem Streben nach einer „himmlischen“ Beziehung aus. Hierbei handelt es sich nicht um einen Himmel, den man sich gemeinsam erarbeitet, sondern um ein Ideal, das dem Betreffenden wie Tauben im Schlaraffenland in den Mund fliegen soll. Om C. Parkin hat diese Verklärung in seinem Mahnvortrag zum Thema „Tristan und Isolde“ auf wunderbare und zutreffende Weise beschrieben.

Gerade traumatisierte Menschen suchen sich häufig einen Partner, um dem Elend ihrer Einsamkeit zu entgehen und miteinander auf Wolken zu schweben, statt sich mit ihm gemeinsam ehrlich und authentisch auf den Weg zu machen, um den Weg zum Himmel freizuschaufeln.

Geschieht innerhalb einer konfliktreichen Beziehung keine Trauma-Arbeit, erleben die Beteiligten oftmals ein Wechselspiel von „Himmel und Hölle“: Beide Partner träumen von ihrem „Traumpartner“, projizieren ihren Kinderhimmel in die Beziehung hinein, beschwichtigen alles Ungelöste, bis die Spannung zwischen Ideal und Realität untragbar geworden ist. Dann kommt es zu „dem bösen Auslöser“ und auf einmal bricht das Gewitter los, das zwar vorübergehend reinigt, aber nicht dauerhaft transformiert.

Andere wagen sich gar nicht in feste Beziehungen hinein, damit ihre Traumata ja nicht angetastet werden. Kennzeichnend für unsere Zeit (und oftmals auch für Traumatisierungen) ist das verstärkte Auftauchen der ewigen Femme Fatale und des ewigen Don Juan: Wenn diese Traumtänzer nach der anfänglichen Verliebtheit aus dem 7. Himmel stürzen und „die Masken fallen“, denken sie, die falsche Person als Partner aufgelesen zu haben und suchen meistens schnell nach dem nächsten Partner, getreu dem Motto: „Beim nächsten Mann/der nächsten Frau wird alles anders!“

Nach dem Gesetz der gegenseitigen Anziehung gibt es [aber] keinen „falschen“ Partner. Das, was wir in einer festen Beziehung erleben, Krise, Streit, Herausforderungen, auch Langeweile, ist eigentlich gesünder als wir denken. Es ist der Beginn eines Heilsweges, der nicht angestrebt würde, würde das Paar nicht mit seinen Beziehungsthemen konfrontiert werden.

Weiterlesen: Die Dreiteilung im Trauma nach Ruppert

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Kurze Beine


Stimmt es wirklich
dass die Wahrheit schmerzt
oder ist das nur
eine der Lügen der Lügen
die diese verbreiten
um sich zu verbreiten
weil sie es
gern bequem haben
und glauben
auf kurzen Beinen
käme man schneller ans Ziel?

Und wenn es stimmt
dass die Wahrheit schmerzt
spricht das dann für
oder gegen sie, sag?
Ich frage nur, weil ich denke
dass doch noch jedes Geborenwerden schmerzt
die Geburt nun aber wahrlich
nicht Feind
des Lebens ist.

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Gedichte...

Freiheit, die vierte


Die Tränen zu- und fließen lassen
wenn sie denn fließen wollen

Die Angst fühlen
und wahrnehmen
wenn
und wie
sie die Gedanken verengt
und Muskeln zusammenzieht

Die Ohnmacht fühlen
wenn Menschen gehen
weil sie sterben
oder im Nachhinein feststellen:
Ich habe Dich nie geliebt
und bei all dem anderen
dass sich der so genannten
Kontrolle entzieht

Und die Sehnsucht fühlen
all die Sehnsucht
die hinter den Tränen, der Angst und Ohnmacht lebt
Als Leere in den Waden
Kribbeln in den Händen
und Wärme
in der Brust

Und die Not in Worte fassen
in richtige Worte
sie fühlen, ausdrücken, leben und erleben
Das ist dann
fast schon wieder:
Glück

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Die Angst vor der Liebe


Liebe hat Risiken und Nebenwirkungen. Wer sich öffnet, wird verletzlich. Und das mögen wir oft nicht. Denn es macht Angst. Schnell schützen wir unsere wunden Punkte wieder und gehen schon mal vorsorglich zum Gegenangriff über. Doch als das Leben uns die Heilmittel „Beziehung“ und „Liebe“ verschrieben hat, stand von Streit und Hader nichts in der Packungsbeilage. Ein Interview mit den Paartherapeuten Vibhuti Uzler und Ananda Coordes.

Redaktion: Wie kann man denn eigentlich Angst vor der Liebe haben, Liebe ist doch so etwas Wunderbares, ist Fließen, Aufgehobensein?

Vibhuti: Meint man. Viele Menschen haben aber gelernt, dass Liebe etwas kostet, dass Liebe damit verbunden ist, dass ich viele meiner Gefühle unterdrücken muss, dass ich nicht ich sein darf, dass es keinen Platz gibt für meine Wut. Liebe macht auch Angst, weil man an alte Geschichten erinnert wird, wenn man sich öffnet und die Kontrolle aufgibt. Anziehung bedingt Nähe und durch die Nähe werden unsere wunden Punkte berührt. Da in unserer Kindheit Liebe nie etwas Eindeutiges, sondern immer mit Ansprüchen verbunden war, kommt natürlich in Beziehung auch wieder die Angst hoch, sich zu verlieren, dass der andere einem die Freiheit raubt oder dass man verstoßen, verraten und belogen und fallen gelassen wird – dass also die Liebe aufhört. Es gibt eine Menge Menschen um die 30 oder 40, die in ihrem Leben noch nie eine längere Beziehung geführt haben. Das hat sicher auch damit zu tun, dass bei diesen Menschen die Angst groß ist, dass der andere einen so heftigen Einfluss auf sie hat, dass sie sich selbst verlieren. Daher bleiben sie lieber allein. Sie verweigern damit eine Erfahrung, die sie heilen könnte, denn eine echte Beziehung würde bedeuten, sich dieser Angst wieder auszusetzen, und das ist oft eine zu große Hürde.

Ananda: Das Problem ist eigentlich unser Beziehungsmodell. Liebe wird oft mit einem Gefühl der Sicherheit, der Bestätigung, der Geborgenheit verwechselt. Und wenn es das auf einmal nicht mehr gibt, dann ist auch die Liebe weg. Wenn Menschen noch nie bedingungslose Liebe erfahren haben und sie kommen dann zusammen und meinen, die Liebe müsste jetzt einfach so geschehen, dann erwächst daraus ein Problem. Beziehung ist da, um sich als Mensch zu entwickeln. Was am Anfang einer Beziehung ist, darf man nicht mit Liebe verwechseln. Liebe entsteht vielleicht im Laufe einer Beziehung. Beziehung ist ein Experimentierfeld. Die anfängliche Anziehung zwischen zwei Menschen ist der Köder, damit sie sich überhaupt auf dieses Experimentierfeld begeben.

Weiterlesen: http://www.sein.de/archiv/2008/mai-2008/die-angst-vor-der-liebe.html

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Kämpfe nicht mit dem Tod


Ein Toter hat kein Problem mit dem Tod. Er ist bereits tot – da ist der Tod kein Problem. Als Lebende steht uns der Tod bevor, irgendwo gleich um die Ecke erwartet er uns. Dieser wartende Tod, dieses unentwegte Abwarten, dass er irgendwo in der Nähe steckt und jederzeit eintreten kann, ist das Problem. Also kämpft der Mensch immerzu gegen ihn an und das ganze Leben wird zu einem bloßen Ringen mit dem Tode. Das ganze Leben wird einfach vertan, einfach vertan mit Vorbeugen, mit Verschanzen – um sich den Tod vom Leibe zu halten.
Wir können nicht lebendig sein, weil der Tod da ist. Wir können nicht leben, wir können nicht authentisch leben, weil uns der Tod nicht gestatten wird zu leben. Wie kann einer leben, wenn der Tod droht? Wenn Du doch sterben wirst, wie kannst Du dann friedlich leben? Wie kannst Du selig leben? Dann ist jeder Schritt im Leben nur ein Schritt auf den Tod zu. Dann ist jede Bewegung eine Bewegung in Richtung Tod, dann ist jede Bewegung eine Bewegung Deines Todes auf Dich zu.
Für die Religion ist der Tod das Problem: Was ist da zu tun? Wir tun alles Mögliche: Mit Hilfe von Reichtum, von Wissenschaft, von Hygiene, von Schutzmaßnahmen, von Medizin, von Philosophie, von Theologie treffen wir alle möglichen Vorkehrungen, wie wir todlos werden können. Wir stellen alles Mögliche auf die Beine, aber alles erweist sich als umsonst, vergeblich, absurd. Der Tod kommt doch, und jede Vorkehrung erweist sich als vergeblich. So ist es seit jeher gewesen und so wird es immer sein, denn der Tod kommt in Wirklichkeit nicht erst in der Zukunft, er kommt auch aus der Vergangenheit.
Sobald einer geboren wird, wird in ihm der Tod mit geboren. Der Tod ist nicht erst in der Zukunft – wäre er nur etwas Zukünftiges, könnte man ihm ausweichen –, sondern er ist Teil der Vergangenheit. Er ist nur ein Teil desjenigen Vorgangs, den wir ‚Geburt‘ nennen. Die Geburt ist der Beginn des Todes – oder man kann auch sagen: Der Tod ist nur ein Ende des Geburtsvorganges. Somit ist Dein Geburts-Tag auch Dein Todes-Tag. Der Anfang ist das Ende, weil jeder Anfang sein Ende in sich enthält. In jedem Anfang steckt sein Ende als Saatkorn. Wäre der Tod nur etwas Zukünftiges, dann ließe er sich umgehen. Lässt er sich aber nicht: Er ist ein Stück von Dir, er ist hier und jetzt – einfach in Dir drin, fortschreitend, wachsend.
Der Tod ist nicht ein festgelegter Punkt irgendwo, sondern ein Gewächs in Deinem Innern. Er wächst fortwährend weiter. Wenn Du ihn bekämpfst, wächst er weiter. Wenn Du ihn nährst, wächst er weiter. Wenn Du vor ihm davonläufst, wächst er weiter. Du kannst tun, was Du willst, Du kannst schlafen, kannst entspannen, kannst arbeiten, kannst nachdenken, kannst meditieren – egal, was Du tust, eines ist gewiss: Der Tod wächst unentwegt, immerzu weiter. Er benötigt nicht Deine Hilfe, er benötigt nicht Deine Kooperation. Deine Verteidigungsmaßnahmen sind ihm gleichgültig – er wächst weiter. Warum? Weil er zugleich mit Deiner Geburt auf die Welt gekommen ist, Teil Deiner Geburt ist. Dem Tod kann man also nicht entrinnen, jedenfalls nicht so, wie der Mensch und der menschliche Geist das immer versucht haben. Diese Upanishaden sagen auch nicht, dass man dem Tod entrinnen könne, wohl aber, dass man todlos werden kann. Du kannst etwas erfahren, das unsterblich ist, das nie sterben wird. Aber wie lässt sich das erfahren? Wo soll man danach suchen, und wie es entdecken? Schließlich haben sich alle uns bekannten Anstrengungen einfach als sinnlos, als belanglos erwiesen!
Diese Upanishaden sagen nun: Kämpfe nicht mit dem Tod. Kümmere Dich lieber darum, lerne besser kennen, was Leben heißt. Man muss mitten in die Flamme des Lebens hineingehen. Führe kein abwehrendes, kein negatives Leben. Versuche nicht länger, dem Tod auszuweichen – so etwas ist negativ. Sei positiv und versuche zu erfahren, was das ist – Leben. In Wirklichkeit ist der Tod nicht das Gegenteil des Lebens. Im Wörterbuch vielleicht, aber nicht in der Existenz. Der Tod ist nicht das Gegenteil des Lebens; der Tod ist das Gegenteil der Geburt.
(…)
Wir müssen uns das Leben wie einen Fluss vorstellen: In diesem Fluss gibt es einen Punkt, der ‚Geburt‘ genannt wird und einen Punkt, der ‚Tod‘ genannt wird, aber der Fluss fließt weiter. Der Fluss geht über den Tod hinaus. Der Fluss ging der Geburt voraus. Dieses flussartige Leben muss zutiefst erkannt werden; erst dann können wir das erkennen, was todlos ist. Selbstverständlich muss etwas, das todlos ist, zwangsläufig auch geburtlos sein … aber unsere gesamte Aufmerksamkeit wird in die Irre geleitet. Unser ganzer Fokus ist darauf gerichtet, wie wir dem Tod entgehen können, und nicht, wie wir das Leben erkennen können. Es gilt: gegen den Tod, nicht für das Leben.
Das ist der einzige Haken, und nur deswegen können wir nie das Todlose kennen lernen. Wir machen immerzu weiter damit, hören nie auf damit, nach neuen Methoden, neuen Techniken, neuen Wegen zu suchen, wie wir dem Tod entrinnen können. Und dann kommt der Tod irgendwann – und der Tod kommt bestimmt. Erkenne, was Leben ist.

Jesus hat gesagt: ‚Sucht nach dem Leben, dem Leben in Hülle und Fülle.‘ Gebt Euch nicht zufrieden mit dem, was ihr unter ‚Leben‘ versteht. Sucht mehr, holt mehr heraus, geht tiefer hinein – macht mehr Leben locker! Uns geht es immer nur um weniger Tod, uns geht es nie um mehr Leben; wie gebannt starren wir immerzu auf den Tod!
Es verhält sich folgendermaßen: Wenn alles dunkel ist, kann man zweierlei tun: Entweder kann man anfangen, die Dunkelheit zu bekämpfen und versuchen sie zu zerstören oder man kann anfangen, nach Licht zu suchen – was eine ganz andere Art der Suche ist. Man kann die Dunkelheit direkt bekämpfen, aber dann wird man unterliegen. Und die Dunkelheit wird siegen – nicht weil sie stärker ist als Du, nicht weil Du machtlos gegen sie bist – nein. Die Dunkelheit hat keine Macht, Du bist nicht machtlos; Dunkelheit ist einfach nur eine Abwesenheit von Licht, und gegen eine Abwesenheit kann man nicht kämpfen.
(…)
Ist das Licht weg, tritt Dunkelheit ein. Geht das Licht an, ist die Dunkelheit weg. Suche also nach Licht, suche nach Leben. Kämpfe nicht gegen den Tod, kämpfe nicht gegen die Dunkelheit. Geh nicht negativ vor, geh positiv vor. Und unter ‚positiv‘ verstehe ich: Suche immer nach etwas Anwesendem, suche nie nach etwas Abwesendem – Du wirst es niemals finden.
(…)
Diese Upanishaden besagen: Kämpft nicht gegen den Tod, sonst kämpft ihr gegen das Abwesende; sucht lieber nach etwas Anwesendem, das in Euch ist. Wer ist in Dir vorhanden? – finde es heraus. Was in Dir ist anwesend, das Du ‚Leben‘ nennst? Was ist das in Dir, das Du ‚Leben‘ nennst? Von woher in Dir kommt es? Was ist der Mittelpunkt, die Quelle davon? Schürfe tief in Dir nach und lege die Quelle frei. Dieser Upanishade zufolge liegt die Quelle im Herzen verborgen. Diese Quelle des Lebens ist im Herzen verborgen. Geh in Dein Herz und finde dort die ursprüngliche Quelle.
Hast Du diese Quelle erst einmal kennen gelernt, dann wird es für Dich keinen Tod mehr geben. Dann wird keine Angst mehr da sein, dann wird kein Problem mehr da sein. Hast Du das Leben selber erst einmal kennen gelernt, bist Du unsterblich geworden.

Aus: Osho: Tod – Der Höhepunkt des Lebens

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Du trägst das Heilmittel in Deinem eigenen Herzen


Emotionale Misshandlung von Kindern kann im Erwachsenenalter zu Abhängigkeit, Wut, einem ernsthaft beschädigten Selbstgefühl und zur Unfähigkeit, mit anderen echte Bindungen einzugehen, führen. Aber – selbst wenn es dir passiert ist – es gibt einen Weg hinaus.

von Andrew Vachss

Ich bin Rechtsanwalt mit einem ungewöhnlichen Spezialgebiet. Meine Klienten sind alle Kinder – geschädigte, Schmerzen erleidende Kinder, die sexuell angegriffen, körperlich misshandelt, ausgehungert, ignoriert, verlassen wurden und jede andere lausige Sache erfuhren, die ein Mensch einem anderen antun kann. Menschen, die wissen, was ich tue, fragen immer: Was ist der schlimmste Fall, mit dem sie sich je befasst haben? Wenn Sie in einem Geschäft sind, wo ein Baby, das früh stirbt, das glücklichste Kind in der Familie sein mag, gibt es darauf keine einfache Antwort. Aber ich habe darüber nachgedacht – ich denke jeden Tag darüber nach. Meine Antwort ist, dass von all den vielen Formen von Kindesmisshandlung, emotionale Misshandlung die grausamste und am längsten währende von allen sein mag.
Emotionale Misshandlung ist die systematische Verkleinerung des anderen. Sie kann absichtlich oder unterbewusst (oder beides) sein, aber sie ist immer eine Verhaltensweise, nicht ein einzelner Vorfall. Sie ist darauf angelegt, das Selbstbild eines Kindes auf den Punkt zu reduzieren, wo das Opfer sich des natürlichen Geburtsrechts aller Kinder für unwert erachtet: Liebe und Schutz.
Emotionale Misshandlung kann so vorsätzlich sein wie ein Gewehrschuss: „Du bist fett. Du bist dumm. Du bist hässlich.“
Emotionale Misshandlung kann so blindlings sein wie der Fallout einer Nuklearexplosion. In ehelichen Auseinandersetzungen zum Beispiel werden die Kinder allzu oft zum Schlachtfeld. Ich erinnere mich an einen Jungen, kaum in seinen Teenagerjahren, der abwesend die frischen Narben an seinen Handgelenken rieb. „Es war der einzige Weg, sie alle glücklich zu machen“, sagte er. Seine Mutter und sein Vater waren in einen Scheidungskrieg verstrickt, und jeder verlangte völlige Loyalität und Verbundenheit von dem Kind.
Emotionale Misshandlung kann aktiv sein. Boshaftes Herabsetzen: „Du wirst niemals so erfolgreich sein wie es dein Bruder war.“ Bewusste Demütigung: „Du bist so dumm. Ich schäme mich, dass du mein Sohn bist.“
Sie kann auch passiv sein, die emotionale Entsprechung von Kindesvernachlässigung – eine Unterlassungssünde, wahrlich, aber darum nicht weniger zerstörerisch.
Und es kann eine Kombination von beidem sein, was die negativen Wirkungen geometrisch anwachsen lässt.
Emotionale Misshandlung kann verbal oder im Verhalten, aktiv oder passiv, regelmäßig oder gelegentlich stattfinden. Ungeachtet dessen ist sie oft ebenso schmerzhaft wie ein körperlicher Angriff. Und, mit seltenen Ausnahmen, dauert der Schmerz viel länger an. Die Liebe eines Elternteils ist für ein Kind so wichtig, dass sie ihm vorzuenthalten einen Zustand des „Scheiterns in der Entwicklung“ verursachen kann, ähnlich dem von Kindern, denen man eine angemessene Ernährung verweigert hat.
Selbst der natürliche Trost von Geschwistern wird denjenigen Opfern emotionaler Misshandlung verweigert, die als das „Zielscheiben-Kind“ der Familie ausersehen sind. Die anderen Kinder sind schnell dabei, ihre Eltern zu imitieren. Anstatt die Fähigkeiten zu erlernen, die jedes Kind als ein Erwachsener brauchen wird – Einfühlungsvermögen, Fürsorglichkeit und Beschützen – lernen sie die Boshaftigkeit einer Hackordnung. Und so setzt sich der Kreislauf fort.
Aber ob als absichtliches Ziel oder unschuldiger Zuschauer, das emotional misshandelte Kind kämpft zwangsläufig darum, das Verhalten seiner Misshandler zu „erklären“ – und endet, um sein Überleben kämpfend, in einem Treibsand der Selbstbeschuldigung.
Emotionale Misshandlung ist sowohl die verbreitetste als auch die am wenigsten verstandene Form von Kindesmisshandlung. Über ihre Opfer wird oft hinweggesehen, einfach, weil ihre Wunden nicht sichtbar sind. In einem Zeitalter, in welchem neue Enthüllungen von unaussprechlichen Kindesmisshandlungen tägliche Kost sind, werden Schmerz und Qual jener, die „nur“ emotionale Misshandlung erfahren haben, oft trivialisiert. Wir verstehen und akzeptieren, dass die Opfer von körperlicher und sexueller Misshandlung gleichermaßen Zeit wie eine spezielle Behandlung brauchen, um zu gesunden. Doch wenn es zu emotionaler Misshandlung kommt, glauben wir anscheinend, dass die Opfer „einfach darüber hinwegkommen“, wenn sie Erwachsene werden.
Diese Annahme ist gefährlich falsch. Emotionale Misshandlung entstellt das Herz und schädigt die Seele. Wie Krebs verrichtet sie ihre tödlichste Arbeit im Inneren. Und wie Krebs kann sie, wenn sie unbehandelt bleibt, Metastasen bilden.
Wenn es zur Schädigung kommt, gibt es keinen wirklichen Unterschied zwischen körperlicher, sexueller und emotionaler Misshandlung. Alles, was das eine vom anderen unterscheidet, ist die Wahl der Waffen des Misshandlers. Ich erinnere mich an eine Frau, eine Großmutter, deren Misshandler schon lange gestorben waren, die mir sagte, dass die Zeit ihren Schmerz nicht besiegt hatte. „Es war nicht nur der Inzest“, sagte sie ruhig. „Es war, dass er mich nicht liebte. Wenn er mich geliebt hätte, hätte er mir das nicht antun können.“
Aber emotionale Misshandlung ist einzigartig, weil sie darauf abzielt, das Opfer sich schuldig fühlen zu lassen. Emotionale Misshandlung ist ein wiederholtes und letztlich sich summierendes Verhalten – sehr leicht zu imitieren – und einige Opfer setzen den Kreislauf später mit ihren eigenen Kindern fort. Obwohl die meisten Opfer diese Antwort mutig zurückweisen, ist ihr Leben oft von einer tiefen, durchdringenden Traurigkeit gekennzeichnet, einem ernsthaft beschädigten Selbstbild und einer Unfähigkeit, sich wirklich mit anderen einzulassen und mit ihnen eine Bindung einzugehen.
Emotional misshandelte Kinder wachsen mit einer bedeutsam veränderten Wahrnehmung auf, sodass sie Verhaltensweisen – die eigenen und die anderer – durch einen verzerrenden Filter sehen. Viele emotional misshandelte Kinder verstricken sich in ein lebenslanges Streben nach der Anerkennung anderer (die sie als „Liebe“ übersetzen). So begierig sind sie nach Liebe – und so überzeugt davon, dass sie sie nicht verdienen -, dass sie Hauptkandidaten für Misshandlung in intimen Beziehungen sind.
Das emotional misshandelte Kind kann man im Inneren jeder geschlagenen Frau hören, die darauf besteht: „Es war mein Fehler, wirklich. Ich scheine ihn einfach irgendwie zu provozieren.“
Und das beinahe unausweichliche Scheitern von Erwachsenen-Beziehungen bekräftigt dieses Gefühl von Wertlosigkeit, vernebelt das Verbrechen, das durch das Leben der Opfer nachhallt.
Emotionale Misshandlung bestimmt das Kind dahingehend, Misshandlung im späteren Leben zu erwarten. Emotionale Misshandlung ist eine Zeitbombe, aber ihre Wirkungen sind selten sichtbar, weil die emotional Misshandelten dazu neigen, zu implodieren, die Wut gegen sich selbst zu richten. Und wenn jemand äußerlich in den meisten Lebensbereichen erfolgreich ist, wer schaut nach innen, um die verborgenen Wunden zu sehen?
Mitglieder einer Therapiegruppe mögen in Alter, sozialer Klasse, ethnischer Zugehörigkeit und Beschäftigung weit auseinander liegen, aber alle zeigen irgendeine Form von selbstzerstörerischem Verhalten: Fettleibigkeit, Drogenabhängigkeit, Anorexie, Bulimie, häusliche Gewalt, Kindesmisshandlung, versuchter Selbstmord, Selbstverstümmelung, Depressionen und Wutanfälle. Was sie in Behandlung brachte, waren ihre Symptome. Aber bis sie sich der einen Sache zuwenden, die sie gemeinsam haben – eine Kindheit der emotionalen Misshandlung -, ist eine echte Gesundung unmöglich.
Eines der Ziele jeder Kinder schützenden Bemühung ist es, „den Kreislauf der Misshandlung zu durchbrechen.“ Wir sollten uns nicht täuschen, dass wir den Kampf leicht gewinnen, weil so wenige Opfer von emotionaler Misshandlung selbst Misshandler werden. Einige emotional misshandelte Kinder sind so effektiv darauf programmiert, zu scheitern, dass ein Teil ihrer eigenen Persönlichkeit sich „selbst Eltern verschafft“, indem sie sich selbst herabsetzen und demütigen.
Der Schmerz hört mit dem Erwachsensein nicht auf. Tatsächlich verschlimmert er sich für einige. Ich erinnere mich an eine junge Frau, eine ausgebildete Fachfrau, charmant und freundlich, von allen gemocht, die sie kannten. Sie sagte mir, dass sie nie Kinder haben würde. „Ich hätte immer Angst, so zu handeln wie sie„, sagte sie.
Anders als die meisten Formen von Kindesmisshandlung wird emotionale Misshandlung von denen, die sie praktizieren, selten geleugnet. Tatsächlich verteidigen viele aktiv ihre psychologische Brutalität, indem sie geltend machen, dass eine Kindheit der emotionalen Misshandlung ihren Kindern helfe, „widerstandsfähiger zu werden.“ Es reicht nicht, wenn wir die pervertierte Meinung ablehnen, dass Kinder zu schlagen gute Bürger hervorbrächte – wir müssen auch die Lüge ablehnen, dass emotionale Misshandlung gut für Kinder ist, weil sie sie für ein hartes Leben in einer rauen Welt vorbereite. Ich habe einige Individuen getroffen, die auf diese Art auf ein hartes Leben vorbereitet wurden – ich traf sie, während sie lebenslänglich einsaßen.
Die wichtigste Waffe emotionaler Misshandler ist die absichtliche Auferlegung von Schuld. Sie benutzen Schuld auf dieselbe Weise wie ein Kredithai Geld benutzt: Sie wollen die „Schulden“ nicht getilgt haben, weil sie ganz glücklich von den „Zinsen“ leben.
Weil emotionale Misshandlung in so vielen Formen (und so vielen Verkleidungen) erscheint, ist das Erkennen der Schlüssel für eine wirksame Antwort. Zum Beispiel, wenn Behauptungen von sexueller Kindesmisshandlung an die Oberfläche kommen, ist es eine besonders abscheuliche Form von emotionaler Misshandlung, Druck auf das Opfer auszuüben, die Behauptung zurückzunehmen, indem man sagt, er oder sie „schade der Familie“, indem er oder sie die Wahrheit sagt. Und genau dasselbe gilt, wenn ein Kind gezwungen wird, die Lüge von einem „liebenden“ Elternteil aufrechtzuerhalten.
Emotionale Misshandlung erfordert überhaupt kein körperliches Verhalten. In einem außergewöhnlichen Fall erkannte eine Jury in Florida das tödliche Potential von emotionaler Misshandlung an, indem sie eine Mutter in Verbindung mit dem Selbstmord ihrer siebzehnjährigen Tochter für schuldig befand, die sie gezwungen hatte, als Nackttänzerin zu arbeiten (und von ihrem Verdienst gelebt hatte).
Eine andere, selten verstandene Form von emotionaler Misshandlung macht Opfer für ihre eigene Misshandlung verantwortlich, indem man von ihnen verlangt, dass sie den Täter „verstehen.“ Einem zwölf Jahre alten Mädchen zu sagen, dass sie ihren eigenen Inzest „ermöglicht“ hat, ist emotionale Misshandlung vom abstoßendsten.
Ein besonders schädlicher Mythos ist der, dass Heilung „Vergebung“ für den Misshandler erfordere. Für das Opfer von emotionaler Misshandlung ist die lebensfähigste Form von Hilfe Selbst-Hilfe – und ein Opfer, das von der Notwendigkeit, dem Misshandler zu „vergeben“ gehandicapt ist, ist in der Tat ein gehandicapter Helfer. Der schädigendste Fehler, den ein Opfer von emotionaler Misshandlung machen kann, ist, in die „Rehabilitierung“ des Misshandlers zu investieren. Zu oft wird dies nur zu einem weiteren Wunsch, der nicht wahr wird – und emotional misshandelte Kinder werden folgern, dass sie kein besseres Ergebnis verdienen.
Die Schäden von emotionaler Misshandlung können nicht an sichtbaren Narben gemessen werden, aber jedes Opfer verliert einen Prozentsatz seiner Leistungsfähigkeit. Und diese Leistungsfähigkeit bleibt so lange verloren, wie das Opfer in dem Kreislauf von „Verstehen“ und „Vergebung“ feststeckt. Der Misshandler hat kein „Recht“ auf Vergebung – solche Wohltaten können nur verdient werden. Und obwohl der Schaden mit Worten angerichtet wurde, kann echte Vergebung nur mit Taten verdient werden.
Für jene mit einem idealisierten Begriff von „Familie“ ist die Aufgabe sogar noch schwieriger, es zurückzuweisen, die Schuld für die eigene Opferung zu akzeptieren. Für solche Sucher ist der Schlüssel zur Freiheit immer die Wahrheit – die wirkliche Wahrheit, nicht die verzerrte, eigennützige Version, die die Misshandler andienen.
Emotionale Misshandlung droht eine nationale Krankheit zu werden. Die Popularität gehässiger, niedrig gesinnter, persönlich angreifender Grausamkeit, die als „Unterhaltung“ durchgeht, ist nur ein Beispiel. Wenn die Gesellschaft inmitten einer moralischen und geistigen Erosion ist, wird eine „Familie“, die auf der emotionalen Misshandlung ihrer Kinder gegründet ist, nicht die Stellung halten. Und es zeigen sich keine unmittelbaren Anzeichen, dass das Blatt sich wendet.
Die wirksame Behandlung von emotionalem Misshandlern hängt von der Motivation für das ursprüngliche Verhalten ab, der Einsicht in die Wurzeln solchen Verhaltens und dem aufrichtigen Verlangen, dieses Verhalten zu ändern. Für einige Misshandler ist, zu sehen, was sie ihrem Kind antun – oder, noch besser, zu fühlen, was sie ihr Kind zu fühlen zwangen – genug, sie Halt machen zu lassen. Andere Misshandler brauchen Hilfe durch Strategien, mit ihrem eigenen Stress umzugehen, sodass er sich nicht auf ihre Kinder entlädt.
Doch für einige emotionale Misshandler ist Rehabilitierung nicht möglich. Für solche Menschen ist Manipulation eine Lebensweise. Sie errichten ein „Familien“-System, in dem es dem Kind niemals gelingen kann, die Liebe des Elternteils zu „verdienen“. In solchen Situationen ist jede Betonung auf die „Heilung der ganzen Familie“ zum Scheitern verurteilt.
Wenn du ein Opfer von emotionaler Misshandlung bist, kann es keine Selbst-Hilfe geben, bis du Selbst-Bezüglichkeit lernst. Das bedeutet, deine eigenen Maßstäbe zu entwickeln, für dich selbst zu entscheiden, was „Güte“ wirklich ist. Die kalkulierten Bezeichnungen des Misshandlers zu übernehmen – „Du bist verrückt. Du bist undankbar. Es ist nicht so passiert, wie du sagst“ -, setzt nur den Kreislauf fort.
Erwachsene Überlebende von emotionaler Kindesmisshandlung haben nur zwei Wahlmöglichkeiten im Leben: lernen, sich auf sich selbst zu beziehen, oder ein Opfer bleiben. Wenn dein Selbstbild zerfetzt wurde, wenn du tief verletzt wurdest, und man dir das Gefühl gab, die Verletzung wäre nur deine Schuld, wenn du nach Anerkennung bei jenen suchst, die sie nicht verschaffen können oder wollen, spielst du die Rolle, die dir von deinem Misshandler zugewiesen wurde.
Es ist Zeit, aufzuhören, diese Rolle zu spielen, Zeit, dein eigenes Manuskript zu schreiben. Opfer von emotionaler Misshandlung tragen das Heilmittel selbst in ihren Herzen und Seelen. Rettung heißt Selbst-Respekt lernen, den Respekt anderer verdienen, und diesen Respekt zu dem absolut unreduzierbaren erforderlichen Minimum für alle intimen Beziehungen zu machen. Für das emotional misshandelte Kind ergibt sich aus Heilung „Vergebung“ – Vergebung für dich selbst.
Wie du dir vergibst, ist so individuell wie du es bist. Aber das Wissen, dass du es verdienst, geliebt und respektiert zu werden, und dich selbst zu ermutigen mit der festen Absicht, es zu versuchen, ist mehr als die Hälfte des Kampfes. Viel mehr.
Und es ist niemals zu früh – oder zu spät – um anzufangen.

Quelle: Parade Magazine vom 28. August 1994

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