Geschichten...

Regen


Jeder Augenblick ist ewig,
wenn du ihn zu nehmen weißt.
Ist ein Vers, der unaufhörlich
Leben, Welt und Dasein preist.

Alles wendet sich und endet
und verliert sich in der Zeit.
Nur der Augenblick ist immer.
Gib dich hin und sei bereit!

Wenn du stirbst, stirbt nur dein Werden.
Gönn ihm keinen Blick zurück.
In der Zeit muss alles sterben
aber nichts im Augenblick.

(Konstantin Wecker)

Als ich mit der S8 die Brücke nach Mainz überquere, beginnt es gerade zu regnen. Nein, zu gewittern. Es beginnt zu gewittern. Der Himmel öffnet sich und nach Wochen der Hitze fällt neues Leben auf die verbrannte Erde und ausgezehrten Körper und Seelen herab.

Ich überquere den Fußgängerüberweg an der Ampel in Richtung meines Hauses. Von der gegenüberliegenden Straßenseite aus beginnt eine Frau in strömendem Regen einen Sprint auf ihre Seite des Überweges zu. Aber just als ich die Fahrbahn überquert habe, schaltet die Ampel auf Rot. Ich bin hinüber. Sie ist es nicht. Ich habe einen Schirm und schreite voran. Sie steht, ohne Schirm, nun im strömenden Regen am Übergang und wird zunehmend nass.

Nach einigen Metern drehe ich mich um, überlege kurz und kehre dann zu ihr zurück. Ich stelle mich neben sie an die Ampel und halte meinen Schirm schützend auch über sie. „Ach, danke, das ist aber nett“, sagt sie. Und ich erwidere nach einem Moment des Schweigens: „Also, wenn es ihnen nichts ausmacht: Der Schirm ist kaputt und ich muss mir eh einen neuen kaufen. Darf ich ihn ihnen wohl überlassen?“ „Gerne, ja“, antwortet sie.

Und so drücke ich ihr meinen Schirm in die Hand, nicke und gehe weiter meines Weges. Vor der Haustür bleibe ich, den Schlüssel bereits in der Hand, kurz stehen, doch ziehe dann weiter. Und laufe schnurstracks in das sich über die Stadt ergießende Gewitter hinein.

Links und rechts hastet und rennt es. Bloß nicht nass werden!, denken die meisten wohl. Nach ein paar Minuten sind die Straßen fast menschenleer. Nur noch einige Versprengte und Hartgesottene teilen sich die Stadt noch mit mir. Ich trage T-Shirt und kurze Hose. Die Sandalen habe ich in der Hand. Ich tanze ein wenig und pfeife ein Lied, das ich gerade erst am Erfinden bin.

Ein Unbekannter mit Schirm streift meinen Weg. Er hört mich pfeifen und muss lächeln. Einige Zeit später zieht ein Pärchen an mir vorbei. Erst schauen sie auf meine nackten Füße, dann mir ins Gesicht, erneut auf meine nackten Füße. Und dann lächeln sie beide, lächeln mich an.

Das Kopfsteinpflaster in der Altstadt ist feucht und warm. Der Regen benetzt meinen Körper und umspült mir liebevoll die Zehen. Und, Pfützen, ja, die sind mir ein besonderer Genuss. Groß, weich und warm sind sie. Und als ich das fühle, lächele ich schließlich selbst.

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Fremdes...

Utopie


„Es steht etwas über unseren schaffensfreudigen Gedanken, das feiner und schärfer ist als sie. Es sieht ihrem Erwachen zu, es überwacht, ordnet und zügelt sie, es mildert ihnen oft die Farben, wenn sie Bilder weben, und hält sie am knappsten, wenn sie Schlüsse ziehen. Seine Ausbildung hängt von unserer edelsten Fähigkeit ab. Es ist nicht selbst schöpferisch, aber wo es fehlt, kann nichts Dauerndes entstehen; es ist eine moralische Kraft, ohne die unsere geistige nur Schemen hervorbringt; es ist das Talent zum Talent, sein Halt, sein Auge, sein Richter, es ist – das künstlerische Gewissen.“

Marie von Ebner-Eschenbach: Aphorismen, S. 70

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Gedichte...

Leichtigkeit


Beim Gedanken
an unsern dereinsten Abschied
glücklich werden
ob der verbleibenden Zeit bis dahin

Beim Glücklichsein
ob des Barfußhüpfens
im Springbrunnen am Park
mit den Gedanken ganz von selbst wandern zu Dir

Beim An-Dich-Denken
lächeln müssen
und Angst trotzen können
das Leben genießen, plötzlich federleicht

Diese schwerelose Leichtigkeit
– ist das Wahnwitz
oder ist das endlich
die Wahrheit?

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Fremdes...

Liebe und Rebellion


„Ich glaube nämlich, dass der Träumer, mag er auch dem Mann auf der Straße noch so unpraktisch vorkommen, tausendmal fähiger und tüchtiger ist als der sogenannte Staatsmann.“
(Henry Miller: Rimbaud oder Vom großen Aufstand, S. 32)

„Diese Menschen sind offenbar in die Welt hineingeboren, damit sie um den Ausdruck ihrer innersten Geheimnisse ringen sollen.“
(Henry Miller: Rimbaud oder Vom großen Aufstand, S. 49)

„Und was ist das Wesen dieses Geheimnisses? Ich kann nur sagen, dass es etwas mit den Müttern zu tun hat. Ich habe das Gefühl, dass für Lawrence und für Rimbaud das Gleiche galt. Die ganze Aufsässigkeit, die ich mit ihnen teile, geht auf dieses Problem zurück, das, soweit ich das ausdrücken kann, in der Suche nach unserer wahren Verbindung mit der Menschheit besteht. Man findet sie weder im persönlichen, noch im kollektiven Leben, wenn man diesem Typ angehört. Man vermag sich so wenig anzupassen, dass man fast wahnsinnig wird. Man sehnt sich nach Seinesgleichen, ist aber von weiten, leeren Räumen umgeben. Man braucht einen Lehrer, doch es fehlt einem hierfür die Demut, die Schmiegsamkeit, die Geduld. Man fühlt sich auch bei den Großen im Geiste nicht heimisch, nicht behaglich; selbst die hochstehendsten erscheinen einem fehlerhaft oder verdächtig. Und doch hat man nur mit ihnen Berührungspunkte. Es ist das ein Dilemma erster Größe, ein Dilemma von höchster Bedeutung. Man muss den entscheidenden Unterschied seines eigenen besonderen Wesens begründen und hierdurch seine Verwandtschaft mit der ganzen Menschheit, selbst mit dem niedersten Menschenkinde, entdecken. Bejahung ist das Schlüsselwort. Aber Bejahung ist gerade der große Stein des Anstoßes. Sie muss vollständig sein und nicht in Konformismus bestehen.
Wodurch wird diesem Menschentyp die Bejahung der Welt so sehr erschwert? Wie ich jetzt sehe, durch den Umstand, dass in der Kindheit die gesamte dunkle Seite des Lebens, und natürlich auch des eigenen Wesens, unterdrückt worden war, und zwar so gründlich, dass man es nicht mehr erkennen konnte. Hätte man die dunkle Seite der Existenz nicht verworfen, argumentiert man unbewusst mit sich selber, wäre das gleichbedeutend mit einem Verlust der Individualität und vor allem der Freiheit gewesen. Freiheit geht Hand in Hand mit Differenzierung. Unter dem Heil ist in diesem Falle nur die Bewahrung der eigenen Identität zu verstehen; sie vollzieht sich in einer Welt, die alles und jedes zu nivellieren sucht. Die Furcht hat hier ihre Wurzel. Rimbaud bestand darauf, dass er in Freiheit erlöst werden wollte. Man wird jedoch nur erlöst, wenn man diese illusorische Freiheit preisgibt. Die Freiheit, nach der er verlangte, bestand in der hemmungslosen Bestätigung seines Ichs. Das ist aber keine Freiheit. Ist man in dieser Täuschung befangen, so kann man, wenn man lange genug lebt, jede Facette des eigenen Wesens ausspielen und immer noch einen Grund zur Klage, zur Rebellion finden. Eine derartige Freiheit gewährt einem das Recht zur Widerrede, notfalls zum Abfall. Sie berücksichtigt nicht die Unterschiede anderer Menschen, lediglich die eigenen. Sie wird niemals dazu beitragen, dass man seine Verbindung, seinen Zusammenhang mit der gesamten Menschheit herausfindet. Man bleibt für immer abgesondert, für immer isoliert. Alles das hat für mich eine einzige Bedeutung: dass man noch an die Mutter gebunden ist. Die ganze Rebellion sollte nur Staub in die Augen streuen, stellte den verzweifelten Versuch dar, diese Bindung zu verbergen. Menschen dieses Schlages sind stets gegen ihr Heimatland eingestellt; es ist ihnen unmöglich, anders zu handeln. Versklavung ist das große Schreckgespenst, mag es nun dabei um das Land, die Kirche oder die Gesellschaft gehen. Sie verbringen ihr Leben damit, Fesseln zu sprengen, aber die geheime Bindung zehrt sie innerlich auf und lässt ihnen keine Ruhe. Sie müssen mit der Mutter ins Reine kommen, bevor sie sich vom Albdruck der Fesseln befreien können. „Draußen, für immer draußen! So sitzen wir auf der Türschwelle des Mutterschoßes.“ Das sind, glaube ich, meine eigenen Worte in „Black Spring““, während einer goldenen Periode meines Lebens, als ich nahezu im Besitz des Geheimnisses war. Kein Wunder, dass man der Mutter entfremdet ist. Man nimmt sie lediglich als Hindernis wahr. Man braucht [aber] den Trost und die Sicherheit ihres Schoßes, jene Dunkelheit und Behaglichkeit, die für den Ungeborenen den gleichwertigen Ersatz für die Erleuchtung und Bejahung des wahrhaft Geborenen darstellt. Die Gesellschaft besteht aus verschlossenen Türen, aus Tabus, Gesetzen, Bedrückungen und Unterdrückungen. Man hat nicht die Möglichkeit, jene Elemente in die Gewalt zu bekommen, aus denen sich die Gesellschaft zusammensetzt und mit denen man arbeiten muss, wenn man jemals eine wahre Gesellschaft begründen will. Es ist ein ständiger Tanz am Rande des Vulkans. Man mag als großer Rebell gefeiert werden, aber man wird niemals Liebe begegnen. Und der Rebell muss mehr als jeder andere die Liebe kennen, sie schenken, mehr noch als sie zu empfangen, und sogar noch mehr Liebe sein, als sie zu schenken.

Henry Miller: Rimbaud oder Vom großen Aufstand, S. 51 ff.

„Im Juli 1880 schrieb Van Gogh seinem Bruder einen jener Briefe, die den Kern der Dinge berühren und das Blut in Wallung bringen. […] In diesem Falle verteidigt sich Van Gogh gegen die Verleumdung des Müßiggangs. Er beschreibt eingehend zwei Arten des Müßiggangs, die üble und die förderliche Sorte. Der Brief ist eine regelrechte Predigt über dieses Thema, und es lohnt sich, dass man immer wieder zu ihm zurückkehrt. […] Dann geht er dazu über, zwischen dem Menschen, der aus Faulheit, aus Mangel an Charakter, infolge seiner niedrigen Natur müßig ist, und jener anderen Art eines Müßiggängers zu unterscheiden, der gegen seinen Willen träge ist; der innerlich von einem großen Tatendrang verzehrt wird; der ein Nichtstuer ist, weil es für ihn unmöglich ist, irgendetwas zu tun, usw. Er schildert den Vogel im goldenen Käfig. Und dann fügt er ergreifende, herzzerreißende, schicksalsschwere Worte hinzu:
‚Und die Menschen sind häufig durch die Umstände gehindert, etwas zu tun; sie sind Gefangene in irgendeinem entsetzlichen, entsetzlichen, ganz entsetzlichen Käfig. Es gibt auch, das weiß ich, die späte Befreiung. Ein zu Recht oder zu Unrecht zerstörter guter Ruf, die Scham, der Zwang der Verhältnisse, das Unglück – durch all das werden wir zu Gefangenen. Man vermag nicht immer zu sagen, was uns eigentlich einschließt, einmauert, was uns zu begraben scheint, aber man spürt doch irgendwelche Schranken, Gitter, Wände. Ist das alles nur Einbildung, Phantasie? Ich glaube nicht. Und dann stellt man die Frage: ‚Mein Gott, ist das für lange Zeit, für immer, für alle Ewigkeit?‘ Weißt Du, was einen von dieser Gefangenschaft befreit? Jede tiefe, ernsthafte Zuneigung vermag das. Freund sein, Bruder sein, lieben – das öffnet das Gefängnis mit aller Macht, durch Zauberkraft. Doch einer, der das nicht hat, bleibt im Gefängnis. Wo die Sympathie erneuert wird, kehrt das Leben zurück.‘“

Henry Miller: Rimbaud oder Vom großen Aufstand, S. 64 f.

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Blockupy: Die Lügen des Innenministers


Freiheitsberaubung und Nötigung bei der Blockupy-Demo: Immer mehr Strafanzeigen gegen das Land Hessen

Von Gitta Düperthal

Der hessische Innenminister Boris Rhein (CDU) habe dem Parlament bei der Anhörung Anfang Juni die Unwahrheit gesagt. Dafür gebe es jetzt konkrete Belege, sagte die Fraktionsvorsitzende der Linken in Hessen, Janine Wissler, am Freitag bei einem Pressegespräch im Landtag in Wiesbaden: »Ein Minister, der das Parlament belügt, darf nicht im Amt bleiben.« Nach Aussagen vieler Zeugen, die bei der Linken immer noch eingingen, sowie nach der Sichtung von Fotos und Videoaufnahmen, sei klar: »Die Blockupy-Demonstration am 1. Juni ist von der Polizei gezielt und mit massiver Gewalt gegen Hunderte friedliche Teilnehmer gesprengt worden«, so Wissler.

Um die Planung von langer Hand und ohne Anlaß zu belegen, erläuterte sie den Zeitablauf: An jenem Samstagmorgen hätten sich bereits ab 10.30 Uhr acht Polizisten aus Recklinghausen (NRW), Baden-Württemberg und Hessen im Jüdischen Museum Sicht auf die Stelle verschafft, wo Stunden später der Kessel entstehen sollte. Nach Aussage des ehemaligen Frankfurter DGB-Vorsitzenden Dieter Hooge habe die Polizei just an dieser Stelle bereits ab 12.30 Uhr mit 1500 bis 2000 behelmten und mit Pfefferspray ausgerüsteten Beamten Stellung bezogen. Mehr als 500 Bundespolizisten seien im Einsatz gewesen, heißt in der am Freitag bekanntgewordenen Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage von der Linke-Bundestagsabgeordneten Ulla Jelpke; Rhein mauert, nennt keine Zahlen. Panzerspähwagen und Wasserwerfer seien dort aufgefahren, als die Demo noch gar nicht losgelaufen war, so Wissler. Gegen 12.45 Uhr sei sie überhaupt erst an der Stelle angelangt, an der die Polizei in den Zug stürmte – Rhein hingegen hatte behauptet, der Kessel sei aufgrund eines »Anfangsverdachts auf Straftaten« entstanden. Dies ist, nach Wissler, die erste gravierende Lüge des Innenministers. Auf eine zweite Lüge Rheins verwies der von der Linken zum Pressegespräch eingeladene Augenzeuge, Rechtsanwalt Paulo Dias. Genau wie vier seiner Kollegen war er an diesem Tag über Stunden im Polizeikessel festgehalten worden – Rhein hingegen hatte beharrt: Jeder habe den Kessel nach Leibesvisitation und Feststellen der Personalien verlassen können.

Nicht nur von seiner Anwaltskanzlei werde es mehrere Klagen wegen Freiheitsberaubung und Fehlverhalten der Verantwortlichen geben, so Dias. Auch einer hochschwangeren Frau sei das Verlassen des Kessels verwehrt worden. Der Hannoveraner Anwalt berichtete außerdem empört vom Fall eines am Boden liegenden Manns, zu dem ihn Polizisten nicht durchgelassen hätten. Begründung: Dieser bräuchte keinen Anwalt. Nicht nur durch Polizeiverhalten sei im Kessel ein rechtsfreier Raum entstanden. Das Amtsgericht Frankfurt habe sich über den gesamten Zeitraum der Zwangsmaßnahmen für nicht zuständig erklärt.

Selbst wenn es aufgrund der fehlenden Stimmen der SPD keinen parlamentarischen Untersuchungsausschuß geben wird, die juristische und politische Auseinandersetzung mit den Rechtsverstößen der Polizei bei der Blockupy-Demo wird weitergehen. So gebe es Beweise dafür, daß Provokateure in die Demo geschleust wurden, berichtet Hans-Christoph Stoodt, Mitglied der Anti-Nazi-Koordination, gegenüber jW. Einem gelben VW-Bus mit Saarbrücker Kennzeichen, der vor dem Frankfurter Schauspiel zu einem Zeitpunkt geparkt worden sei, als die Polizei dort keine Privatwagen mehr durchgelassen habe, seien mehrere ältere Herren mit Kapuzenpullis entstiegen. Dies habe einer der Flughafenausbaugegner, die bei der Demo mitliefen, fotografiert. Das Fahrzeug sei zuvor von Augenzeugen im Konvoi der sächsischen Bereitschaftspolizei mit entfernbaren Blaulicht gesehen worden.

Aus: Junge Welt vom 6 Juli 2013

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Journalistisches...

Wir beobachten derzeit, dass „die Verdammten dieser Erde“ aufstehen und protestieren


Der Friedens- und Konfliktforscher Prof. Werner Ruf über den Zusammenhang zwischen Arabischem Frühling, Istanbul, Brasilien und Blockupy.

Weiterlesen: http://www.heise.de/tp/artikel/39/39413/1.html

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Die Liebe ist ein Kind der Freiheit


„Im Unterschied zu den Quanten gibt es für uns Menschen eine zusätzliche Möglichkeit, tragen wir eine weitere Sehnsucht und Bestimmung in uns: Wir können das Zusammenspiel von Freiheit und Verbundenheit erkennen und so bewusster, und das heißt: auch intensiver und freudvoller verwirklichen. Ohne dieses Bewusstsein können die beiden anderen Sehnsüchte nicht wirklich erblühen. Dieses Buch vertritt die Idee, das schon die bisherige, aber mehr noch die künftige Menschheitsgeschichte letztlich davon bestimmt ist, inwieweit es Menschen gelingt, diese drei Potentiale von Freiheit, Verbundenheit und Bewusstsein zu verwirklichen.“

Maik Hosang: Die Liebe ist ein Kind der Freiheit, S. 11

„Von den vielen Gedanken, die uns Platon von Sokrates überliefert hat, wählen wir einige aus seiner Schrift Gastmahl oder Gespräch von der Liebe aus. Wie nebenher erwähnt Sokrates darin, dass er sein Wissen über die Liebe vor allem Diotima, einer weisen Frau, verdankt.

Es ist nun also Eros von solcher Beschaffenheit und Herkunft, und die Liebe ist, wie du sagst, auf das Schöne gerichtet. Wenn nun aber jemand uns fragte: Inwiefern ist denn die Liebe auf das Schöne gerichtet, o Sokrates und Diotima? – was würden wir ihm antworten? Doch ich will es noch deutlicher ausdrücken: Wer des Schönen begehrt, was ist dem dabei der eigentliche Zweck seines Begehrens?
Dass es ihm zuteil werde, war meine Antwort.
Diese Erwiderung, wandte sie ein, bedarf einer neuen Frage: Was wird denn dem damit zuteil, welchem das Schöne zuteil wird?
Auf diese Frage, gestand ich, habe ich durchaus nicht mehr sogleich eine rechte Antwort zur Hand.
Nun, erwiderte sie, wie, wenn jemand statt des Schönen das Gute setzte und dich dann fragte: Wohlan, Sokrates, wer das Gute liebt, was begehrt der eigentlich damit?
Dass es ihm zuteil werde, war meine Entgegnung.
Und was wird jenem zuteil, dem das Gute zuteil wird?
Das, erwiderte ich, kann ich leichter beantworten: er wird glückselig.
Denn durch den Besitz des Guten, fügte sie hinzu, sind die Glückseligen glückselig. Und nun bedarf es nicht mehr der weiteren Frage: Was erstrebt derjenige eigentlich damit, welcher glückselig zu sein wünscht? Sondern hier scheint die Antwort am Ziele angelangt zu sein.

Maik Hosang: Die Liebe ist ein Kind der Freiheit, S. 22f.

„Das Wort „Liebe“ wird heutzutage für sehr viele verschiedene Dinge, Gefühle und Beziehungen verwendet, das macht es nötig, kurz darüber nachzudenken. Die Ausführungen bis hierher machen deutlich: Liebe ist in ihrer eigentlichen Qualität dort und nur dort vorhanden, wo Menschen aus freier Entscheidung das Da-Sein und das So-Sein eines anderen oder anderer innerlich und äußerlich bejahen und unterstützen.“

Maik Hosang: Die Liebe ist ein Kind der Freiheit, S. 27

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Fremdes...

Die Freiheit ist ein Kind der Liebe


für Esther und Lucie

„Wenn jedes Lebewesen nur lebendig ist und entwicklungsfähig bleibt, solange es aus sich selbst heraus etwas entwickelt, was wir bei uns selbst als ein Bedürfnis oder ein Motiv bezeichnen und was nichts anderes heißt als dass es etwas (leben, wachsen, sich vermehren) will, dann sollte sich auch erkennen und herausarbeiten lassen, woher dieses Bedürfnis kommt, wie es sich herausbildet und auf welche Weise und mit Hilfe welcher Strategien es gestillt werden kann.“

Gerald Hüther: Die Freiheit ist ein Kind der Liebe, S. 12

„Vielleicht ist die Liebe in Wirklichkeit eine Suche, vielleicht sind Liebende einander Suchende, die etwas von der Suche des anderen, von seinem Ringen nach Ganzheit erahnen. Vielleicht ist Liebe eine Suche nach der Offenheit für das in uns, was größer ist als wir selbst, von dem wir abgeschnitten sind durch unser Begehren, unsere Angst und unsere von anderen übernommenen Vorstellungen und Wünsche. Vielleicht ist Liebe eine Suche nach sich selbst, nach einer in uns selbst verborgenen Kraft, oder nach dem anderen und einer in ihm oder ihr verborgenen Kraft. Wenn Liebe als eine solche Suche verstanden wird – so verschwommen unsere Vorstellung von dieser Suche auch sein mag –, geht es in der Liebe nicht um die Befriedigung definierter, objektivierbarer und messbarer Bedürfnisse. Liebe wäre dann vielmehr ein Prozess des Werdens, ein Prozess der Entfaltung und der Entwicklung von Menschen in der Wechselwirkung ihrer Beziehung. Vielleicht ist Liebe also so etwas wie ein Motor für die Koevolution des Menschen, ein Prozess, in dem sich Menschen wechselseitig die Erfüllung und Verwirklichung ihrer tiefsten Sehnsucht in Aussicht stellen.“

Gerald Hüther: Die Freiheit ist ein Kind der Liebe, S. 16

„Um zu verstehen, weshalb so eine innere Bewegtheit angestoßen wird, müsste man herausfinden, was einem Menschen, der sich in einen anderen verliebt, dabei wirklich bedeutsam ist. Die etwas ernüchternde Antwort auf diese Frage lautet: er hofft, in dem anderen etwas zu finden, was ihm selbst fehlt. Wer in diesen Zustand des Verliebtseins gerät, ist also eigentlich ein Bedürftiger: er erhofft sich Nähe und Verbundenheit, Anerkennung und Zuwendung, Bedeutung und bisweilen sogar Sinngebung seiner eigenen Existenz durch einen anderen Menschen. Und je stärker die betreffende Person bisher unter dem Mangel an all dem gelitten hat, desto intensiver erlebt sie dieses Gefühl der Verliebtheit, wenn sie einem anderen Menschen begegnet, der ihr geeignet erscheint, diese eigenen ungestillten Sehnsüchte zu stillen. Das erzeugt eine starke Anziehungskraft und ein entsprechend starkes Gefühl, das noch weiter gesteigert wird, wenn das Objekt der Verliebtheit, also der oder die andere, die gleichen Sehnsüchte in sich trägt und ebenfalls in der Beziehung zu stillen hofft.
So verleiht die Verliebtheit einer Beziehung eine bisweilen enorme Intensität, aber nicht zwangsläufig auch Stabilität. Denn die Verliebtheit verwandelt sich sehr schnell in Ernüchterung, womöglich sogar Ablehnung und Hass, wenn das Objekt der Verliebtheit sich als ungeeignet erweist, die in sie oder ihn gesetzten Erwartungen zu erfüllen.
Liebe ist [aber] etwas [ganz] anderes. Liebe ist kein Gefühl. Liebe ist eine innere Einstellung, zu der manche Menschen über den Zustand der Verliebtheit finden. Das gelingt freilich nicht allen, denn es setzt voraus, dass der oder die andere irgendwann nicht mehr als Objekt zur Überwindung eigener Bedürftigkeit benutzt wird.
Es setzt voraus, dass man von dem Partner nichts erwartet, dass man ihn oder sie nicht länger zur Überwindung der eigenen Bedürftigkeit benutzt. Lieben kann deshalb nur jemand, der selbst mit beiden Beinen im Leben steht, der nicht mehr an seinem ungestillten Bedürfnis nach Verbundenheit einerseits und nach autonomer freier Lebensgestaltung andererseits leidet. Ein Liebender kann deshalb nur werden, wer in seinem Leben Gelegenheit hatte zu erfahren, dass er so, wie er ist, gemocht wird, dass er dazugehört und gleichzeitig autonom und frei sein darf. Um ein Liebender werden zu können, muss man also zumindest als Kind selbst [wirklich] geliebt worden sein [und eine sichere Bindung erfahren haben].
Diese Erfahrung wird im Frontalhirn verankert und kann später in der engen Beziehung zu einem anderen Menschen erneut aktiviert, verstärkt und dann auch für sich selbst bewusst gemacht werden. So entsteht aus den dabei in der präfrontalen Rinde gleichzeitig aktivierten und dabei miteinander verkoppelten emotionalen und kognitiven Netzwerken eine durch eigene Erfahrung heraus geformte innere Haltung oder Einstellung, eben die eines beziehungsweise einer Liebenden.
Diese Haltung bestimmt die Bewertungen, lenkt die Aufmerksamkeit und steuert das Denken, Fühlen und Handeln der betreffenden Person, also auch ihr Verhalten. Personen, die diese Haltung eines oder einer Liebenden heraus geformt haben, schaffen sich selbst auf diese Weise immer wieder Erfahrungsräume, in denen ihre Haltung durch entsprechende Erfahrungen weiter verstärkt wird. Wenn das in einer Partnerschaft beiden Lebenspartnern gelingt, bilden diese gemeinsam gemachten Erfahrungen die Grundlage einer stabilen Paarbeziehung, in der jeder der beiden Partner immer wieder neu fühlt und erkennt, dass er in dieser Beziehung beides gleichzeitig sein darf: zutiefst verbunden und absolut frei.“

Gerald Hüther: Die Freiheit ist ein Kind der Liebe, S. 52f.

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Journalistisches...

„Demokratie ist, was die Eliten darunter verstehen“


Elitenforscher Michael Hartmann über den Glauben der Eliten, besser zu wissen, was gut für das Volk ist.

Weiterlesen: http://www.heise.de/tp/artikel/39/39358/1.html
Alternative Version: https://www.neues-deutschland.de/artikel/829030.die-ignoranz-der-oberen-tausend.html

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Downloads und mehr...

Video: Kampagnen, die auf Sprache abzielen


Am 20.10.2011 saß ich zusammen mit Wolfgang Lieb von den Nachdenkseiten auf der Couch. Aber nicht etwa beim Psychiater, sondern auf der Konferenz „Soziale Bewegungen und Social Media“ des Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB) in Wien.

Im Ankündigungstext der Verstaltung heißt es: „Kampagnen der Arbeitgeber, die auf Sprache zielen // Wir diskutieren, → wer → warum → wie solche Phrasen wie «sozial ist, was Arbeit schafft» im Zuge einer gezielten Kampagne (Pleonasmus) als möglichst allgegenwärtigen Sermon durchsetzt, mit dem jede Kritik abgeschmettert werden kann, Debatten erstickt und Maßnahmen durchgesetzt werden.“

Die Aufzeichnung der Veranstaltung möchte ich Euch an dieser Stelle nicht vorenthalten. Mein PR-Berater bittet nur darum, darauf hinzuweisen, dass ich inzwischen 15 Kilo weniger „leicht“ bin ;).

Also dann…:

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Seelisches...

Wege aus Depressionen und Angst


„Man kann einen Menschen nichts lehren,
man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken.“
(Galileo Galilei)

„Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich aufgehört, mich meiner freien Zeit zu berauben,
und habe aufgehört, weiter grandiose Projekte für die Zukunft zu entwerfen.
Heute mache ich nur das, was mir Spaß und Freude bereitet,
was ich liebe und was mein Herz zum Lachen bringt,
auf meine eigene Art und Weise und in meinem Tempo.
Heute weiß ich, das nennt man EHRLICHKEIT.

Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich mich von allem befreit, was nicht gesund war für mich,
von Speisen, Menschen, Dingen, Situationen
und von allem, das mich immer wieder hinunterzog, weg von mir selbst.
Anfangs nannte ich das Gesunden Egoismus,
aber heute weiß ich, das ist SELBSTLIEBE.“
(Charlie Chaplin in „Als ich mich selbst zu lieben begann„)

Immer mehr Menschen entwickeln, gehäuft etwa ab der Mitte ihrer Lebensjahre, Ängste, Depressionen undoder andere „seelische Störungen“, wie es auf Neudeutsch so schön heißt.
Oft sind es Menschen, die schon immer sehr unruhig waren, Menschen, die sehr sensibel undoder aufmerksam undoder sehr besorgt und bemüht um andere waren.
Und immer – auch wenn die Betroffenen selbst es nicht mehr wissen oder nicht wahrhaben wollen – sind es Menschen, die in ihrer Kindheit Entbehrungen erleiden mussten, nie wirklich sichere Bindung und bedingungslose Akzeptanz erfahren durften; Menschen, denen schon früh Angst eingejagt wurde, welche sich in ihrem Körper und Habitus dann verfestigt und als Lebensmuster manifestiert hat.
Menschen, die so etwas wie „erlernte Hilflosigkeit“ ihr eigenen nennen, und zwar insofern, als dass sie nie gelernt haben, wirklich sich selbst und ihre Bedürfnisse zu fühlen; nie gelernt haben, dass sie und ihre Interessen richtig und wichtig und auch durchsetzbar sind.
Fabio Volo beschreibt das, dieses An-Sich-Selbst-Über-Jahre-Vorbeileben bis man es vielleicht eines Tages einmal bemerkt, bis man aufwacht und etwas hiergegen tut, in seinem Buch „Einfach losfahren“ sehr treffend, indem er Folgendes formuliert:

„Ich suchte nicht nach Veränderungen, sondern nach Beständigkeit. Meine Entscheidungen waren vollkommen von dieser Angst geprägt, und wer Angst hat, trifft nie Entscheidungen, die Ausdruck seiner Gefühle sind. Sie sollen einzig und allein die Angst in Schach halten und beruhigen. Ich wollte stets alles unter Kontrolle haben. Ich wollte steuerbare Situationen, auf der Arbeit, in Freundschaften, in Beziehungen.“

Auch ich habe über Jahre und Jahrzehnte so funktioniert, war mir meines goldenen Käfigs jedoch niemals bewusst. All der „weißen Flecken“, die es in meiner Wahrnehmung gab, sowie der Tatsache, dass viele – selbstschützende und -fördernde – Verhaltensoptionen von Beginn an ganz nicht erst denkbar waren, weil sie, versteckt hinter aller Angst sich durch allerlei Rationalisierungen dem Leben und der Option, wirklich gelebt zu werden, entzogen.
In meinem Gedicht „Inkognito“ habe ich das zu beschreiben versucht: Wie jemand tut und tut und immer denkt, in Freiheit zu handeln, bis er dann eines Tages, lange Zeit später erst, erkennt, dass diese Freiheit nicht viel mehr als die Wahl zwischen verschiedenen selbstschädigenden Verhaltensweisen, welche die alte, unbewusste Angst, einem aufnötigte, also eben keine Freiheit, sondern faktisch Gefangenschaft war.
Manfred Spitzer erklärt diese Zusammenhänge in einem Fernsehbeitrag dabei besser und klarer als sie die meisten Psychologen bis heute verstehen können undoder wollen:

Die Konsequenz aus dieser Perspektive lautet wie folgt: Reden, Denken oder gar Tabletten zu nehmen – all das nützt, wenn überhaupt, nur gegen die Symptome des Problems, nicht aber gegen das Problem selbst.
Wer wirklich frei sein will – und hier erinnere ich nur an Erich Fromms brillantes Werk “Die Furcht vor der Freiheit” –, der hat, das Spitzer’sche Bild der schwimmenden Ratten stellt es einleuchtend dar, nur eine Option: Zurück zum Anfang zu gehen, wieder zum Start, zum Ausgangspunkt – zurück auf Null.
Das meint: Langsamer werden, lange Zeit nichts mehr oder nur noch sehr wenig tun, und dann das Fühlen neu erlernen und all das zulassen, was hiermit verbunden – die Verhaltenstherapeuten sagen bspw. “Brückengefühle” hierzu – dann kommt.
Seinen Gefühlen und Impulsen – was man früher nie konnte und durfte und was daher neuronal auch noch gar nicht angelegt ist – vertrauen lernen und diesen dann folgen.
Lernen, lernen, lernen also – lernen, wie in Ruhe und ohne Stress und Druck und ohne Abtötung der Symptome, die den Weg aus der Problematik weisen, das Leben selbst einem aufzuzeigen beginnt: Hier geht es lang. Lerne, um im Bild zu bleiben, nun Schwimmen ohne diese alte Angst; und dann Laufen ohne sie. Lerne, dass Du selbst glücklich sein kannst und darfst – und erlaube Dir das.
Das ist ein langer, ein harter und ein schmerzhafter Weg. Aber wer „frei“ sein will, so wie ich, dem bleibt nur diese eine Option: Der muss Millimeter für Millimeter den goldenen Käfig der alten Angst verlassen und seine Handlungsspielräume allmählich erweitern hierbei.
Das ist es auch, was das Leben von uns erwartet, und bei dessen Nichterfüllung es uns sanktioniert: Es erwartet, dass wir uns entfalten, dass wir wachsen und gedeihen, dass wir immer größer, freier, bunter, tiefer, weiter und selbstständiger werden; und immer mehr „wir selbst“ – jender Mensch also, als der wir (eigentlich) gemeint gewesen sind.
Wer diesen Weg nicht gehen will, das beobachte ich leider allerorts, wer einfach „so weiter machen“ will oder muss, weil er seine eigene Not nicht in ihrer Gewordenheit zu ergründen und begreifen vermag, den ereilen mit den Jahren immer mehr seelische oder körperliche Leiden, den ereilen beispielsweise Tinnitus, Migräne, Krebs oder gar Multiple Sklerose, um nur einiges zu benennen.
Denn wer den goldenen Käfig der Angst nicht sukzessive „sprengt“, der lebt ein Leben, das nicht das seine ist – eines, in dem es keine wirkliche Wahl gen und Entwicklung hin zu wirklichem Wachstum und echter, freier Entwicklung gibt; und damit lebt er ein Leben, dass lebensfeindlich ist, und dies auch mit allen ihm möglichen Symptomen auszurücken und ihn somit auf „den Weg der Tugend“, nämlich „zu sich selber“, zurückzuzwingen versucht.
Vergessen wir die Ärzte und Psychologen, die meinen, wir hätten eine unheilbare „Stoffwechselkrankheit“ undoder müssten uns halt mit oder in unserem Leiden (nur) zu arrangieren lernen. Wahr ist: Diese „Stoffwechselkrankheit“ ist eine durch frühe, traumatische Erfahrungen organisierte neuronale Struktur, die uns früher half, am Leben zu bleiben, und der wir heute „beizubringen“ vermögen, dass sie, so, wie sie ist, nicht mehr sinnvoll und notwendig ist.
Daher: Lernen wir um, verändern wir „unser Gehirn“. Auf in die Freiheit, denn dorthin weht der Wind!
Kaum ein Mächtiger hat Interesse daran, dass es mehr und mehr Menschen gibt, die „Nein!“ sagen können, die sich trauen, sie selbst zu sein, die fühlen können und noch Mitgefühl haben; die sich selbst schützen und aus dieser starken Position heraus dann für andere stark sind. Kein Mächtiger hat Interesse hieran – aber wir, WIR haben es! Machen wir uns also auf den Weg…:

„Vergiß die Angehörigen, bestärke die Unbekannten, bück dich nach Nebensachen, weich aus in die Menschenleere, pfeif auf das Schicksalsdrama, mißachte das Unglück, zerlach den Konflikt. Beweg dich in deinen Eigenfarben, bis du im Recht bist und das Rauschen der Blätter süß wird“, heißt es diesbezüglich bei Handke so treffend wie schön.

Lesetipps:

– Frankfurter Rundschau vom 1. November 2012: Schule: Angst vor Mathe kann schmerzen
– Gerald Hüther, Uli Hauser: Jedes Kind ist hoch begabt: Die angeborenen Talente unserer Kinder und was wir aus ihnen machen

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Journalistisches...

Schluss mit PISA!


Gewerkschaft streitet über PISA-Kritik. Wolfram Meyerhöfer, Professor für Mathematikdidaktik, erklärt, warum es bei den Pisa-Tests nicht um Wissen, Bildung oder Verstehen geht.

Weiterlesen: http://www.heise.de/tp/artikel/39/39307/1.html
Alternative Kurzfassung: http://www.jungewelt.de/2013/06-13/044.php

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Journalistisches...

»Soziale Projekte lenken von echten Problemen ab«


Wo öffentliche Kassen leer sind, prägen an Schulen zunehmend private Stiftungen Aktionen etwa für Kriegsflüchtlinge. Gespräch mit Sabine Kruse.

Weiterlesen: http://www.jungewelt.de/2013/06-12/025.php
Alternative Version: https://www.neues-deutschland.de/artikel/824196.unsozialer-sozialer-tag.html

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Fremdes...

Wege zum Glück


1.

Was für die Menschen gut oder schlecht ist, stellt für Fromm keine abstrakte philosophische Frage dar, sondern eine ganz konkrete: Was uns wirklich glücklich macht, ist auch gut für uns. Das Erleben von Glück, und nicht etwa von Lust, ist nach Fromm somit ein Hinweis auf ein allgemein menschliches Gut. Lust taugt nicht als Kriterium, da zum Beispiel ein Faschist Lust erleben kann, wenn er andere unterdrückt. Für Fromm führt somit die spontane Selbstbejahung in der Liebe und im kreativen Tätigsein zu Selbstverwirklichung und psychischem Wachstum, was die beste Voraussetzung für das Glück darstellt. […]
Eine der wichtigsten und zugleich schwierigsten Herausforderungen, die einem auf dem Weg zur Freisetzung des wahren Selbst begegnen, ist die Akzeptanz und der Ausdruck abgelehnter Gefühle. […]
Gefühle können als Instrumentarium angesehen werden, mit dem der Organismus ausgestattet ist und das es ihm erlaubt, ohne Rücksicht auf den Verstand, der ohnehin immer alles besser weiß, Ereignisse zu bewerten. Emotionen sind somit das Ergebnis eines organismischen Bewertungsprozesses, der eigentlich von größter Wichtigkeit sein sollte. Wenn wir den menschlichen Organismus mit einem Flugzeug vergleichen und den Verstand mit dem Piloten, dann sind die Gefühle die Warnlämpchen und Anzeigentafeln, mit denen sich der Pilot jederzeit ein zuverlässiges Bild des momentanen Zustandes seines Flugzeuges verschaffen kann. Wenn nun die Nadel einer Anzeigetafel droht, in den roten Bereich vorzurücken, oder wenn eine Warnlampe aufblinkt, dann ist entsprechendes Handeln notwendig, um das Flugzeug wieder in die sichere Zone zurückzuführen. Genauso verhält es sich bei uns. […]
Wenn wir jederzeit auf unsere Gefühle und die damit verbundenen organismischen Bewertungsprozesse hörten, dann wären wir genau so, wie es unserem wahren Selbst entspricht. Wir wären ständig dabei, uns selbst zu aktualisieren und könnten uns immer so annehmen, wie wir wirklich sind. Leider mussten aber viele Menschen im Laufe ihres Lebens und insbesondere in der Kindheit und Jugend erfahren, dass sie so, wie sie sind, nicht immer geliebt und anerkannt werden. […]
Die Verinnerlichung solcher Beziehungsbotschaften und kritisierenden Zuschreibungen führt mit der Zeit dazu, dass sich beim heranwachsenden Menschen immer mehr eine Schere auftut zwischen dem, was er wirklich ist, und dem, was er denkt, dass er sein sollte. […]
Doch Selbstakzeptanz ist nur möglich, wenn man aufhört, sich etwas vorzumachen. Ohne Ehrlichkeit sich selbst gegenüber bestehen die Voraussetzungen nicht, um persönliche Eigenarten, Einstellungen oder Wünsche anzunehmen und sich als ganze Person zu bejahen. Häufig ziehen wir es aber vor, ein falsches Bild von uns zu zeichnen und dieses Bild anderen möglichst gut zu verkaufen. Im Kleinen ist das ganz harmlos und lustig, etwa wenn jemand über stadtbekannte Persönlichkeiten nur mit dem Vornamen spricht, wie das eine liebe Verwandte von mir tut, um den Anschein zu erwecken, als sei sie persönlich mit ihnen befreundet. Tragischer wird die Selbstbeleugnung jedoch, wenn ganze Lebensentwürfe und Selbstdefinitionen damit verbunden sind. […]
Wer sich weigert, sein eigenes Selbst ehrlich zu betrachten und immer wieder neu zu aktualisieren, wird [schließlich] Strategien der Absicherung, der Risikovermeidung, des Verhüllens und Verschleierns, des Anpassens und Vortäuschens, des Abwägens und Abwiegelns wählen, wenn er sich zu anderen Menschen in Beziehung setzt. Wer dagegen den Mut aufbringt, sich selbst so zu sehen, wie er ist, läuft weniger Gefahr, am eigenen Leben vorbeizuleben, als jemand, der hartnäckig an einem illusorischen und rigiden Selbstbild festhält. Die Aufrichtigkeit und die Ehrlichkeit sich selbst gegenüber benötigen viel Mut, denn es ist nicht leicht, eine Illusion aufzugeben, wenn noch nicht klar ist, was denn an der Realität besser sein soll. Doch jeder Mensch trägt eine Art Vision eines gelungenen Lebens in seinem Herzen, und seine Gefühle weisen ihn untrüglich darauf hin, wenn er sich nicht systematisch darin trainiert hat, diesen Gefühlen gegenüber taub zu sein.

Andreas Dick: Mut. Über sich hinauswachsen; S. 160 – 167

2.

Eine entmutigende Erziehung zeichnet sich dadurch aus, dass dem Kind ein negatives Selbstbild vermittelt […] und gleichzeitig […] die Notwendigkeit vor Augen geführt wird, dass es noch einen weiten Weg zurücklegen muss, um die Anerkennung und Liebe der Eltern zu verdienen. Nicht immer muss diese Art der Erziehung so offen zutage treten wie bei Kafkas Vater. Tatsächlich ist Entmutigung in der Erziehung [jedoch] derart weit verbreitet, dass praktisch die gesamte herkömmliche Pädagogik von diesem Übel durchdrungen ist. Denn bereits die Vorstellung, dass ein Kind zu irgendetwas „erzogen“ werden muss, verrät eine Einstellung, die das Kind als defizitäres Wesen sieht. Das Kind soll durch geeignete pädagogische Maßnahmen verwandelt, umgeformt und möglichst gut an die Erwachsenenwelt angepasst werden.
Gegen eine solche Sichtweise von Erziehung, von der praktisch alle „zivilisierten“ Kulturen durchdrungen sind, zumindest aber die westliche Kultur seit der Aufklärung, hat sich mit aller Entschiedenheit der deutsche Antipädagoge Ekkehard von Braunmühl gewandt. Antipädagogik wendet sich gegen jegliche Vorstellung, dass Kinder zu irgendwas hin erzogen werden sollten. Die Antipädagogik versucht, die Er-ziehung des Kindes durch Be-ziehung zwischen Kindern und Erwachsenen zu ersetzen. Die Art dieser Beziehung zeichnet sich durch ständige Ermutigung des Kindes aus. […]
Weil die allermeisten Erwachsenen [jedoch] selbst eine Er-ziehung „genossen“ haben, wissen sie leider nicht, wie es sich anfühlt, wenn sie sich uneingeschränkt lieben und annehmen können. Statt sich die erlittenen Schädigungen durch Eltern und Lehrer einzugestehen und im Erwachsenenalter durch förderliche Beziehungen und Psychotherapie möglichst auszugleichen, befinden sich viele Erwachsene im Irrglauben, dies sei der natürliche Seinszustand, zu dem sie auch ihren eigenen Kindern verhelfen sollten. Statt die Trauer und Enttäuschung über mangelnde Ermutigung seitens der Eltern, denen sie vertrauten, zuzulassen und sich selbst als wertvolles und liebenswertes Wesen neu zu entdecken, werden diese Gefühle abgewehrt. Nun wird durch entsprechende pädagogische Ambitionen und Maßnahmen viel Energie darauf verwendet, bei den eigenen Kindern die gleiche Art der seelischen Verkrüppelung [wie bei sich selbst] herbeizuführen.

Andreas Dick: Mut. Über sich hinauswachsen: S. 247f.

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Journalistisches...

13 Hochschulen sind schon dabei: Mit Zivilklauseln keine Forschung mehr für Rüstung und Krieg?


Deutschland ist inzwischen drittgrößter Waffenexporteur der Welt und die Bundeswehr in immer mehr Auslandseinsätzen aktiv. Das wirkt sich auch auf Hochschulen aus. Um die Freiheit der Forschung, vor allem aber den Frieden zu schützen, ist in den vergangenen Jahren eine neue Bewegung aufgekommen. Sie versucht, Hochschulen mittels Zivilklausel auf zivile Forschung zu verpflichten – und verbucht zunehmend Erfolg.

Weiterlesen: http://www.studis-online.de/HoPo/Hintergrund/zivilklauseln-fuer-hochschulen.php

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